Schwester bei Patienten (Quelle: rbb)
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Frauenkriminalität - "Wenn eine Frau ihren Partner tötet, empfindet sie es oft als Befreiungsschlag"

Colpan K. bedroht die Postangestellte mit einer Waffe - erbeutet 430 Euro Bargeld und Briefmarken im Wert von 4000 Euro. Dann flüchtet sie aus der Postfiliale in Michendorf. Nur drei Wochen später überfällt die 49-Jährige eine Poststelle in Berlin-Mitte. Das Landgericht Berlin verurteilt Colpan K. für diese Tat zu 5 Jahren und 9 Monaten Gefängnis. Fälle wie der von Colpan K. sind sehr ungewöhnlich.

Nur 6 Prozent der Strafgefangenen in Deutschland sind Frauen (2016). Auch verurteilt werden Frauen deutlich seltener als Männer: 2016 wurden 594 952 Männer verurteilt und nur 142 921 Frauen.

Prof. Dr. Birgitta Sticher ist Psychologin. Sie unterrichtet an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin vor allem Polizistinnen und Polizisten im Bachelor und Master und beschäftigt sich unter anderem mit Frauenkriminalität.

Prof. Dr. Birgitta Sticher (Quelle: rbb)
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Frau Sticher, welche Verbrechen begehen Frauen am häufigsten?

Die polizeiliche Kriminalstatistik sagt, dass Frauen mit ungefähr 30 Prozent bei Diebstahl, Betrug, Veruntreuung, Unterschlagung und Beleidigung vertreten sind.. Bei den schweren Gewaltdelikten, wie Mord, Totschlag und schwerer Raub sind sie fast verschwindend gering, mit ungefähr 12 Prozent - Männer mit 88 vertreten. 

Frauen sind viel seltener tatverdächtig, werden viel seltener verurteilt als Männer und sitzen viel seltener im Gefängnis. Woran liegt das?

Das ist eine Frage, auf die es ganz viele Antworten gibt. Ich würde zunächst gern zwischen Hell- und Dunkelfeld unterscheiden, weil hierfür jeweils ganz unterschiedliche Aussagen gelten. Das Hellfeld umfasst die Summe aller Delikte, die den Strafverfolgungsbehörden bekannt sind: Die polizeiliche Kriminalstatistik, die Verurteilten-Statistik und auch die Gefängnisstatistik. Das Dunkelfeld umfasst die Delikte, die nicht angezeigt wird, was nicht bei der Polizei, nicht in der Ermittlung landet. Man kommt im Dunkelfeld zu Ergebnissen, in dem z.B. Befragungen mit Probanden zu selbst verübten oder von ihnen erlittenen Delikten durchgeführt werden..

Bezogen auf die Delikte im Hellfeld muss man zunächst feststellen, dass Frauen bei ausgeprägten Gewaltdelikten, wie Mord, Totschlag oder Raub nur minimal vertreten sind. Dann gibt es aber auch Delikte, wie zum Beispiel Diebstahl und Verleumdung, da sind sie mit ca. 30 Prozent dann schon etwas höher vertreten. Das wirft die Frage auf: Warum sind Frauen bei schweren Gewaltdelikten so gering vertreten?

Wenn ich auf diese Frage antworte, droht die Gefahr, pauschale Aussagen über Frauen und Männer zu machen, die der Wirklichkeit nicht gerecht werden. Es gibt ganz viele verschiedene Modelle, wie Frau das Frausein lebt und wie Männer ihre Rolle leben. Aber bezogen auf die Gewaltdelikte wie Mord und Totschlag haben wir es mit  so einer eklatanten Differenz zwischen den Geschlechtern zu tun, für deren Erklärung der Rückgriff auf die tradierten Geschlechtsrollen eine wichtige Bedeutung hat: Wir müssen uns fragen: Welche für Frauen typische Lernerfahrungen liegen vor? Wie haben diese Frauen gelernt, mit Konflikten, mit besonderen Belastungen in ihrer Lebensgeschichte umzugehen?

Frauen neigen offenbar eher dazu Konflikte zu lösen, indem sie die Aggressionen nach innen verlegen, diese unterdrücken oder gegen sich selbst richten. Männer hingegen richten ihre Aggressionen stärker nach außen, greifen andere Personen vorwiegend körperlich an.

Bleiben Verbrechen von Frauen häufiger unentdeckt?

Hier würde ich gerne auf den Sozialraum Familie eingehen. Stellen Sie sich vor, ein Mann wird von seiner Partnerin geschlagen. Was für einen Grund hat er, dieses Handeln der Frau, ob es jetzt physische oder psychische Gewalt ist, anzuzeigen? Ein Mann wird, wenn er seinen Freunden und Kollegen erzählt - "Meine Frau hat mich geschlagen," -eher nicht Unterstützung und Verständnis erfahren. Er wird zunächst gefragt werden: Warum hast du dir das bieten lassen? Anderen zu erzählen, Gewalt durch eine Frau erfahren zu haben, ist für Männer eher beschämend, denn das passt nicht zu dem Männlichkeitsbild, was Männer von sich und wir von ihnen haben. Deswegen kommt es eher selten zur Anzeige von durch die Partnerin erlebte Gewalt in diesem häuslichen Bereich.

Bezogen auf die Gewalt an Kindern, von der Kindesmisshandlung bis zur Kindestötung, sind die Frauen als Täterinnen stark überpräsentiert. Warum ist das so? Die Hauptlast der Kindererziehung wird auch heute noch von den Frauen getragen, selbst wenn es immer mehr Väter gibt, die sich intensiv mit ihren Kindern beschäftigen. Kriminologen sprechen von einer "Tatgelegenheitsstruktur": Das heißt, wenn ich sehr viel mit etwas zu tun habe und in diesem Zusammenhang eine Belastung und viel Frustration erlebe, ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Ausleben von Aggressionen kommt, viel größer.

Der nächste Bereich, in dem Frauen als Täterinnen stärker vertreten sind, ist auch ein häuslicher: Frauen pflegen überwiegend Angehörige, ihre eigenen Eltern, die Eltern von Partnern und kranke Kinder. Auch hier ist - häufig aus einer extremen Belastungssituation heraus -  Aggression bis hin zu Gewalt eine mögliche Folge, die Frauen stärker betrifft, weil sie damit auch mehr zu tun haben.

Hier ist das Dunkelfeld also sehr groß?

Ja, Kinder und auch Pflegebedürftige zeigen Gewalt nicht an, weil sie das ja oft gar nicht können. Partner entdecken sie oft nicht und selbst wenn, gibt es "gute" Gründe, die Täterin nicht anzuzeigen: Würde die Frau wegfallen, wenn sie gegebenenfalls ins Gefängnis käme, wäre ihnen damit auch nicht gedient, denn wer übernimmt dann die Aufgaben, die die Frau bisher ausgeführt hat?

Die Verbrechen von Männern liegen häufiger im Hellfeld?

Ja, das ist zutreffend. Wenn wir wieder den häuslichen Bereich heranziehen: Inzwischen gibt es seit vielen Jahren eine Auseinandersetzung mit der Gewalt von Männern gegen Frauen im häuslichen Bereich. Die Frauen werden bewusst ermutigt, diese Gewalterfahrungen im häuslichen Bereich nicht mehr als Privatsache zu sehen. Feministinnen haben sich für Frauen und ihre Selbstbestimmung stark gemacht: Es gibt Frauenhäuser, es gibt Möglichkeiten der Beratung und Unterstützung um Frauen zu helfen, aus dieser Gewaltspirale auszusteigen. Wenn ein Mann in dieser Gewaltspirale gefangen ist, und das kann genauso passieren, gibt es aber relativ wenig Möglichkeiten der Hilfe. Die Wahrnehmung von Gewalt von Frauen an Männern sowie die Wahrnehmung der Opferrolle von Männern ist gesellschaftlich noch verzerrt.

Colpan K. vor Gericht (Quelle: rbb)
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Wie kann man sich denn die typische straffällige Frau vorstellen? Wie die Posträuberin Colpan K., die Geld nicht zurückzahlen konnte und dann zwei Banküberfälle beging? Oder ganz anders?

Statt von der straffälligen Frau zu sprechen, ist es, wie bereits ausgeführt, sinnvoller, nach Sozialräumen zu unterscheiden. Welche Sozialräume gibt es? Und was sind in diesen Sozialräumen mögliche Motivlagen, die stärker auf Frauen zutreffen, als auf Männer?

Wir haben bei Frauen häufiger im privaten Umfeld eine Überforderungssituation oder auch eine Situation der Opferwerdung in der Vergangenheit, die sich dann umkehrt, sodass die Frau zur Täterin wird, um sich von dieser Opferrolle zu befreien. Dann beseitigt sie vielleicht jemanden, der sie selber misshandelt hat oder jemanden der unter Alkoholeinfluss über viele Jahre gewalttätig war. Das ist bei Frauen schon eine etwas typischere Motivlage. Die Handlung, zum Beispiel die Tötung des Partners, wird lange geplant und dann als Befreiungsschlag erlebt.

Aber wir finden auch bei Frauen zahlreiche andere Motive, die wir bei Männern auch finden, wie z.B. Habgier oder den Wunsch, den alten Partner zu  beseitigen. Ebenso finden wir Handlungen im Affekt. Es gibt also eine Vielzahl an Motiven, die häufig auch zusammen auftreten. Jeder Fall ist letztendlich einzigartig. Selbst, wenn wir bestimmte Muster erkennen, die vielleicht bei Frauen häufiger vorkommen als bei Männern, ist mir wichtig, dass letztendlich jeder Fall einzigartig ist, sodass wir uns dann schwertun pauschal gültige Antworten zu geben.

Man sagt ja, "Frauen morden um loszuwerden und Männer morden um zu behalten." Ist da was dran?

Ja, für diesen Satz gibt auch durchaus einige Fälle, die das belegen. Aber es wird eben auch deutlich, dass Frauen auch aus verschiedensten anderen Motiven töten: Aus Hass, Eifersucht, Habgier. Mir sind aber wenig Fälle bekannt, in denen die Frau den Mann tötet, um ihn zu halten.

Für Männer kann ich das nicht so sagen. Bezogen auf den Intimizid, also die Tötung des Intimpartners, liegt bei Männern häufig eine narzisstische Dynamik vor: Sie sind in ihrem Stolz verletzt und töten aufgrund dieser Kränkung die Partnerin. Und häufig töten sie dann nach der Tötung der Partnerin auch sich selber.

Es gibt relativ wenig Morde von Frauen im Verhältnis zu Morden von Männern in diesem Bereich der Partnergewalt.

Gab es Zeiten, in denen Frauen häufiger straffällig wurden, als jetzt? Beispielsweise, als es noch bestimmte Gesetze gab, die nur für Frauen galten, wie das Nachtarbeitsverbot für Arbeiterinnen.

Was ganz deutlich ist: Die Kriminalität von Frauen ist im Krieg höher. Frauen werden dann vermutlich aus Fürsorge für Familienmitglieder kriminell. Die Frage ist: Welche Notsituation liegt vor, um durch Kriminalität Abhilfe zu schaffen?

Und sie haben natürlich Recht, die Kriminalitätsrate hängt teilweise von Gesetzen ab. Zum Beispiel sind Frauen in Zeiten, in denen die Prostitution noch verboten war, straffällig geworden, wenn sie sich prostituiert haben. Frauen werden heute viel stärker in ihrem Recht auf Selbstbestimmung unterstützt. Die Verschärfung des Sexualstrafrechts führt in der Folge zu einer zunehmenden Kriminalisierung von Männern.

Viele haben befürchtet, dass mit der zunehmenden Emanzipation - was man ja erwarten würde - Frauen deutlich öfter straffällig werden. Diese Befürchtung hat sich nicht bestätigt. Die Zahlen sind über die Jahre ähnlich geblieben.

Interview: Stefanie Mnich