Älterer Herr stützt seinen Kopf auf seine Hand (Quelle: Colourbox)
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Interview | Aufklärung ist wichtig - Depressionen im Alter häufig übersehen

Wer im Alter an einer Depression erkrankt, hat schlechtere Chancen, dass diese psychische Erkrankung erkannt und gut behandelt wird als Jüngere. Das ist das Ergebnis des dritten "Deutschland-Barometers Depression", das gerade erst veröffentlicht wurde. Warum das so ist und was dagegen getan werden kann, darüber sprach rbb Praxis mit Prof. Dr. Ulrich Hegerl, Inhaber der Senckenberg-Professur an der Goethe-Universität Frankfurt und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Was sind die konkreten Ergebnisse des dritten 'Deutschland-Barometers Depression'?

Für das "Deutschland-Barometer" wird jedes Jahr in einer repräsentativen Befragung untersucht, was die Einstellungen und Erfahrungen der Menschen zum Thema Depressionen sind. Dabei hat sich gezeigt, dass ältere Menschen mit Depressionen in unserer Gesellschaft benachteiligt sind. Viele Menschen glauben, dass Depressionen im Alter nicht gut behandelbar sind, sowohl was die Wirkung von Psychotherapie, als auch von Antidepressiva angeht. 30 Prozent gehen davon aus, dass diese Therapien bei Jüngeren besser wirken als bei Älteren. Dies trägt mit dazu bei, dass Älteren seltener eine Psychotherapie angeboten wird.  Es hat sich auch gezeigt, dass mehr als 90 Prozent der Auffassung sind, dass eine Depression überwiegend eine Folge von anderen Krankheiten, Stress, Einsamkeit oder Schicksalsschlägen ist und keine eigenständige schwere Erkrankung, die jeden treffen kann. Dies führt alles dazu, dass Depressionen im Alter nicht ernst genommen und nicht konsequent behandelt werden.

Sind Depressionen im Alter häufiger als bei jüngeren Menschen?

Depressionen werden im höheren Alter eher etwas seltener. Im Bundesgesundheits-Survey von 2013 waren von den Menschen, die 70 bis 79 Jahre alt sind, etwa fünf Prozent innerhalb eines Jahres an einer Depression erkrankt. In der jüngeren Gruppe waren es dagegen sechs bis acht Prozent.

Warum ist es gerade bei älteren Menschen schwerer, eine Depression zu erkennen?

Auch Ärzte neigen dazu anzunehmen, Depressionen bei Älteren seien eine nachvollziehbare Reaktion auf den Tod des Partners oder auf körperliche Beschwerden. Hinzu kommt, dass die körperlichen Beschwerden oft sehr im Mittelpunkt der Schilderungen des Patienten stehen. Die Depression verstärkt bestehende Beschwerden wie Rückenschmerzen oder Ohrgeräusche. Körperliche Beschwerden "überdecken" dann oft die Depression, obwohl diese häufig die viel schwerere Erkrankung ist. Wird die Depression dann behandelt, verschwinden vielleicht diese Beschwerden nicht, sie werden aber wieder erträglich.

Woran kann man erkennen, dass eine Depression vorliegt?

Natürlich gibt es auch Trauer, Verlusterlebnisse und viele andere Befindlichkeitsstörungen im Alter. Diese Reaktionen sind Teil des oft auch bitteren Lebens und keine behandlungsbedürftigen Depressionen. Die Depression lässt sich davon abgrenzen. Für eine depressive Erkrankung sprechen Krankheitszeichen wie etwa das Gefühl der Gefühllosigkeit ("innerlich wie versteinert") oder verstärkte Schuldgefühle, wie z.B. nur eine Belastung für die Familie zu sein. Auch das Gefühl der Erschöpfung oder der inneren Daueranspannung ("wie vor einer Prüfung") sowie Schlafstörungen und Appetitverlust sind typisch für eine Depression. Typisch ist auch, dass die Depressionen bei vielen Betroffenen morgens stärker ausgeprägt sind, als abends. Menschen, die in jüngeren Jahren schon depressive Krankheitsphasen hatten, sind auch im Alter eher gefährdet, wieder daran zu erkranken.

Werden Depressionen im Alter manchmal auch mit einer Demenz verwechselt?

In der Regel lässt sich das gut voneinander abgrenzen. Doch wenn jemand eine Depression bekommt, haben die Betroffenen oft Konzentrationsprobleme und das Gefühl, sie könnten sich nichts mehr merken. Das hängt auch damit zusammen, dass depressiv Erkrankte ihre Umgebung häufig gar nicht mehr richtig wahrnehmen können und sich dann auch nicht merken können, was um sie herum geschieht. Diese Menschen haben dann in der Depression oft die Sorge, eine Demenz zu haben. Ein deutlicher Unterschied zwischen Demenz und Depression ist der Leidensdruck. An Demenz Erkrankte haben immer noch die Fähigkeit, Hoffnung und Freude zu empfinden und sie reden ihre Defizite eher klein. Depressive Menschen haben einen hohen Leidensdruck, sind hoffnungslos und schauen nur auf die Defizite.

Sind Depressionen bei Älteren schwerer zu behandeln?

Insgesamt sind sie auch bei älteren Menschen gut behandelbar. Was es schwieriger macht, sind die Begleiterkrankungen und die Wechselwirkungen der Antidepressiva mit anderen Medikamenten. Es gibt aber inzwischen eine so große Palette von Antidepressiva, dass der erfahrene Arzt meist eine Lösung findet.

Wer ist denn der richtige Arzt für die Behandlung von Depressionen?

Der Hausarzt kann der erste Ansprechpartner sein und die meisten Menschen werden auch vom Hausarzt wegen ihrer Depression behandelt. Ist die Erkrankung hartnäckiger und schwerer oder die Behandlung komplizierter, so ist der Facharzt, das heißt der Psychiater oder Nervenarzt der richtige Ansprechpartner. Ist eine Psychotherapie sinnvoll, dann wird diese auch von Psychologischen Psychotherapeuten, das heißt Psychologen mit einer Spezialausbildung, angeboten. Sie dürfen allerdings keine Medikamente verschreiben.

Älteren Menschen mit Depressionen nutzen seltener Psychotherapien als jüngere, woran liegt das?

Das "Deutschland-Barometer Depression" hat gezeigt, dass 71 Prozent der Befragten glauben, Ältere seien seltener bereit, die Hilfe eines Psychotherapeuten anzunehmen. Das ist aber ein Vorurteil, denn fragt man die über 70-Jährigen selbst, wären 64 Prozent von ihnen bereit, eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen. Das Problem ist aber, dass ihnen eine Psychotherapie seltener angeboten wird und das ist eigentlich nicht akzeptabel.

Sind ältere Menschen mit Depressionen stärker suizidgefährdet als Jüngere?

Das muss man ganz klar mit "ja" beantworten. Das trifft vor allem auf die Männer zu. Von den unter 50-jährigen Männern begehen jedes Jahr weniger als 20 von 100.000 Suizid; bei den über 80-jährigen Männern sind es 60 bis 110 Menschen pro 100.000. Das ist ein dramatischer Anstieg des Suizidrisikos und das hat auch mit den Behandlungsdefiziten bei Depressionen zu tun.

Viele ältere Menschen leben in Pflegeheimen. Sind die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dort ausreichend sensibilisiert für das Thema Depression?

Hier kann man sicherlich viel verbessern. Wichtig ist, dass die Pflegekräfte ein bestimmtes Grundwissen haben, damit sie auch in der Lage sind, eine mögliche Depression oder eine Suizidgefährdung zu erkennen. Wir haben deshalb in der Stiftung Deutsche Depressionshilfe mit Unterstützung durch das Bundesgesundheitsministerium ein kostenfreies, zweistündiges E-Learning Instrument entwickelt (siehe Infobox). Damit können Altenpflegekräfte, aber auch pflegende Angehörige, lernen, wie man ein Gespräch führt, indem es um diese Thematik geht. Das Programm arbeitet auch mit Fallbeispielen, und gibt Hinweise, was man tun kann, wenn eine Depression oder gar eine Suizidgefahr vorliegt.

Infobox

E-Learning-Tool 'Altersdepression und Umgang mit Suizidalität'

Das E-Learning-Tool „Altersdepression und Umgang mit Suizidalität“ ist derzeit noch in der Erprobungsphase und soll ab Mitte 2020 kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. Wenn Sie Interesse haben, das Tool im Rahmen eines Pilotprojektes zu nutzen, um Verbesserungsvorschläge einzubringen, wenden Sie sich an die Projektkoordinatorin Anne Elsner (anne.elsner@medizin.uni-leipzig.de, Telefon: 0341-972 44 72). An der Pilotstudie teilnehmen können auch ambulante Pflegedienste in ganz Deutschland.

Was können Angehörige tun, wenn sie merken, dass ihr Vater oder ihre Partnerin depressiv sind?

Eine Depression ist wie jede andere Krankheit auch, wie etwa ein Diabetes oder ein Herzinfarkt: Man muss zum Arzt gehen und erstmal eine Diagnose stellen lassen. Ist es eine Depression, muss konsequent behandelt werden. Viele Angehörige fühlen sich schuldig oder verantwortlich für die Depression des anderen, vor allem dann, wenn es zu Spannungen gekommen ist. Hier ist es wichtig, sich klar zu machen, dass die Depression "schuld" ist und nicht man selbst. Man kann -  etwas zugespitzt gesagt -  eine Depression nicht mit Liebe heilen, genauso wenig wie einen Diabetes.

Vielen Dank für das Gespräch Prof. Dr. Ulrich Hegerl.
Das Interview führte Ursula Stamm.

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