Unendlichkeitssymbol über schlaflosem Mann (Quelle: imago/Ikon Images)
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Interview | Schlafstörungen - Müdes Deutschland

Immer mehr Menschen in Deutschland haben Probleme beim Ein- und Durchschlafen. Jeder Zehnte leidet laut einer aktuellen Studie unter einer besonders schweren Schlafstörung. Wo die Ursachen liegen und was dagegen hilft, erklärt Prof. Dr. Ingo Fietze, Leiter des Interdisziplinären Schlafmedizinischen Zentrums an der Charité Berlin.

Herr Prof. Fietze, warum nehmen Schlafstörungen in Deutschland so massiv zu?

Der Hauptgrund dafür ist, dass das Leben in dieser stressigen 24-Stunden Gesellschaft immer mehr Auslöser bietet für einen schlechten Schlaf. Viele Menschen haben zwei Jobs und müssen auch über die Kernarbeitszeiten hinaus erreichbar sein. Und auch in der Freizeit spielt die Beschäftigung mit Smartphone und Computer eine große Rolle, was das abendliche "Abschalten" erschwert. Ein weiterer Auslöser ist Schichtarbeit, die eher mehr als weniger wird. Immer schon vorhandene Faktoren sind das erste Kind, die Menopause bei Frauen, aber auch Drogenkonsum und eine Vollnarkose. Bei einer Narkose werden Medikamente verabreicht, die einen starken Einfluss auf das Schlaf-Wachzentrum haben, was in der Folge eine chronische Schlafstörung auslösen kann.

Welche gesundheitlichen Auswirkungen hat schlechter Schlaf?

Wenn man schlecht oder zu kurz schläft oder sogar beides, dann läuft man Gefahr Bluthochdruck zu bekommen, diese Gefahr ist bei Frauen größer als bei Männern. Man läuft Gefahr einen Diabetes zu entwickeln, sogar Krebs zu bekommen, wenn eine genetische Anlage für eine Krebserkrankung hinzukommt. Und nicht zuletzt: Es leidet die Lebenserwartung. Außerdem gibt es einen Zusammenhang zwischen Depressionen und Schlafstörungen. Depressionen können Schlafstörungen auslösen, aber auch umgekehrt.

Suchen Betroffene rechtzeitig ärztliche Hilfe?

Nein. Laut DAK Report waren nur 4,8 Prozent der Betroffenen in den letzten zwölf Monaten wegen ihres schlechten Schlafs in Behandlung. Die meisten warten viel zu lange ab und da müssen wir vermehrt aufklären, dass ein schlechter Schlaf nicht monate- oder gar jahrelang hingenommen werden sollte. Es gibt eine klare medizinische Definition, die besagt, dass wenn jemand drei Monate lang schlecht schläft, eine bereits chronische Insomnie besteht. Am besten wäre es, wenn Betroffene schon innerhalb dieser drei Monate zum Arzt gehen würden, wenn sie merken, dass der Schlaf in dieser Zeit nicht besser wird.

Welchen Arzt sollte ich dann aufsuchen?

Das ist das nächste Drama. Für die meisten anderen Erkrankungen gibt es Spezialisten, an die man sich wenden kann. Bei Schlafstörungen ist das schon schwieriger. Es gibt zwar rund 800 Schlafmediziner in Deutschland, aber die wenigsten arbeiten in einer Praxis, sondern meistens in Kliniken. Zudem sind sie von Haus aus Neurologen, Kardiologen, HNO-Ärzte oder Kinderärzte, die sich zusätzlich mit Schlafmedizin beschäftigen. Nur eine kleine Gruppe macht hauptsächlich Schlafmedizin. Wenn Sie Glück haben, kennt sich Ihr Hausarzt mit Schlafstörungen aus. Aber es ist immer noch so, dass viele Medizinstudenten das Studium beenden, ohne jemals etwas über Schlafstörungen gelernt zu haben.

Gibt es - neben der Schwierigkeit, einen passenden Arzt zu finden - noch andere Gründe, warum Betroffene keine medizinische Hilfe suchen?

Das ist auch ein "Imageproblem". Sagen Sie mal Ihrem Arbeitskollegen: Ich schlafe schlecht. Dann sagt der: Hab dich mal nicht so, ich habe heute Nacht auch schlecht geschlafen. Es wird häufig abgetan als Befindlichkeitsstörung, die nur vorübergehend besteht. Dabei sind Menschen, die dauerhaft schlecht schlafen, häufig gar nicht arbeitsfähig. Hier sollten sich Ärzte bei einer Krankschreibung ruhig trauen, auch "Schlafstörung" hineinzuschreiben und gegebenenfalls jemanden auch mal zwei oder drei Monate deswegen krankzuschreiben, damit er sich wieder erholen und seinen Schlaf normalisieren kann.

Einerseits sind Schlaftabletten sehr umstritten, andererseits werden sie häufig, auch auf eigene Faust, eingenommen. Welche Rolle spielen Medikamente in der Behandlung von Schlafstörungen?

Bei einer chronischen Schlafstörung hat die Schlaftablette aus meiner Sicht ihre hundertprozentige Berechtigung. Der Schlafmediziner kann seinen Patienten nicht operieren, er hat keine andere Therapie zur Verfügung als Medikamente. Trotzdem bin ich nicht derjenige, der sagt: Greift sofort zur Pille. Es gibt natürlich einen Stufenplan und der fängt bei der Prävention an. Eine chronische Schlafstörung, die ich im Vorfeld verhindern kann, muss ich nicht mit Tabletten behandeln. Die Nebenwirkungen, die das Image der Schlaftablette so beschädigt haben, wie Abhängigkeit und Tagesmüdigkeit haben hauptsächlich die alten Benzodiazepine, die bei chronischen Schlafstörungen gar nicht mehr eingesetzt werden sollten.

Es gibt eine andere Wirkstoffgruppe, die sogenannten Z-Präparate, die deutlich weniger Nebenwirkungen haben; sie verursachen zum Beispiel  keine Tagesmüdigkeit, weil sie nicht länger als vier bis sechs Stunden wirken. Was die Abhängigkeit angeht: Man wird von jeder Form der Therapie psychologisch abhängig, weil man den Therapieeffekt merkt. Jemand der seine Blutdrucktablette morgens vergisst, merkt das nicht. Der Schlafgestörte, der seine Tablette nicht nimmt oder auf einer anderen Matratze schläft, schon. Problematisch ist, wenn Patienten mangels ärztlicher Betreuung die Dosis der Schlaftabletten auf eigene Faust erhöhen. Wenn eine Tablette nicht ausreichend wirkt, sollte man sie absetzen und etwas Neues versuchen, allerdings in Absprache mit einem Arzt.

Was kann ich tun, wenn ich nicht gleich Tabletten einnehmen will?

Hier spielt die kognitive Verhaltenstherapie eine bedeutende Rolle. Dabei geht es um alles, was informiert und entspannt, etwa autogenes Training oder die progressive Muskelentspannung nach Jacobson. Hinzu kommen die Regeln der sogenannten "Schlafhygiene", die zum Beispiel besagen, dass man eben nicht bis kurz vor dem Schlafengehen noch aufregendes Fernsehen schaut oder im Internet surft. Wenn man das intensiv macht, das hat die Schlafmedizin gezeigt, dann schläft der Patient nach einem halben oder ganzen Jahr tatsächlich besser. Das setzt aber voraus, dass sowohl Arzt als auch Patient viel Zeit und Geduld mitbringen. Regelhafte Angebote, die das begleiten, gibt es in Deutschland aber viel zu selten.

Könnte diese Versorgungslücke durch das Internet geschlossen werden?

Zum Teil ja. Gerade was die kognitive Verhaltenstherapie angeht, kann man das gut über das Internet begleiten. Voraussetzung ist, dass diese Angebote von schlafmedizinischen Zentren oder Fachverbänden entwickelt werden, wo jemand monate- oder sogar jahrelang begleitet werden kann, mit einem ärztlichen Feedback. Da gibt es erste Angebote;  aber die wissenschaftlich begleiteten Ansätze sind derzeit noch in Studien in der Erprobung. Die meisten Apps, die bislang schon auf dem Markt sind, haben hauptsächlich die Funktion eines elektronischen Schlaftagebuchs oder dienen als "Coach" für die Regeln der Schlafhygiene.

Welche Behandlungsmöglichkeiten der Insomnie wird es in Zukunft geben?

Wir werden in Zukunft per Neurostimulation Schlaf elektromagnetisch erzeugen können. Das geschieht dann über Elektroden am Kopf, die gezielt das Schlafzentrum und sogar den Traumschlaf stimulieren können. Es wird aber noch mindestens fünf Jahre dauern, bis das zuverlässig funktioniert. Auch an Medikamenten wird weiter geforscht. In den USA gibt es ein Medikament, das den Wachstoff Orexin im Gehirn blockiert. Dieses Medikament ist allerdings für den europäischen Markt nicht zugelassen. Hier hoffen wir weiterhin auf die Zulassung des Wirkungsprinzips auch in Europa.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Fietze.

Das Interview führte Ursula Stamm

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