Mann schreit ins Megaphone, aus diesem purzeln Buchstaben und Zahlen raus (Quelle: Colourbox)
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Stimmverlust und Stimmbanderkrankungen - Gefährlich für die Stimme

Krächzen, Kratzen, Piepsen - dass die Stimme mal schwächelt hat schon jeder erlebt. Zu den häufigsten Ursachen zählen Infekte oder auch mal die Überbeanspruchung z.B. an einem spannenden Fußballwochenende. Aber bleibt die Stimme schwach oder gleich ganz weg, sollten Betroffene schnell reagieren, um dauerhafte Schäden zu vermeiden. Wichtige Infos darüber, was hinter Stimmproblemen stecken kann, hat die rbb Praxis für Sie zusammengetragen.

Allen digitalen Möglichkeiten zum Trotz: Für die soziale Spezies Mensch ist die Stimme ein fast nicht zu ersetzendes Instrument. Klar, für manche ist die Stimme Kapital: Sänger, Coaches, Journalisten, Lehrer und Chefs aller Art - aber auch für alle anderen ist sie im Alltag essenziell. Überlegen Sie sich nur mal eine Minute lang, wie der morgige Tag aussehen würde, wenn Sie nicht mehr mit der eigenen Stimme sprechen könnten, beruflich und privat.

Die Stimme entsteht durch ein feines Zusammenspiel von Atemluft, Nerven und Muskeln und den Stimmlippen (auch Stimmfalte genannt) an einem echten Knotenpunkt in unserem Hals: dem Kehlkopf. Hier treffen Luft- und Speiseröhre zusammen, genau wie Mund- und Rachenraum. Und nur an dieser "besonderen Ecke des Körpers" entsteht dann aus Luft aus der Lunge, die die Stimmlippen in Schwingungen versetzt, ein Ton. Je schneller die Stimmbänder vibrieren, desto höher wird dieser Ton, Primärton genannt. Der wird dann im Rachenraum moduliert oder im wahrsten Sinne des Wortes ausformuliert. Die besondere Lage dieser "Wiege der Stimme" macht sie auch anfällig.

Der Klassiker: Heiserkeit durch Stimmbandschwellung

Bei einer Erkältung können Viren aus den oberen Atemwegen auch den Kehlkopf befallen und die Schleimhäute  auf den Stimmlippen können sich entzünden. Schwellen die Stimmbänder dann an, können sie nicht mehr frei genug schwingen - die Erkrankten sind dann heiser, klagen aber gleichzeitig meist auch über Halsschmerzen, die mit dem Erkältungshusten und oder -schnupfen einhergehen. Die Heiserkeit klingt normalerweise mit den Erkältungssymptomen wieder ab. Damit sich die Stimme möglichst schnell und gut erholt, ist vor allem Feuchtigkeit wichtig: Viel trinken, u.a. Kräutertees und auch eine feuchtere Raumluft sind hilfreich. Inhalieren von Salzwasserdampf oder Pastillen beispielsweise können die Heilung unterstützen. Außerdem sollte die Stimme ein wenig (nicht komplett) geschont werden - Flüstern ist dabei keine Form der Schonung, denn auch das strengt die Stimme an. Besser ist es, die Stimme schlicht weniger zu nutzen und immer wieder "Stimmpausen" über den Tag hinweg einzulegen.

Stimmlippen brauchen mal ne Pause

Auch Überbeanspruchung (lautes Mitgröhlen bei Konzerten oder Fußballspielen) oder Reize durch aufsteigende Magensäure bei Refluxerkrankungen können die Stimmlippen und Stimmbänder anschwellen lassen. Von der Überbeanspruchung oft betroffen sind auch  Menschen, die regelmäßig viel und laut bzw. gegen einen Lärmpegel anreden müssen, wie Lehrer, Berufsredner und Coaches oder Mitarbeiter von Callcentern. Beim lauten Sprechen sind die Stimmlippen nämlich unter höchster Anspannung und der Schlitz zwischen den Stimmbändern besonders eng. Durch die Belastung schwellen die Stimmlippen an und können wiederum schlechter schwingen. Eine falsche Atemtechnik und psychischer Stress können den Stimmapparat zusätzlich belasten. Wer die Stimme dauerhaft unter Stress setzt riskiert, dass sich Knötchen auf den Stimmlippen bilden, die deren Arbeit noch intensiver behindern, manchmal wird dabei auch von "Sängerknötchen" gesprochen. In anderen Fällen kommt es unter Dauerstress auch zum Erschlaffen der Stimmlippen und die Stimmbänder schließen dann nicht mehr eng  genug über der Luft, um die gewohnten Töne zu erzeugen.

Wichtig: Wer über drei  Wochen heiser ist, sollte das unbedingt ärztlich abklären lassen, auch wenn die Heiserkeit vermeintlich mit einer klassischen Erkältung zu erklären ist. Das gilt vor allem auch, wenn Schmerzen und Fieber mit der Heiserkeit einhergehen. Hält die Heiserkeit über vier Wochen und länger an, raten Experten zu einer Kehlkopfpiegelung. Sofort medizinische Hilfe suchen sollten Betroffene bei Atem- und Schluckproblemen. Trifft es Kinder sollten die Eltern dann auf keinen Fall zögern.

Stimmlippenlähmungen

Auch neurologische Erkrankungen, beispielsweise ein Schlaganfall, Morbus Parkinson oder Multiple Sklerose können Heiserkeit und Stimmverlust verursachen - durch Lähmungen. Dahinter stecken dann Schädigungen der Nerven, die für den funktionsrelevanten Austausch zwischen Kehlkopf und Gehirn sorgen. Die Ursache kann aber auch direkt im Hals liegen: durch Schädigung des Stimmapparates bei einer Operation, beispielsweise an der Schilddrüse, seltener auch an der Halswirbelsäule oder Halsschlagader. Verletzungen des Kehlkopfes, z.B. durch einen Unfall, können auch vorübergehende Lähmungen auslösen. Und auch Viren können die Nerven angreifen und schädigen (Neuronitis). Beeinträchtigt werden können die Nerven auch durch Krebserkrankungen z.B. in Lunge, Kehlkopf, Schilddrüse oder Speiseröhre, indem Tumore Druck aufbauen.

Der hauptverantwortliche Nerv im Kehlkopf heißt Nervus vagus und teilt sich in zwei Äste, die den oberen und unteren Kehlkopf "bedienen" und damit u.a. die äußere und innere Muskulatur. Heiserkeit tritt vor allem dann auf, wenn eine Stimmlippe von der Lähmung betroffen ist. Seltener trifft es beide Stimmlippen, dann steht - durch die Erschlaffung des Muskelapparates - aber vor allem die Atemnot im Vordergrund der Beschwerden. Häufigste Ursache für die einseitige Stimmlippenlähmung ist die Schädigung des unteren Kehlkopfnerves, des Recurrensnervs, Mediziner sprechen darum auch von der Recurrensparese.

Hilfe gegen Lähmungen

Mit Hilfe von Hyaluronsäure-Spritzen kann das erschlaffte Stimmband "unterfüttert" werden und so die Stimmlippe besser schließen - das ist keine dauerhafte Lösung, denn die Hyaluronsäure wird vom Körper mit der Zeit wieder abgebaut. In manchen Fällen kann sich die Nervenstruktur des Stimmapparats aber so wieder erholen. Nach gut einem Jahr wird das aber unwahrscheinlicher und es muss z.B. mit einem dauerhaften Implantat unterfüttert werden oder die Stimmlippe muss chirurgisch "in Position gebracht" werden (Beispiel: Thyroplastik).

Neuere Alternativen sind sogenannte Kehlkopfschrittmacher, bei denen Elektroden dauerhaft an die Muskeln im Kehlkopf gelegt werden. Gesteuert werden sie dann über ein Implantat im Brustbein und das wiederum wird von einem magnetischen Prozessor auf der Haut (über dem Implantat) mit Infos und Energie gefüttert; ein Prinzip ähnlich der modernen Hörimplantaten.

Heiserkeit als möglicher Hinweis auf Kehlkopfkrebs

Wenn Heiserkeit lange anhält, tendenziell stärker wird und in keiner Verbindung (mehr) zu häufigeren Ursachen wie Stimmüberlastung oder einer Infektion steht, dann kann das ein Hinweis auf eine Gewebeveränderung im Kehlkopf und auch Kehlkopftumoren sein. Manchmal, aber durchaus nicht immer, kommen Atemprobleme oder ein Fremdkörpergefühl im Hals dazu.

Manche Gewebeveränderungen können harmlos sein, wie die schon angesprochenen Stimmlippenknoten, die oft auch von selbst bei geringerer Stimmbelastung wieder verschwinden. Papillome und Polypen können hartnäckiger sein, auch wenn sie zu den harmlosen Gewebeveränderungen zählen.

•      Papillome werden dabei von Viren, genauer: Humanen Papillom Viren (HPV), verursacht. Sie stören dann die Schwingung der Stimmlippen. Mit minimalinvasiven Techniken, z.B. per Laser, können sie entfernt werden.

•      Polypen dagegen entstehen meist als Folge einer Verletzung, aber auch Zigarettenrauch oder Magensäure bei Refluxpatienten kann sie begünstigen. Im Vergleich zu  Knötchen sind sie oft größer und unförmiger, also gewölbter als Stimmbandknoten. Chirurgisch entfernt werden müssen sie nur  in seltenen Fällen - Rauchverzicht, Stimmschonung und eventuelle logopädische Trainings zum besseren Umgang mit der Stimme können helfen.

Andere Gewebeveränderungen, zum Beispiel auch helle bis weißliche Ablagerungen am Kehlkopf oder direkt auf den Stimmbändern, können Vorstufen von Kehlkopfkrebs sein. Wichtig ist hier die schnelle Diagnose per Gewebeanalyse. Bösartige Tumore können an verschiedenen Teilen des Kehlkopfes, aber eben auch direkt an den Stimmlippen auftreten. Die Behandlungsansätze reichen dann von der chirurgischen Entfernung bis hin zur Strahlen- und Chemotherapie. Männer sind von Kehlkopfkrebs häufiger betroffen als Frauen. Zwei wesentliche Risikofaktoren, die Kehlkopfkrebs bedingen, sind das Rauchen und das Trinken von Alkohol.

Muss in schweren Fällen der ganze Kehlkopf entfernt werden, gibt es mittlerweile künstliche Ventile, sogenannte Shunt-Ventile, die operativ an der Verbindung zwischen Speise- und Luftröhre eingesetzt werden können. Manche sprechen dabei auch von Stimmbandprothesen, tatsächlich sind diese Hilfsmittel aber eher Stimmventilprothesen, die sozusagen eine "Ersatzstimme" möglich machen.  

Blick in die Zukunft: Stimmbandtransplantat aus eigenen Zellen?

Einem Forscherteam um Nathan Welham von der Universität Wisconsin in Madison/USA gelang 2015 ein besonderes Experiment: Sein Team entnahm einem Toten binnen sechs Stunden nach dem Tod Stimmbänder; ebenso aus Kehlköpfen von Menschen mit entsprechender Krebserkrankung. Aus den Epithelzellen und Fibroblasten der Schleimhaut (Mukosa) züchtete es auf einem Kollagengerüst Stimmbänder sozusagen nach.

Diese entwickelten nicht nur alle entscheidenden Schleimhäute und Bindegewebsschichten, sondern erwiesen sich auch als immunprivilegiert, das heißt als Gewebe, dass nicht von den körpereigenen Immunzellen angegriffen wird. Das wurde an Mäusen getestet, denen ein menschliches Immunsystem sozusagen implantiert worden war.  Bisher wurden die gezüchteten Stimmbänder nur toten Tieren eingesetzt, um künstlich die Tonerzeugung zu simulieren - und vor allem ist der Schritt zum Einsatz von "nachgezüchteten Stimmbändern" für Menschen nach krebsbedingten Stimmbandentfernungen noch in weiter Ferne. Aber vielleicht gibt es sie eines Tages - die Möglichkeit aus den eigenen Zellen ein Stimmband nachwachsen zu lassen und damit den Verlust zu ersetzen.

 

Beitrag von Lucia Hennerici

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