Junge Migranten (Quelle: rbb)
(Quelle: rbb)

- Gewalttätige Migrantenkinder: Wer erzieht die Eltern?

Gewalt an den Schulen, sind die Lehrer überfordert? Wie sollen sie mit Kindern fertig werden, deren Eltern die deutsche Gesellschaft und ihre Werte nicht achten und ihre Kinder nach jahrhundertealten Geschlechtermodellen erziehen? Muss Schule neu definiert werden? Brauchen wir neben Wissensvermittlung auch wieder mehr Erziehung nach unseren Wertvorstellungen?

Gewalt an Schulen, dieses Thema ist in aller Munde. Lautstark überbieten sich die Politiker jetzt mit schnellen Lösungen. Brandenburgs Innenminister will gewalttätige Schüler gegebenenfalls abschieben lassen. Die Grünen fordern – mal wieder – die Abschaffung der Hauptschulen, die Gewerkschaften mehr Geld für die Schulen. Wir lassen die zu Wort kommen, über die derzeit soviel geredet wird. Warum beschimpfen Migrantenkinder – fast immer übrigens sind sie männlich - ihre Lehrer als Schweinefleischfresser? Warum sehen sie Schule nicht als Chance sondern als Kampfplatz? Wer hat diesen Hass in ihnen gesät, wie kann man gegensteuern? Andrea Everwien und Ulrich Krätzer suchen Antworten.

Schüler
„Isch bin hier der Boss, isch bin hier der Boss.“

Nein, wir sind nicht an der Rütli-Schule, wir sind auch nicht in Neukölln, sondern in Schöneberg, in einem eigentlich ruhigen Wohnviertel. Die Waldenburg-Schule, eine Hauptschule mit 280 Schülern, 61 Prozent sind nichtdeutscher Herkunft, im Berlin Vergleich nicht einmal viel. Probleme mit Gewalt und mit Integration kennt man aber auch hier.

Ralf Schiweck, Schulleiter Waldenburg-Schule
„Wir haben z .B. in den siebenten Klassen Schüler, die haben schon eine riesige Latte von Straftaten, das hatten wir früher nicht, also nicht in dieser Altersgruppe. Wir haben einen Jugendlichen, der war allein in diesem Jahr an fünf bewaffneten Raubüberfällen beteiligt.“

Die Schule tut was: Anti-Gewalttraining zum Beispiel mit der Polizei: Heute geht es um den 1. Mai. Die Jungen kennen sich aus: welche Waffen sollte man besser nicht mitbringen zur Demo, fragt der Herr von der Polizei.

Polizist
„Steine, ja.“
Schüler
„Totschläger.“
Polizist
„Todesschläger, Baseballkeule, Schlagwaffen ja.“
„Türkenschläger.“
„Was für’n Schläger?“
„Das ist – so ein Spiel.“

Da kann die Polizei noch was lernen. Immerhin: hier findet Unterricht statt, hier wird noch geredet. Bei manch anderem fällt das schon länger weg. Zum Beispiel – nennen wir ihn Ali, 16 Jahre alt. Ali ist sauer - gerade eben hat ihm der Direktor sein Messer abgenommen – Waffenverbot in der Schule.

Ali
„Auf der Straße spielt das anders, ich geh nicht zu ihm und sag tut mir leid, tut mir leid, ich rede mit ihm, ich schlag ihm auf die Fresse, aber wenn ich was dabei hab, benutze ich es auch, okay ich sag nicht, stech ich ihn hier ab, aber in die Beine stech ich ihn schon, er soll seine Schnauze halten… er soll keine Faxen machen, soll er weiter gehen, ist nicht so?“

Andreas Knop, Präventionsbeauftragter Abschnitt 42
„Da ist ne Respektlosigkeit gegenüber den Mitschülern vorhanden, die kümmern sich gar nicht um die Opfer, die sehen auch gar nicht die Stellung des Opfers. Welche einschneidenden Erlebnisse das für ein Opfer sind, wenn er geschlagen oder abgezogen wurde.“
„Ich will nisch sein wie ein Opfer, weißt du?“
„Lieber wie ein Täter?“
„Ja.“

Die üben noch so richtig cool zu sein: Grundschulkids. Wir sind in Kreuzberg. In einem Cafe ein paar Straßen weiter treffen sich besorgte deutsche Eltern und Schüler einer Grundschule, die eigentlich einen guten Ruf hat. Die Eltern wollen nur eins für ihre Kinder: Bildung.

Hans Selle, Vater
„Ich möchte einfach vermeiden, später dann einmal, das ist die große Angst des Vaters über 40, dass dann jemand sagt: na ja, also ihr Kind hatte bestimmt eine schwere Grundschulzeit, aber es kann nicht so richtig lesen und schreiben, also mit dem Gymnasium, das wird nun leider doch nichts.“

Diese Kinder wachsen mit Büchern und Bildern auf, Konflikte werden zuhause im Gespräch gelöst – nicht so in der Schule. Da schlagen schon in der dritten Klasse gewalttätige Jungs aus Palästina und der Türkei einfach mal zu.

Mika, 8 Jahre
„Erst hat aus gar keinem Grund Abdul einfach so gesagt: deutsche Kartoffel zu Marlon, dann hat Marlon gesagt: arabischer Reis – Dann hat Abdul ist hingegangen, hat ihn gleich ganz doll geschlagen ins Genick und auf die Wirbelsäule und auf den Kopf.“

Hanna, 8 Jahre
„Ich war auf dem Remisenhof und hab Fangen gespielt und dann kamen Abdul, Emre Can und Amre glaube ich und dann haben die mir in den Bauch getreten.“
KLARTEXT
„Ohne was zu sagen vorher?“
Hanna, 8 Jahre
„Ja.“

Die Eltern sind ratlos: seit über einem halben Jahr versuchen sie gemeinsam mit der Schule, die Aggressivität der arabischen und türkischen Jungen zu bändigen – bisher ohne großen Erfolg.

Heike Quanz, Mutter
„Wenn man versucht normal mit denen zu sprechen, dass sie das gar nicht wahrnehmen, dass sie das gar nicht gewohnt sind. So, wenn man sagt: Hier hör mal, denk doch mal darüber nach. Dann gucken die einen an, als käme man gerade vom Mars angeflogen. Und wenn man dann brüllt: Ey, hör auf. Und dann kommt’s an.“

Mika, 8 Jahre
„Abdul hat mir mal erzählt, dass er mit dem Gürtel Schläge kriegt, von seinem Vater.“

Das Problem sind die Väter, das Problem ist das Bild von Männlichkeit, das schon die kleinen Jungs lernen: nicht reden, sondern handeln. Nicht verhandeln, sondern bestimmen. Necla Kelek, türkische Autorin aus Berlin, hat das System von Respekt und Gehorsam beschrieben, in dem viele Jungen aus islamischen Familien auch hier aufwachsen.

Necla Kelek, Autorin
„Es wird Gehorsam verlangt. Es wird man nicht, es wird angewiesen. Eingefordert, dass Gehorsam das Entscheidende ist, gegenüber Älteren sich… nicht zu widersprechen, sondern höflich zu sein, die Hände zu küssen und dann wieder nach draußen zu gehen.“

Individuelle Förderung, lesen lernen, streiten lernen – viele arabische und türkische Jungen kennen das von zuhause nicht, sagt Necla Kelek. Die Kids sollen den älteren Männern Respekt erweisen und haben dafür das Anrecht auf Respekt von allen anderen.

Warum aber erweisen sie diesen Respekt nicht deutschen Lehrern? Nicht der deutschen Schule?

Necla Kelek, Autorin
„Weil der deutsche Lehrer eine andere Kultur abverlangt. Der deutsche Lehrer versucht, mit den Kindern zu reden. Allein diesen Versuch empfinden diese Kinder ja schon merkwürdig, weil sie da nicht wissen, wie sie zu antworten haben. Also reagiert er mit Gewalt darauf, weil er nicht weiß, was er antworten soll.“

Ralf Schiweck, der Schulleiter an der Waldenburg-Schule, kann das nur bestätigen.
Sein Problem: oft kommt er nicht einmal mit den Eltern seiner auffälligen Schüler ins Gespräch – und das ist nicht nur ein Sprachproblem.

Ralf Schiweck, Schulleiter Waldenburg-Schule
„Es gibt mittlerweile auch Familien – und da geh ich weiter – die gegen uns erziehen. Die auch gegen dieses Land, gegen die Normen und Werte in diesem Land erziehen.“

Still und unerklärt, dafür umso erbitterter wird in den Schulen ein Kulturkampf ausgefochten - auf dem Rücken der Jungen, die sich als Täter gebärden und doch auch Opfer sind.

Was kann man tun?

Berlin-Kreuzberg, ein Sozialprojekt gegen Jugendgewalt. Deutsche und türkische
Erzieher – Männer - arbeiten hier mit Jugendlichen, die schon mal auffällig geworden sind. Sie durchbrechen die traditionellen Geschlechterrollen – da muss Yussuf auch schon mal Suppe kochen und Mahsun schneidet die Gurke. Nicht nur posen und Stärke zeigen – mittlerweile macht ihnen das sogar Spaß.

Ercan Yasaroglu, Sozialarbeiter
„Was ist Männlichkeit, was ist Gewalt, was ist Ehre? Was ist Ein-Mann-Sein? Über diese Sachen haben wir uns auseinander gesetzt, das war sehr schwierige Arbeit.“
Yussuf
„Ercan und Achim sind ja wie Vertraute für meine Eltern, weil sie können ihnen alles sagen, können helfen, bis jetzt hat’s gut geklappt.“

Ercan Yasaroglu – ein Mittler zwischen den Kulturen. Erzieher wie er gehören auch an die Schulen – am besten schon an die Grundschulen. Damit Eltern und Kinder begreifen, dass sie hierher gehören – in die deutsche Gesellschaft.

Junge
„Mal gibt es gute und mal schlechte Zeiten, wir werden die Grenze des Schlechten überschreiten, wir werden uns in die Weiten der Welt leiten, wir werden auf unser Glück springen und da drauf reiten. Ich bin hier geboren und werde hier sterben.“

Beitrag von Andrea Everwien, Ulrich Kraetzer