Schlaganfall grafisch dargestellt (Bild: imago/Science Photo Library)
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Schlaganfallforschung - Neue Therapien gegen einen alten Feind?

Rund 260.000 Deutsche erleiden pro Jahr einen Schlaganfall. Die Therapien sind weit entwickelt. Trotzdem ist die Schlaganfallforschung lange nicht am Ende: Experten aus über 50 Ländern treffen sich jedes Jahr auf der europäischen Schlaganfallkonferenz ESC, um neueste Erkenntnisse auszutauschen - 2016 in Venedig. Welche Neuigkeiten es gibt - darüber spricht Prof. Dr. Konstantinos Spengos im Interview.

Man könnte meinen, der Schlaganfall ist mittlerweile gut erforscht, Medikamente, Technik und Spezialisten sind verfügbar. Können Sie dem widersprechen?
 
Es ist wahr, dass Laien wie auch viele Mediziner der Meinung sind, dass im Bereich Schlaganfall die Grenzen unserer therapeutischen Möglichkeiten schon erreicht sind. Über lange Zeit wurde diskutiert und analysiert, mit welchen der vorhandenen Medikamente ein bisschen bessere Ergebnisse erreicht werden können. Statistik und Metanalysen im Sinne der sogenannten "Evidence Based Medicine" standen deshalb klar im Vordergrund. Es sah so aus als würden wir um die eigene Achse kreisen. Die Realität zeigt aber immer wieder das Gegenteil: Mit der Wiederbelebung der mechanischen Thrombektomie z.B. für eine ganz bestimmte Patientengruppe im Jahr 2015.

Sie meinen die Studien, die Ende 2015 zu diesem Verfahren erschienen sind? Viele Experten sprachen da von einer Art Revolution, unter anderem auch die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN).

 
Genau. Auch bei der ESC jetzt in Venedig wurde allen klar gemacht, dass wir trotz der unanfechtbaren Erfolge und Fortschritte noch einen langen Weg vor uns haben. Innovatives Denken und Handeln ist gefragt. Ein paar Beispiele deutschen Ursprungs: Freiburger Neurologen haben uns gezeigt (und haben dafür einen Preis erhalten), wie mit moderner Bildgebung Läsionen des Aortenbogens als Ursache für ansonsten bisher unklassifizierte Schlaganfälle identifiziert werden können.

Ebenso eindrucksvoll waren die Befunde unserer neurochirurgischen Kollegen aus Essen, die mit Hilfe eines 7-Tesla-Magnetresonanztomographen im Detail und ganzer Größe thrombosierte Aneurysmen sichtbar gemacht haben. Aber auch im Rahmen der Akutversorgung von Patienten mit "frischem" Schlaganfall haben die Neuroradiologen aus Erlangen überzeugend berichtet, wie das sogenannte Multimodality Imaging in der Akutphase eine zuverlässige Diagnostik ermöglicht und ohne Zeitverlust die Möglichkeit von direktem und erfolgversprechendem therapeutischen Eingreifen gewährleistet.
Die Kollegen dieser drei verwandten, jedoch separaten Disziplinen zeigen ohne Zweifel den Fortschritt, den die Anwendung modernster Technologie uns weiter verspricht.

Unter den Kongressteilnehmern spielte die Frage: "Welcher Facharzt behandelt den Patienten am besten zuerst (Internist, Neurologe, Chirurg) und welche Fähigkeiten sind da gefragt?" eine wichtige Rolle. Welche Diskussion steckt dahinter und wie sehen Sie das persönlich?
 
Die Frage welche Fachrichtung die Patienten in der Akutphase am besten behandeln soll, ist seit wenigen Monaten wieder aktuell geworden. Anlass dafür war die Publikation von Daten aus mehreren Studien, die die Überlegenheit der mechanischen Thrombektomie (Entfernung des Blutgerinnsels aus dem gestopften Hirngefäß mit Hilfe eines modernen Kathetersystems) gegenüber der weitgehend etablierten intravenös verabreichten Thrombolyse gezeigt haben. Interventionell ausgebildete Neurochirurgen, Neuroradiologen und seltener Neurologen kämen dafür in Frage. Jedoch: Die Anzahl dieser Kollegen und der entsprechend ausgerüsteten Abteilungen reicht nicht aus, um flächendeckend täglich diese Therapieoption der Bevölkerung anzubieten - auch bei uns in Deutschland.

Kürzlich haben interventionelle Kardiologen ihre Anwesenheit und ihr Interesse "mitzuspielen" angekündigt. Es steht außer Frage, dass die interventionell ausgebildeten Kardiologen in allen europäischen Ländern zahlreicher sind und dass in einer sehr großen Zahl von kardiologischen Kliniken in vielen Krankenhäusern die technischen Voraussetzungen schon erfüllt sind. Es scheint also aus Kostengründen logisch, sich Gedanken zu machen, diese Infrastruktur und unter Umständen dieses Personal auch im Rahmen der akuten Schlaganfallversorgung einzusetzen.

Auch wenn sie die medizinischen Techniken beherrschen – für wie sinnvoll halten Sie diese Idee der "Ausleihe" von Kardiologen? Wie praktikabel ist das?
 
Es gibt natürlich kritische Stimmen, die Sicherheitsfragen stellen. Wie lange sollte die Ausbildung eines Kardiologen dauern? Es ist allen bewusst, dass Hirn und Herz zwei ganz verschiedene Organe sind. Was für die Herzkranzgefäße gilt, gilt nicht unbedingt auch für die Hirngefäße und die Blutversorgung des Hirngewebes. Es ist ganz klar, dass "politische" Konflikte zwischen den hier konkurrierenden Fachrichtungen entstehen könnten.

Meines Erachtens muss man das Problem relativieren, um diese Debatte nicht zu dramatisieren und dadurch möglicherweise die Bevölkerung zu beunruhigen. Die mechanische Thrombektomie kommt eigentlich als Therapieoption für nur ca. fünf Prozent aller Schlaganfälle in Frage. Für 95 Prozent aller Patienten ist dieses Thema irrelevant. Wenn man auch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern und Gesundheitssystemen innerhalb Europas berücksichtigt, wird klar, dass es keine klare Antwort und keine einheitliche Lösung geben kann. Die Erfahrung unserer Kollegen aus den USA könnte wegweisend sein. Die dort ständig wachsende Zahl von interventionell ausgenbildeten Neurochirurgen, Neuroradiologen und Neurologen deckt zunehmend besser den Bedarf in den USA.

Die Kardiologen selbst möchten sich nicht unbedingt auf fremdem Territorium, also beim Hirn, einmischen. Sie könnten jedoch unter Voraussetzungen einspringen, wenn und solange es notwendig ist. Ich bin davon überzeugt: Genauso wie in den letzten 20 Jahren die Zahl der "vaskulären" Neurologen massiv gestiegen ist, um so viele Stroke Units besetzen zu können, wird in Zukunft die Zahl der Neruointerventionalisten zunehmen, um den Bedarf zu decken. Erlauben Sie mir die Prognose, dass Deutschland das erste Land Europas sein wird, wo flächendeckend eine solche optimale Versorgung gesichert wird.

Prof. Spengos, Sie werden maßgeblich das Programm des ESC-Treffens in Berlin 2017 verantworten. Welches Forschungsthema von heute halten Sie für so spannend und vielversprechend, dass es Sie und Ihre Kollegen auch nächstes Jahr beschäftigen wird?

Es ist ganz schwer nur ein bestimmtes Thema auszusuchen. Die ESC wird traditionell sowohl von Klinikern, als auch von Forschern besucht. Mehr als 50 Länder und alle Kontinente sind vertreten. Demzufolge ist das Spektrum der Wünsche und Erwartungen der Teilnehmer und die Themenvielfalt extrem breit und bunt.
 
In den letzten Jahren scheint ein zunehmendes Interesse für die Rehabilitation und Reorganisation des menschlichen Gehirns nach einem Schlaganfall zu entstehen, was sich auch in der ständig wachsenden Zahl von eingereichten wissenschaftlichen Beiträgen widerspiegelt. Es geht darum, ein ausgefallenes elektronisches Netzwerk praktisch umzuschalten, um es so weit wie möglich wieder funktionsfähig zu machen. Zuerst muss man dazu die genaue Funktion und Vernetzung aller Bestandteile des Hirns identifizieren. Dann könnte man eingreifen und das System umprogrammieren, indem man seine Einheiten - Nervenzellen und Bahnen - neu und anders verschaltet.

Man darf auch nicht vergessen, dass der Schlaganfall auch mit anderen Hirnerkrankungen verbunden ist, wie z.B. Demenz und Depression. Es gilt als große Herausforderung, die Schlaganfallprävention, -therapie und –rehabilitation als festen Bestandteil einer breiteren Strategie zur Förderung der "Hirngesundheit" (Brain Health) zu verstehen und entsprechend zu praktizieren. Ich freue mich schon auf die Berliner ESC, die bestimmt noch spannender und interessanter sein wird. Bezüglich der genauen Thematik lassen wir uns überraschen!

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Spengos.

Das Interview führte Lucia Hennerici

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