Kleiner Junge verdeckt mit Hand Augen, um Impfspritze nicht zu sehen (Bild: Colourbox)
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Impfen: Zwei Ärzte über die Pros und Contras - Kinder impfen - was ist wichtig, was streitbar?

Kinder gegen die Masern zu Impfen ist seit 1. März 2020 Pflicht – aber wie sieht es mit Röteln, Mumps oder Windpocken aus? Wann ist Impfen für wen sinnvoll - wann nicht? Die rbb Praxis informiert - mit zwei Kinderärzten, acht Fragen und 16 Antworten zu den wichtigsten Pros und Contras rund um das Thema Impfen.

Die Idee ist einfach: Durch eine Impfung soll das Immunsystem "angelernt" werden, an lebenden oder toten Keimen einen Feind für die Zukunft erkennen lernen. Dadurch kann dann verhindert werden, dass ein Mensch erkrankt an teilweise schweren Krankheiten - durch geimpfte Immunität.

Doch welche Impfungen müssen auf jeden Fall sein? Wie geht man dabei mit den kleinen Patienten um und für wen bestehen Risiken beim Impfen? Wir haben zwei Berliner Ärzte im Doppelinterview befragt.

Welche Impfungen empfehlen Sie für Kinder?

Dr. Martin Karsten: Ich schließe mich den Empfehlungen des Robert Koch-Instituts und der Ständigen Impfkommission (STIKO) an. Zusätzlich empfehle ich auch gegen Grippe zu impfen – gerade die Kindergarten- und Krippe-Kinder. Denn Kinder sind das Feuer der Epidemie: Sie bringen die Grippe in der Regel in die Familien und auch zu den über 60-Jährigen Großeltern.

Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Erst einmal geht es mir weniger um das, was ich als Arzt empfehle. Mich interessiert zunächst, mit welcher Frage die Eltern zu mir kommen – um sie anschließend dort abzuholen, wo sie gerade stehen. Auf der anderen Seite trage ich Sorge dafür, dass die Eltern gut informiert sind über die öffentlichen Impfempfehlungen der STIKO und erläutere sie gegebenenfalls ergänzend. Persönlich möchte ich dem Kind eine gute Basis-Immunisierung zukommen lassen, mit der sowohl die Eltern als auch ich als Arzt gut leben können. Dazu gehören für mich mindestens die Impfungen gegen Tetanus, Diphterie, Polio, gegebenenfalls Keuchhusten und Masern.

In welchem Alter sollte geimpft werden?

Dr. Martin Karsten: Wenn die Kinder acht Wochen alt sind, kann grundsätzlich mit dem Impfen begonnen werden.

Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Aus Sicht der öffentlichen Gesundheitsversorgung spricht vieles dafür, Kinder sehr früh zu impfen. Aus persönlicher Sicht kann das anders aussehen: Einige Eltern haben ein mulmiges Gefühl dabei, ihr Kind mit acht Wochen impfen zu lassen, z.B. weil sie Infekte im ersten Lebensjahr bei einem vorangegangenen Kind mit einer frühen Impfung in Verbindung bringen.

Als Arzt kann ich dann sagen: Das stimmt nicht, das sind nur Märchen von Impfgegnern und jetzt impfen wir erst einmal. Dann wenden sich diese Eltern wahrscheinlich komplett ab. Was ich daher lieber mache: Aufmerksam zuhören und die Sorgen ernst nehmen, statt alle vermuteten unerwünschten Wirkungen zu negieren. Dadurch kann ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Arzt oder Ärztin und Eltern entstehen und auch skeptische Eltern können Vertrauen in Impfungen aufbauen.

Welche Impfungen halten Sie für unnötig?

Dr. Martin Karsten: Die von der ständigen Impfkommission empfohlenen Impfungen halte ich alle für ganz klar indiziert. Mit dem Corona-Virus haben wir eine neue Erkrankung, die wir nicht kennen und für die es keine Impfung gibt. Was ich aktuell erlebe ist, dass sich Eltern in meiner Kinderarztpraxis plötzlich viel mehr nach Impfungen erkundigen als früher und der Wert von Impfungen auf einmal viel mehr wertgeschätzt wird.

Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Für die Rota-Virus-Impfung sehe ich beispielsweise nur wenig Sinn in einem westlichen Industrieland wie Deutschland, wo wir keine wirkliche Not haben mit den Komplikationen von Magen-Darm-Erkrankungen. Zudem gibt es immer noch gewisse Sicherheitsbedenken bei dieser Impfung.

Trotzdem ergeben sich unterschiedliche Schlussfolgerungen für Eltern: Die einen Eltern beschäftigen viele kritische Fragen zum Thema Impfen, andere haben vielleicht ein stärkeres Sicherheitsbedürfnis – das sollte bei einer Impfentscheidung individuell berücksichtigt werden.

Für wen bestehen Risiken bei der Impfung?

Dr. Martin Karsten: Große Risiken bestehen nur, wenn Kinder angeborene Immundefekte haben und man dann eine Lebendimpfung macht. Immundefekte werden aber seit einem Jahr mit dem neuen Neugeborenen-Screening erfasst. Angeborene Immundefekte sind allerdings extrem selten: etwa zwei, drei Kinder pro Jahr in einer Größenordnung von Berlin sind betroffen. Bis auf die Rota-Viren-Impfung handelt es sich bei den Erstimpfungen für Neugeborene aber ohnehin um Totimpfungen, bei denen keine Risiken bestehen.

Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Die Impf-Nebenwirkungen werden oft nicht vernünftig erfasst, obwohl es eine Meldepflicht gibt. Insbesondere bei neu eingeführten Impfstoffen sollte es eine aktive Erfassung von Nebenwirkungen geben.

Viele Eltern suchen unsere Praxis auf, nachdem sie folgende Erfahrung gemacht haben: Kurz nach einer Impfung habe sich das Kind merkwürdig verhalten oder bewegt. Ihnen sei dann gesagt worden, all das habe mit der Impfung nichts zu tun. Ich frage mich: Warum ist die Kollegin oder der Kollege nicht bereit, den Eltern zuzuhören und die beschriebenen Nebenwirkungen gegebenenfalls an das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) weiterzugeben – obwohl es seine ärztliche Pflicht ist? Wie das PEI das dann bewertet, durch Rückfragen an die Eltern etc. – das ist eine andere Geschichte.

Welche Risiken gibt es, wenn man nicht impft?

Dr. Martin Karsten: Wenn man nicht impft, bestehen Risiken schwer zu erkranken: von einer Hirnhautentzündung zu einer Lungenentzündung und anderen schweren Infektionskrankheiten. Später, mit etwa einem Jahr, kommen die Kinderkrankheiten dazu: Mumps, Masern, Röteln, Windpocken. Werden zu wenige Menschen geimpft, gibt es keinen Herdeneffekt mehr, Krankheitserreger können sich epidemisch ausbreiten.

Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Das kommt darauf an, um welche Impfung es sich handelt: Tetanus, der Wundstarrkrampf, ist eine für Betroffene oft tödlich verlaufende Infektionskrankheit – Tetanus ist aber nicht ansteckend. Das heißt, die gesellschaftliche Bedeutung und die soziale Dimension einer Entscheidung gegen eine Tetanus-Impfung ist eine andere, als sich gegen eine Impfung von hochansteckenden Masern zu entscheiden – und damit zu verantworten, gegebenenfalls noch Säuglinge oder alte Menschen anzustecken. Jetzt gibt es ohnehin die Impfpflicht, aber ich habe die Masernimpfung meinen Patienten auch schon lange Jahre vorher sehr deutlich nahe gelegt.

Wenn ein Kind bereits Windpocken hatte, wie sinnvoll ist dann noch eine spätere Impfung dagegen?

Dr. Martin Karsten: Wenn eine Mutter mir sagt: Das Kind hatte Windpocken und das hat ein erfahrener Kinderarzt diagnostiziert, dann hatte das Kind Windpocken – und dann würde ich nicht gegen Windpocken impfen, weil das Kind bereits immun ist.

Wenn sich die Mutter unsicher ist, ob es Windpocken waren, dann würde ich impfen. Da hilft auch kein Bluttest zur Antikörper-Bestimmung, denn diese Tests sind nicht zu 100% zuverlässig.

Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Wenn ein Kind bereits Windpocken hatte, muss es nicht dagegen geimpft werden. In Schweden und einigen anderen europäischen Ländern beispielsweise gibt es gar keine Impfempfehlung gegen Windpocken. Auch ich selber bin letztlich nicht überzeugt von der flächendeckenden Impfempfehlung gegen diese Erkrankung. Trotzdem impfe auch ich gegen Windpocken, je nach individuellem Gespräch mit den Eltern.

 

Welche Impfungen sollten Eltern haben?

Dr. Martin Karsten: Auch Erwachsene sollten den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission folgen. Aber nehmen wir das Beispiel Masern: 93 Prozent der Kinder im Raum Berlin-Brandenburg sind geimpft, das ist schon gut – aber reicht noch nicht. Der Effekt des Herdenschutzes tritt erst bei einer Quote von etwa 95 Prozent geimpfter Personen ein. Bei Erwachsenen werden diese Quoten – eigentlich bei allen Impfungen – nicht annähernd erreicht. Daher sollten sich auch Mediziner für Erwachsene mit ihren Patienten stärker mit dem Thema Impfen beschäftigen.

Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Eltern sollten zuallererst einmal darauf achten, dass sie geschützt sind gegen Masern, Mumps und Röteln. Die Eltern von heute sind alle nach 1970 geboren und gehören damit auch zu den Risikogruppen der zum Teil noch unzureichend geimpften Populationen.

Was wollen Sie unseren Leserinnen und Lesern noch zum Thema Impfen mitgeben?

Dr. Martin Karsten: Wenn ein Kind heute vollständig geimpft ist, sprich: auch zusätzlich zu den Empfehlungen der STIKO gegen Meningokokken B und Pneumokokken, dann können Sie schlimme Krankheiten wie Hirnhautentzündung, Knochenhautentzündung und Lungenentzündung nahezu ausschließen – ein geringes Restrisiko besteht natürlich immer.

Und: Wenn ihr Kind durchgeimpft ist, können Sie davon ausgehen, dass es auch viel weniger Antibiotika braucht. Das ist etwas Entscheidendes fürs Leben: Denn durch Antibiotika wird bei kleinen Kindern das Mikrobiom im Darm nachhaltig gestört.

Dr. Stefan Schmidt-Troschke: Ich glaube, das Thema Vertrauen ist in jeder Hinsicht wichtig. Das Impfwesen selber muss so gestaltet sein, dass mehr Vertrauen möglich wird. Da ist noch einiges zu tun: Probleme sollten nicht einfach verdrängt oder totgeschwiegen, sondern offen angesprochen werden. Wir brauchen Vertrauen in die Behörden und die Politik, dass sie offen sind dafür, die Probleme zu hören.

Wir brauchen keinen Impfzwang. Er wird eher dazu führen, die Entstehung von Vertrauen in andere Impfungen zu behindern. Vertrauen entsteht durch Offenheit und Transparenz. Zwei bis vier Prozent Impfgegner wird es immer geben, aber innerhalb einer Vertrauenskultur wird sich der Großteil der Bevölkerung verantwortlich auch den wichtigsten Impfungen gegenüber verhalten. Das ist am Ende dann der gemeinsame Nenner, auf dem wir uns treffen können und den wir brauchen.

Die Interviews führte Ariane Böhm