3D-Bildgebung von Gefäßen (Bild: imago/ITAR-TASS)
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Mechanische Thrombektomie - Neue Hoffnung für Schlaganfallpatienten?

Der Schlaganfall ist in Deutschland die zweithäufigste Todesursache und die häufigste Ursache für Behinderungen im Erwachsenenalter. Zeit ist ein entscheidender Faktor bei der Behandlung und deshalb setzen Hirnexperten in schweren Fällen seit Kurzem auf eine spezielle Behandlungsmethode. Doch was genau steckt dahinter und welchen Patienten kann sie helfen?

Der Herbst 2015 sorgte für Wirbel in der Schlaganfalltherapie, vor allem unter Neurologen und Radiologen. Der Grund: die mechanische Thrombektomie. Ein Verfahren, bei dem mittels minimalinvasiver OP Gerinsel aus Gefäßen entfernt werden. Neu ist die Technik zwar nicht gewesen, doch die veröffentlichten Studien bewiesen eine Zuverlässigkeit der Methode, die auch Experten in Erstaunen versetzte und für eine "kleine Revolution" in der Akuttherapie gesorgt habe, erklärt Prof. Dr. Gerhard Hamann, 2. Vorsitzender der Deutschen Schlaganfall Gesellschaft. "Sie müssen sich vorstellen: Wir haben beim akuten Schlaganfall bisher die Behandlung mit einem Medikament, das in die Venen gespritzt wird. Und jetzt: evidenzbasiert die mechanische Rekanalisation - und die gelingt fast immer - zu 90 Prozent."

Rekanalisation - das heißt die Verstopfung eines Hirngefäßes beseitigen und so die grauen Zellen wieder mit lebenswichtigem Sauerstoff versorgen. Die Technik, die Neuromediziner nun so begeistert, funktioniert so: Mit einem Katheter werden von der Leiste aus verstopfende Gewebeklumpen aus dem Hirngefäß gefischt. Entwickelt wurde die Technik für große Klumpen - über 7 Millimeter.

Nicht nur bei großen Gerinseln effizient

Am Vivantes Klinikum Neukölln hat man diese Methode, die mechanische Thrombetromie, schon 2010 aufgegriffen. Neuroradiologe Dr. Alexander Bock weiß daher aus Erfahrung, dass nicht immer nur Patienten mit großen Gefäßverschlüssen profitieren: "Man darf auch nicht vergessen, dass es auch Patienten gibt, bei denen die medikamentöse Lyse-Therapie nicht durchgeführt werden kann, weil sie eine starke Blutverdünnung von Hause aus schon mitbringen. Da kann man nicht noch zusätzlich eine blutverdünnende Therapie machen; Patienten, die kurz vorher eine große Operation hatten. Das sind zusätzliche Kandidaten für eine mechanische Thrombektomie."

Die Zeitnot bleibt

Schnell und so wirksam wie Medikamente ist die Thrombektomie - das haben 2015 gleich fünf Studien klar bewiesen - daher der aktuelle Trend. Schnell die Blutversorgung im Hirn wieder herstellen - das ist das A und O beim Schlaganfall. Sonst sterben Hirnzellen. Ab dem Gefäßverschluss haben Mediziner ein Zeitfenster von rund 4 Stunden. Aber obwohl die mechanische Thrombektomie mit durchschnittlich 90 Minuten ab Einlieferung des Patienten eine besonders schnelle Methode ist, bleibt das Problem Zeitnot. Zum Beispiel weil die professionelle Behandlung nur in Schlaganfallzentren, den Stroke Units, richtig durchgeführt werden kann und die sind nicht flächendeckend immer schnell erreichbar.
 
Die Deutsche Schlaganfallgesellschaft engagiert sich deshalb für mehr Vernetzung von Krankenhäusern und Rettungsdiensten, damit Patienten gleich in ein Krankenhaus mit den nötigen Spezialisten eingeliefert werden. Prof. Dr. Gerhard Hamann weist auf ein zweites Problem hin, das bleibt - trotz der guten Technik: "Trotzdem kommen noch viele Patienten zu spät, weil einfach der Symptombeginn nicht erfasst wird und viele Menschen nach dem Motto denken: 'Was von selbst kommt, geht auch von selbst weg. Ich schlaf mal eine Nacht drüber und warte mal noch'. Das ist natürlich ganz schlecht."
 
Deshalb kommt es weiterhin auf schnelles Handeln an, wenn Patient oder Angehörige die Zeichen des Schlaganfalls erkennen - das sind vor allem:  Plötzliche Lähmungen oder Taubheitsgefühle auf einer Körperseite, Sprach- und Sehstörungen und Schwindel.

Beitrag von Lucia Hennerici

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