Menschen unterschiedlicher Generationen sitzen an einem Tisch und essen (Quelle: imago/Westend61)
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Wohnen im Alter - Zu vielen ist man weniger allein

Im Alter nicht allein wohnen - das wünschen sich viele Menschen. Doch wer keine eigene Familie hat, für den bleibt dann oft nur das Pflegeheim. Und das ist nicht unbedingt die Wohnform, die den meisten vorschwebt, wenn es um gemeinschaftliches Wohnen geht. Doch welche Alternativen gibt es? rbb Praxis stellt die Idee "Mehrgenerationen-Wohnen" vor.

Das Wort sagt es eigentlich schon: Mehrgenerationen-Wohnen meint, dass in einem Haus oder in einer größeren Wohneinheit mehrere Generationen zusammen wohnen. So wie es früher eigentlich üblich war, als Großfamilien noch unter einem Dach wohnten. Die Oma hat auf das Enkelkind aufgepasst, die mittlere Generation das Feld bestellt und die Kinder haben allen das Gefühl gegeben, gebraucht zu werden. Eine idyllische Vorstellung und viel zu unrealistisch für unsere heutige Zeit? Nicht unbedingt. In Berlin gibt es eine ganze Reihe von Wohnprojekten, die nach ähnlichem Vorbild funktionieren. Wie zum Beispiel das Projekt "Alte Schule" in Karlshorst. Seit 2007 wohnen dort über 60 Menschen, vom Kleinkind bis zum Rentner.

Verschiedene Modelle des Mehrgenerationen-Wohnens

Man kann die Idee des Mehrgenerationen-Wohnens im Rahmen einer Wohngemeinschaft umsetzen, die sich eine Wohnung oder ein Haus teilen. Das ist allerdings deutlich seltener der Fall, als Wohnanlagen, in denen jeder seine eigene Wohnung hat und es dann Gemeinschaftsräume gibt, die für bestimmte gemeinschaftliche Aktivitäten genutzt werden können. In der "Alten Schule" in Karlshorst gibt es zum Beispiel Arbeitsgruppen für den Garten, das Kochen und sogar für die Öffentlichkeitsarbeit. Dort sind sechs der 21 Wohnungen auch behindertengerecht ausgebaut und es gibt ein Kinderhaus, in dem zehn Kinder wohnen, die aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren Eltern wohnen können.

Die "Alte Schule" geht damit schon ein Stück in Richtung der dritten Form des Mehrgenerationen-Wohnens, wo bestimmte Gruppen wie Demenzkranke oder Menschen in der letzten Lebensphase eingebunden werden können.  "Das braucht aber professionelle  Unterstützung", sagt Sabine Eyrich,  Diplom-Ingenieurin für Stadtplanung der Netzwerkagentur "GenerationenWohnen". Es geht also nicht immer nur um die "gesunden Alten". Aber wer auf Hilfe angewiesen ist, sollte sich genau erkundigen, was das Wohnprojekt in dieser Hinsicht tatsächlich bieten kann - ob es zum Beispiel bestimmte Serviceeinrichtungen wie einen Pflegedienst in der Nähe gibt. "Die meisten der Interessenten für Mehrgenerationen-Wohnen, die wir beraten, sind zwischen 55 und 65 Jahre alt", sagt Sabine Eyrich. Das ist das Alter, in dem man noch aktiv daran mitgestalten kann, wie man im Alter leben will.

Anforderungen an das Mehrgenerationen-Wohnen

Für wen ist das Mehrgenerationen-Wohnen geeignet? Um es gleich vorweg zu sagen: nicht für Menschen, die nach leichten Lösungen suchen. Fast alle Mehrgenerationen-Wohnprojekte sind durch die Initiative von einzelnen Personen oder Gruppen entstanden, die sich dann einen Träger oder ein Architekturbüro gesucht haben, um ihre Idee umzusetzen. Von Menschen, die in einem solchen Projekt wohnen wollen, wird erwartet, dass sie bei der Gestaltung mitwirken und eigene Ideen einbringen. "Sie sollten außerdem kontaktfreudig sein und bereit sein, anderen auch mal zu helfen, sagt Peter Stawenow vom Sozialwerk Berlin e.V., der sich seit vielen Jahren mit alternativen Wohnformen im Alter beschäftigt. Mitwirkung bei der architektonischen Planung wird erwartet, aber auch eine Entscheidung in der Frage, wie gemeinschaftlich man denn wirklich leben will.

Ganz so wie in der alten Großfamilie sei es natürlich nicht, sagt Peter Stawenow. "Jeder möchte noch seinen Rückzugsraum behalten". In Berlin leben 50 Prozent aller Menschen in Single-Haushalten. Das erzeugt einerseits das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Andererseits haben viele Menschen verlernt, sich auf andere Menschen einzustellen oder gar etwas für andere zu tun. Wer dazu aber bereit ist, für den kann das Mehrgenerationen-Wohnen eine echte Bereicherung sein. Junge Familien werden entlastet, in dem die Älteren auf die Kinder aufpassen oder ihnen bei den Hausaufgaben helfen. Die Älteren erfahren dafür vielleicht Hilfe beim Einkaufen, bei bestimmten Arbeiten im Haushalt oder beim Umgang mit dem Computer. "Vielen älteren Menschen hilft es, wenn sie in Vorleistung gehen, dann können sie später besser Hilfe annehmen", sagt Peter Stawenow. Ganz wichtig ist es also, sich vorher klar zu sein: Was kann ich tun und was erwarte ich von den anderen?

Die Finanzierung des Mehrgenerationen-Wohnens

Ein Großteil der Mehrgenerationen-Wohnungen in Berlin sind Eigentumswohnungen. Das liegt daran, dass das Land Berlin vor gut zehn Jahren seine Wohnungsbauförderung so gut wie eingestellt hat. Seit 2012 "ist da wieder mehr Bewegung drin", sagt Sabine Eyrich; das Land fördert jetzt auch den Mietwohnungsbau wieder mehr. Vor allem von den großen Wohnungsbaugenossenschaften ist da in nächster Zeit einiges zu erwarten. Wer über wenig oder kein Eigenkapital verfügt, sollte aber nicht von vorherein aufgeben. Die Wohnungen in der "Alten Schule" sind Mietwohnung mit einem Quadratmeterpreis um die fünf Euro kalt.

Beitrag von Ursula Stamm