Patricia Schlesinger (Bild: rbb/Oliver Ziebe)
rbb-Intendantin Patricia Schlesinger | Bild: rbb/Oliver Ziebe

rbb-Intendantin zu "24h Europe" - Vorwort von Patricia Schlesinger

Unser Kontinent ist – so scheint es – in aller Munde. Aber ist es noch "unser" Europa, über das aktuell so viel gesprochen und gestritten wird? Welches Bild von Europa ist das richtige? Das der Menschen, die in Großbritannien den "Brexit" herbeigeführt haben? Das von Viktor Orbán und seinen politischen Bundesgenossen oder eher doch das zwischen Emmanuel Macron und Angela Merkel diskutierte? Für das Projekt "24h Europe" haben wir uns entschlossen, die politische Bühne zu verlassen und dorthin zu gehen, wo "Europa" nicht abstrakt, sondern ganz praktisch ist: Im Leben der Menschen.

Rund zehn Jahre nach "24h Berlin" machen sich also wieder Kamerateams ans Werk, diesmal gemeinsam ausgesandt von ARTE, dem Bayerischen Rundfunk, dem Südwestrundfunk und dem rbb, der die Federführung für die ARD übernommen hat.

Thomas Kufus und Volker Heise steuern das Großprojekt, Britt Beyer übernimmt mit Vassili Silovic die Gesamtregie. Statt kaleidoskopartig auf eine Metropole oder ein Bundesland richtet sich der Blick nun auf ganz Europa, die Stelle der Berlinerinnen und Berliner, der Menschen aus Jerusalem oder Bayern nehmen junge Europäerinnen und Europäer ein.

Es gehört zu den Wundern der Geschichte, dass Berlin, die Stadt, von der aus so viel Unheil über den Kontinent verbreitet wurde, heute wieder wie ein Magnet auf junge Menschen aus ganz Europa wirkt, wie die gesamte Region von diesem Sog profitiert. Warum also – so hieß es ketzerisch im rbb – drehen wir die neuen 24h nicht in Friedrichshain oder Kreuzberg? Die Nationalitäten sind alle vertreten.

Donetsker DJs Anton und Pavel (Bild: Oleksandr Techynskyi)
Donetsker DJs Anton und Pavel

Ich möchte mit einem Zitat antworten, das (wohl fälschlicherweise) Alexander von
Humboldt zugeschrieben wird: "Die gefährlichste Weltanschauung ist die Weltanschauung derer, die die Welt nie angeschaut haben."

Zu den vornehmsten Aufgaben unserer Medien gehört es, den Blick über den eigenen Tellerrand zu ermöglichen, dazu einzuladen, scheinbar Fremde und augenscheinlich Fremdes kennenzulernen. Mit dem Projekt "24h Europe" machen wir deutlich, wie divers und auch wie kontrovers das Zusammenleben der Menschen in unserer unmittelbaren, europäischen Nachbarschaft ist. Wir stellen der großartigen Vision vom geeinten Europa eine Live-Betrachtung junger Menschen gegenüber, die heute in Europa leben und die uns an ihrer ganz eigenen Wahrnehmung des Kontinentes teilhaben lassen.

Die Unterschiedlichkeit der Auffassungen und Lebensstile, die teilweise gegensätz-
lichen Haltungen und Wertesysteme, denen wir auf unserer eintägigen Reise kreuz und
quer durch den Kontinent begegnen, wecken manchmal Zweifel daran, wie tragfähig
der Wunsch nach dem einen, dem gemeinsamen Europa sein kann.

Sie wecken in meinen Augen aber vor allem Lust: Lust auf das Kennenlernen, Lust auf die Unterschiedlichkeit, Lust auf das Europa von morgen.