Blatt mit Messlinien aus Hirnströmungen (Bild: Colourbox)
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Hintergrund - Sturm im Gehirn: Epilepsie

Der Blick erstarrt, die Muskeln krampfen, weißer Schaum tritt aus dem Mund. Sekunden später ist alles wieder still, nur Schrammen und blaue Flecke erinnern an das unerbittliche "Hirngewitter". Epileptische Anfälle sind selten, aber gefürchtet. Viele Betroffene würden alles dafür geben, wenn sie von den plötzlich auftretenden Nervenstürmen verschont blieben. Dafür kommt's auf die präzise Diagnose an.

Die Epilepsie ist keine einheitliche Erkrankung. Vielmehr fasst der Begriff verschiedene Störungen zusammen, bei denen mit höherer Wahrscheinlichkeit ein Krampfanfall auftritt. Dazu gehören:

• Hirnfehlbildungen
• Sauerstoffmangel im Gehirn
• Durchblutungsstörungen im Gehirn
• Hirnblutungen
• Gefäßmissbildungen
• Gehirnentzündungen (Meningitis, Enzephalitis)
• Gehirntumoren
• Hirnverletzungen durch Unfälle
• Stoffwechselstörungen

Ein epileptischer Anfall ist noch keine Epilepsie

Erst bei mehrfach auftretenden epileptischen Anfällen ohne ersichtlichen Auslöser sprechen Expertinnen und Experten wirklich von Epilepsie. Statistisch gesehen ist 0,5 - 1 Prozent der Bevölkerung betroffen. Das wären in Deutschland etwa 400.000 bis 800.000 Menschen. Zehn von 100 Menschen haben im Laufe ihres Lebens mindestens einen epileptischen Anfall.
 
Prinzipiell kann eine Epilepsie in jedem Lebensalter auftreten - tatsächlich ist sie aber bei jungen Menschen statistisch häufig. Bei vielen beginnt sie bereits im Kindesalter.
Vier bis zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen erleiden irgendwann einen epileptischen Anfall. Jede zweite Epilepsie beginnt tatsächlich vor dem zehnten Lebensjahr, zwei von drei beginnen vor dem 20. Lebensjahr.
Etwas seltener wird die Epilepsie im mittleren Alter. Erst ab 60 werden Neuerkrankungen wieder häufiger.

Starke Beeinträchtigung der Lebensqualität

In ständiger Angst vor einem erneuten Anfall und dem Kontrollverlust meiden viele Epileptikerinnen und Epileptiker soziale Ereignisse oder Sportarten wie Schwimmen. Berufe wie Pilotin oder Taxifahrer sind tabu, weil Betroffene hier auch andere Menschen durch einen Anfall direkt in Gefahr bringen können.
 
Weil sie nie wissen, wann und wo es wieder losgeht, erleben die Betroffenen die Krankheit als starke psychische Belastung. Zwischen den Anfällen zeigen sich meist keine körperlichen Beschwerden. Allerdings begleitet viele Menschen die Sorge, dass es zu einem erneuten Anfall kommt.
Zu Recht: Einer Metaanalyse zufolge besteht ein Rezidivrisiko von etwa 42 Prozent innerhalb von zwei Jahren nach dem ersten Anfall. Mehr als die Hälfte der erneuten Anfälle ereignen sich innerhalb von sechs Monaten nach dem Erstanfall.

Was löst Anfälle aus?

Ausgelöst werden die plötzlichen Anfälle, wenn die Nervenzellen im Gehirn in weiten Bereichen synchron, also im gleichen Rhythmus, feuern. Folge: Die physiologische Informationsverarbeitung ist gestört, die Betroffenen sind ihren ungesteuerten Bewegungen hilflos ausgeliefert.
 
Auslöser, die einen epileptischen Anfall triggern können, sind:
• Stress (28 Prozent)
• Übermüdung (11 Prozent),
• Fernsehen oder Flickerlicht (8 Prozent; fotosensible Epilepsie)
• Menstruation (7 Prozent)

Erste Hilfe leisten beim Epilepsie-Anfall

Sind Sie in der Nähe, wenn ein Mensch einen epileptischen Anfall hat oder krampft, sind folgende Maßnahmen hilfreich:
• Ruhe bewahren!
• Nahe Gegenstände, Möbel oder andere Dinge entfernen, an denen sich der Betroffene verletzen könnte.
• Einen Mantel oder eine Decke um die krampfende Person legen, um sie zu schützen.
• Den Rettungsdienst 112 rufen.
• Die betroffene Person während des Anfalls nicht festhalten.
• Droht die Person zu stürzen, dabei helfen, die Person auf den Boden zu legen.
• Der krampfenden Person keine Gegenstände in den Mund stecken (z.B. als Beißschutz).
• Warten, bis der Anfall vorüber ist. Die meisten Anfälle sind auf zwei Minuten begrenzt.
• Betroffene nicht allein lassen!

Experten unterscheiden zwei Arten von Anfällen

Generalisierte Anfälle
Bei der generalisierten Epilepsie feuern die Nervenzellen in allen Bereichen des Zentralen Nervensystems. Generalisierte Anfälle erfassen das gesamte Gehirn. Sie sind nicht unbedingt schwerer als Anfälle einzelner Hirnbereiche, führen aber häufiger zu Bewusstlosigkeit und Krämpfen im ganzen Körper. Ein generalisierter Anfall zeigt sich so:
• Krämpfe und Steifheit in den Gliedmaßen: Der Anfall geht schnell vorbei, das Bewusstsein ist nicht immer eingetrübt.
• Nachlassende einseitige Muskelspannung: Die Folge sind zum Beispiel einknickende Beine, ein kurzer Bewusstseinsverlust, Stürze.
• Große Muskelgruppen zucken in langsamem Rhythmus, etwa an den Armen oder Beinen, begleitet von Bewusstseinsverlust.
• Einzelne Muskelgruppen zucken rasch. Das Bewusstsein ist in der Regel nicht beeinträchtigt.
• Der gesamte Körper krampft und zuckt und man wird bewusstlos.
• Absencen: Diese milde Anfallsform äußert sich durch plötzliche, kurze Bewusstseinspausen. Experten sprechen von stillen Epilepsien.
 
Fokale Anfälle
Fokale Anfälle entwickeln sich zunächst in einem bestimmten Bereich des Gehirns, zum Beispiel im Hippocampus. 60 bis 80 Prozent der Epileptiker leiden unter diesen so genannten fokalen Epilepsien.
 
Die fokalen Anfälle können sich auf das gesamte Gehirn ausbreiten und zu einem generalisierten Anfall werden.

Welche Symptome können auftreten?

Die Symptome hängen vom betroffenen Bereich ab:
• Zuckungen und Krämpfe signalisieren zum Beispiel einen motorischen Anfall.
• Eine Gefühls- / Empfindungsstörung steht für einen sensorischer Anfall.
• Eine Veränderung des Sehens spricht für einen visueller Anfall.
• Schwindel, Angstzustände oder Halluzinationen können auftreten, man nennt sie Aura.
• Das Bewusstsein kann eingetrübt sein.
• Schmatzen, Grimassieren, Stammeln, ziellos umherlaufen - dies alles kann eine fokale Epilepsie anzeigen.
 
Die verschiedenen Formen der Epilepsie werden diagnostisch genau erfasst mit:
• Elektrophysiologische Verfahren (Überprüfung der Hirnaktivität)
• Elektroenzephalographie (EEG)
• Magnetenzephalographie (MEG)
• Magnetresonanztomographie (MRT) und funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)
• Positronenemissionstomographie (PET)
• Single-Photon-Emissions-Computertomographie (SPECT)
• Neuropsychologische Verfahren (Untersuchung der Hirnfunktion)

Wie sieht die Therapie aus?

Zuerst versuchen Experten die Epilepsie möglichst exakt einem speziellen Epilepsiesyndrom zuordnen. Dadurch lassen sich der zu erwartende Verlauf und die notwendigen Behandlungsschritte klären.
 
Zur medikamentösen Therapie stehen verschiedene sogenannte Antikonvulsiva, also Anfallshemmer, zur Verfügung. Gängige Wirkstoffe sind: Carbamazepin, Oxcarbazepin, Eslicarbazepinacetat, ValproinsäurePhenytoin, Lamotrigin, Levetiracetam und viele andere.
 
Zwei von drei Betroffenen mit epileptischen Anfällen haben gute Chancen, mit den Medikamenten dauerhaft anfallsfrei zu sein. Etwa jeder dritte Patient entwickelt trotz verschiedener Wirkstoffe weiterhin Anfälle. Für einige dieser Betroffenen kann eine Operation hilfreich sein.

Infotext: Beate Wagner

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