Fahrer nickt am Steuer ein (Bild: Colourbox)
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Lebensgefahr am Steuer - Wenn die Augenlider schwer werden

Bald sind Weihnachtsferien und ganz Deutschland wälzt sich wieder über die Autobahn. Experten mahnen, ausgeruht ins Auto zu steigen. Denn: Sekundenschlaf ist lebensgefährlich - es fordert vermutlich doppelt so viele Verkehrstote im Jahr wie Alkohol. rbb Praxis hat mit einem Mann gesprochen, der einen Unfall durch Sekundenschlaf überlebte.

Es ist früher Morgen, als Nikolai Mill seinen 40-Tonner auf der A7 in Richtung Süden lenkt. "Ich hatte Stress mit meiner damaligen Freundin und die vergangenen Nächte schlecht geschlafen", erinnert sich der 28-jährige. Nach 100 Kilometern - etwa eine Stunde, nachdem er zu Hause gestartet ist - rebelliert sein Körper gegen die Anstrengungen der letzten Tage. "Ich wurde total müde, aber hatte nur noch zehn Kilometer zu fahren und dachte: Das schaffe ich schon", sagt Nikolai Mill. Eine fatale Selbstüberschätzung – er nickt für ein paar Sekunden am Steuer seines LKW ein.

DVR-Kampagne will aufklären

Der Nordrhein-Westfale ist längst kein Einzelfall: Eine Befragung unter 1.000 Autofahrern durch das Marktforschungsinstitut TNS Emnid fand heraus, dass jedem vierten Kraftfahrer schon mal am Steuer die Augen zugefallen sind.

Selbst wenn dieser Moment nur drei Sekunden dauert, legt das Auto dann bei einer Geschwindigkeit von 100 km/h über 80 Meter völlig ohne Kontrolle zurück. Häufig mit tödlichen Folgen: Der Stiftung für Verkehrssicherheit des US-amerikanischen Verkehrsclubs AAA (AAA Foundation for Traffic Safety) zufolge wird in den USA jeder sechste Unfall mit Toten durch Müdigkeit verursacht. Für Deutschland gehen Experten von ähnlichen Zahlen aus.

Eine Kampagne des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) will das ändern: "Vorsicht Sekundenschlaf! Die Aktion gegen Müdigkeit am Steuer" identifiziert Mythen und erklärt, was man tun kann, um Sekundenschlaf zu vermeiden.

Müdigkeit ist häufigste Unfallursache

Nach einer Studie des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) ist fast jeder fünfte Unfall müdigkeitsbedingt. Nachts verdoppelt sich das Risiko sogar: Bei 42 Prozent der nächtlichen Unfälle ist offenbar Ermattung im Spiel.

Was viele nicht wissen: Schläfrigkeit verändert das Bewusstsein für Gefahren, für Reaktionsvermögen und Konzentration ähnlich wie Alkohol. Nach 17 Stunden ohne Schlaf ist das Reaktionsvermögen so verlängert wie bei 0,5 Promille Alkohol im Blut, nach 22 Stunden wie bei 1,0 Promille. Die Fahrer unterschätzen Geschwindigkeit und Entfernungen. Mit tödlichen Folgen: "Vermutlich sterben auf deutschen Straßen mehr als doppelt so viele Menschen infolge von Sekundenschlaf verglichen mit der Ursache des Alkohols am Steuer", sagt Hans-Günter Weeß, Leiter des Interdisziplinären Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster. Besonders nach einer schlaflosen Nacht, in den frühen Morgenstunden zwischen 4.00 und 7.00 Uhr sowie bei monotonen Fahrten - klassisch für die Autobahn - drohe Sekundenschlaf.

Schlafstörungen und andere Krankheiten, die mit Schläfrigkeit und Müdigkeit einhergehen, können die Gefahr für Sekundenschlaf ebenso erhöhen wie Medikamente, die müde machen. "Vor allem Schlafmittel, Psychopharmaka und Schmerzmittel beeinträchtigen die Fahrtüchtigkeit", so Weeß.

Kniffe gefährden nur die anderen

Tricks der Autofahrer gegen Müdigkeit sind abenteuerlich, bedenkt man die Gefahr: Der eine trinkt Cola, der nächste schwört auf Kaffee, andere kurbeln das Fenster runter, kneifen oder beißen sich in die Wange und stellen die Musik auf ohrenbetäubende Lautstärke.

Auch Nikolai Mill hatte seine Rituale: "Ich habe mir ein paar Energydrinks reingezogen, Redbull, Monster oder wie sie alle heißen." Zusammen mit dem kühlen Fahrtwind glaubte er, auf der sicheren Seite zu sein und trotz Müdigkeit weiterfahren zu können. Alles Quatsch, sagt Schlafexperte Weeß: "Damit bringen die Leute nur sich und andere in Gefahr."

Schlaf oder Bewegung an der frischen Luft

Stattdessen rät Weeß, schon bei den ersten Anzeichen von Müdigkeit zu reagieren: Häufiges Gähnen, brennende und schwere Augenlider seien ein klares Zeichen für die Notwendigkeit einer Pause. "Wenn ich müde wurde, habe ich immer versucht, mich total aufs Fahren zu konzentrieren und so einen Tunnelblick bekommen", erinnert sich Berufsfahrer Mill.

Der Glaube, alles unter Kontrolle zu haben und nicht einzuschlafen, endet immer wieder fatal: ‚Unfall nach Sekundenschlaf’, ‚Frau nach Sekundenschlaf schwer verletzt’, ‚Transporterfahrer verursacht 100.000 Euro-Schaden durch Sekundenschlaf’ sind die traurigen Nachrichtenschlagzeilen nur eines einzigen Tages. Fazit: "Fahren Sie lieber gleich für ein kurzes Nickerchen ran", rät Weeß.

Müdigkeit: Wissen und gesunde Tricks

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Kurzschlaf kann Leben retten

Der einfachste Weg zum Kurzschlaf: Rückenlehne zurückstellen, Augen schließen, regelmäßig atmen. 20 bis 30 Minuten Kurzschlaf reichen aus, um erholt weiterzufahren. Menschen, die Kaffee mögen, können den kurz vor dem Einschlafen trinken. Das Koffein wirkt nach 15 bis 30 Minuten und hilft beim Wachwerden. Weeß’ Alternative: Sauerstoff tanken und den Kreislauf aktivieren. "Ein paar Minuten Bewegung an der frischen Luft reichen, um für eine gewisse Zeit wieder wacher zu sein", erklärt der Schlafforscher.

Gefahr: Selbstüberschätzung

Hinweise, für die viele Autofahrer taub sind: 45 Prozent der Teilnehmer der EMNID-Umfrage glauben, dass sie durch Erfahrung Müdigkeit ausgleichen können. Über die Hälfte macht erst nach drei bis vier Stunden oder noch später die erste Pause. Viele fahren zu Uhrzeiten Auto, zu denen sie für gewöhnlich schlafen – um Staus zu umgehen, Grenzübergänge abzupassen oder einfach möglichst früh am Urlaubsort anzukommen. Jeder Fünfte fährt weiter, obwohl er merkt, dass er müde ist.

Auch Nikolai Mill überschätzt sich an jenem Spätsommerabend. Mit über 80 km/h touchiert er die Leitplanke der Autobahn: "Der Wagen schlingerte, es rumpelte und plötzlich war ich wieder hellwach. Ich hab’ erst mal überhaupt nicht gerafft, was da gerade passiert war." Erst als er beim Kunden seine Lieferung ausladen will, sieht er das ganze Ausmaß des Schadens. "Ich hatte mir die komplette Seite des Zuges aufgerissen, einen Frontschaden am rechten Kotflügel und eine abgerissenen Einstieg auf der Beifahrerseite", erzählt Mill. Letztlich hatte er Glück: Weder er noch andere Autofahrer wurden verletzt. Und die Leitplanke verhinderte, dass er in die Böschung stürzte.

Wachbleiben braucht Vorbereitung

Wer gar nicht erst in die Verlegenheit kommen will, zum Schlafen halten zu müssen, ruht sich am besten vor Fahrtantritt richtig aus. Sieben bis acht Stunden Schaf sind das mindeste, sagt Schlafforscher Weeß. Jede Stunde weniger erhöht die Gefahr für einen Verkehrsunfall. Wer statt sieben nur vier bis fünf Stunden schläft, hat ein über vierfach erhöhtes Risiko zu verunfallen, nach weniger als vier Stunden Schlaf ist es sogar über elf Mal höher.

Statt mitten in der Nacht oder am frühen Morgen unterwegs zu sein, dann also, wenn die Einschlafgefahr besonders hoch ist, fährt man lieber am Tag. In den Vormittagsstunden ist die Gefahr einzunicken besonders gering. Experten wie Weeß raten grundsätzlich dazu, alle zwei Stunden eine Pause zu machen.

Glück gehabt

Und LKW-Fahrer Nikolai Mill? Er weiß, dass er bei seiner Autofahrt vor zwei Jahren einen Schutzengel an seiner Seite hatte. "In meinem Kopf habe ich die Szene bestimmt 100 Mal durchlebt. Ich habe wirklich Glück gehabt, dass ich noch lebe."

Nach seinem Unfall fing er an sich über Facebook mit anderen Fahrern auszutauschen – und stellte bald fest, dass viele seiner Kollegen schon mal eingenickt waren. "Heute mache ich schon beim ersten Anzeichen von Müdigkeit einen kurzen Powernap", sagt der 28-jährige. Dass andere Berufsfahrer wegen der eng getakteten Termine darauf verzichten, ist für ihn ein Unding. "Meine Sicherheit geht vor. Und was haben Spediteur und Kunde davon, wenn ich samt LKW und Ladung in den Graben fahre?"

Beitrag von Constanze Löffler

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