Wissenschaftler hält Petrischale mit Nierendarstellung hoch (Quelle: imago/Richard Wareham)
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Interview | Altersstudie zur Niere - Nierenfunktion bei älteren Menschen anders berechnen

Die Nierenfunktion nimmt im Alter ab. Doch ab welchen Werten ist eine Niere krank und ab welchen nicht? Genau das untersuchen Forscher der Charité seit zehn Jahren. Das Ergebnis: Zwei Formeln, mit denen Ärzte die Nierenleistung von älteren Menschen besser berechnen können. Das ist zum Beispiel wichtig, wenn Medikamente verordnet werden. Die rbb-Praxis hat mit der Leiterin der Berliner Initiative Studie, Prof. Dr. Elke Schäffner gesprochen.

Die Filterleistung der Niere wird mit der sogenannten glomerulären Filtrationsrate berechnet - woran haben Sie gemerkt, dass die Formel zur Berechnung dieses Wertes bei älteren Menschen nicht geeignet ist?

Bevor wir unsere Studie begonnen haben, war es so, dass es nur Formeln gab, die bis zum 70. Lebensjahr auf ihre Genauigkeit und ihre Akkuratheit validiert worden waren. Ab dem 70. Lebensjahr gab es keine Formeln, die auf ältere Menschen abgestimmt gewesen wären. Dadurch stocherte man ein Stück weit im Nebel und wusste nicht, inwieweit die angewendeten Formeln gültig waren. Man hat also Formeln verwendet, die für jüngere Menschen passend waren und hat sie bei alten Menschen angewandt, ohne zu wissen, ob sie tatsächlich das messen, was sie messen sollen oder besser gesagt das schätzen, was sie schätzen sollen.

Warum ist eine Niere von älteren Menschen nicht automatisch krank, wenn sie nicht die Werte junger Menschen hat?

Das ist eine anhaltende Debatte, und es gibt zwei Lager. Die einen sagen, dass die Stadien, die wir haben, um die Niereninsuffizienz einzuteilen, für alle Menschen ab 18 Jahren gelten, egal wie alt sie sind. Die anderen sagen, wir sollten diese Stadien an das Alter anpassen. Schon alleine deswegen, weil es normal ist, dass die Nierenfunktion mit fortschreitendem Alter abnimmt. Etwa ab dem 40. Lebensjahr nimmt die Nierenfunktion um etwa 1 Prozent pro Jahr ab. Das misst man mit der Menge Urin, die pro Zeit ausgeschieden, beziehungsweise gefiltert wird. Ab dem 40. Lebensjahr verliert man bei der Filtrationsrate 1 Milliliter pro Minute pro Jahr. Das sieht man als normalen Verlust der Nierenfunktion an. Jetzt gibt es aber Menschen, bei denen ist dieser Abfall der Nierenfunktion schneller, das heißt, die verlieren mehr Leistung pro Jahr. Und da ist die Frage, wer sind die, die schneller die Nierenfunktion verlieren und ab welcher Verlustrate ist es wirklich pathologisch, also krankhaft.

Sie haben mit Ihrer Studie zwei Formeln entwickelt, mit der Sie die Nierenfunktion von älteren Menschen besser abschätzen können. Wie haben Sie das gemacht?

Man braucht ja ein Goldstandardverfahren (Anmerk. d.R.: In der Forschung bislang unübertroffenes Verfahren), an dem man sich orientiert, das heißt mit dem man die Formel, die man entwickelt, vergleicht. Dieses Goldstandardverfahren ist ein relativ invasives Verfahren. Da spritzt man den Probanden intravenös eine kleine Menge Kontrastmittel und misst die Dauer, in der das Kontrastmittel von der Niere gefiltert wird. Das heißt, man spritzt es morgens zum Beispiel um acht Uhr und nimmt dann zu genau definierten Zeitpunkten Blut ab, in unserem Fall waren das bis zu acht Blutproben. Dann kann man die analysieren, und die abfallende Menge im Blut erkennen. So kann man die Nierenfunktion ganz genau messen. Danach kann man eine Formel entwickeln und durch den Vergleich mit dem Goldstandard optimieren.

Wer hat an der Studie teilgenommen?

Das waren ungefähr 2000 Berlinerinnen und Berliner, die mindestens 70 Jahre alt sein mussten. Diese Probanden haben wir über zehn Jahre verfolgt und alle zwei Jahre wiedergesehen. Im Rahmen von Studienvisiten wurden ein Interview geführt, Blut abgenommen und eine Urinprobe untersucht. Das ist insofern bemerkenswert, als dass man in der wissenschaftlichen Literatur für ältere Menschen grundsätzlich sehr wenige Daten findet. In der Regel werden diese Personen aus Studien ausgeschlossen, weil die Studiendurchführung mit alten Menschen komplexer wird. Je älter Probanden werden, umso gebrechlicher sind sie und umso mehr Krankheiten haben sie. Auf der anderen Seite werden die Patienten immer älter, und wir brauchen mehr Daten über sie. Hier besteht also ein Widerspruch.

Für welche Patienten sind Ihre Studienergebnisse wichtig?

Für ältere Menschen, die Medikamente nehmen müssen. Denn die Einnahme von bestimmten Medikamenten ist nicht ungefährlich, vor allem, wenn im Alter eine größere Vulnerabilität der Nierenleistung besteht. Deshalb muss man bei bestimmten Medikamentenklassen sehr vorsichtig sein, was nicht allen bewusst ist, und was nicht unbedingt dazugesagt wird, wenn sie verschrieben werden. Das gilt insbesondere für Schmerzmittel bestimmter Substanzklassen wie sogenannte nichtsteroidale Antirheumatika, die kennt man als Ibuprofen, Voltaren oder Diclofenac. Das sind zwar sehr gute Mittel, gerade für Schmerzen im Bewegungsapparat, wie Knochen- und Muskelschmerzen, die im Alter sehr häufig sind. Aber sie haben, wenn man sie zu lange oder in falscher Dosierung einnimmt, einen schlechten Einfluss auf die Nierenleistung. Ein anderes Beispiel wären Antibiotika bestimmter Substanzklassen, da muss man auch sehr vorsichtig sein und diese an die Nierenfunktion anpassen oder auf bestimmte Antibiotikaklassen verzichten.

Wie hält man seine Nieren im Alter gesund?

Die zwei großen Risikofaktoren, die für das ganze Alter gelten, sind Blutdruck und Diabetes mellitus. Der Blutdruck sollte nicht zu hoch sein, das heißt, er sollte vernünftig, altersentsprechend eingestellt sein. Ebenso sollte der Blutzucker gut eingestellt sein. Was man häufig bei älteren Menschen sieht, ist, dass sie wenig oder zu wenig trinken, weil das Durstgefühl nicht mehr so ausgeprägt ist. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass ältere Menschen regelmäßig trinken. Sie müssen aber keine überdurchschnittliche Menge an Flüssigkeit zu sich nehmen, wie häufig fälschlicherweise angenommen wird. Wir erleben allerdings häufig einen Volumenmangel gerade bei Patienten, die alleine oder im Altersheim leben. Außerdem sollte wirklich auf die Medikation geachtet werden: Im Alter nehmen Schmerzen im Bewegungsapparat zu und dementsprechend ist die Einnahme von Schmerzmedikamenten erhöht und dann wird es gefährlich. Gerade, wenn all diese Dinge zusammenkommen. 

Sie haben die Studienteilnehmer auch gefragt, welche Krankheiten sie haben und welche Medikamente sie nehmen. Dabei haben Sie auch den Einfluss des Blutdrucks auf die Gesamtsterblichkeit untersucht. Was ist dabei herausgekommen?

Wir gehen alle davon aus, dass eine strikte Blutdruckeinstellung grundsätzlich gut ist. Die Frage ist aber, ob dies auch im Alter gilt, ob wir also auch hier Ergebnisse, die wir von jüngeren Patienten kennen, auf das Alter übertragen können. Wir haben uns in der Auswertung der Studiendaten alle Teilnehmer angeschaut, die eine blutdrucksenkende Medikation erhalten hatten und haben tatsächlich gesehen, dass die strenge Einstellung des Blutdrucks in Bezug auf die Sterblichkeit nicht für alle vorteilhaft war. Es gab bestimmte Gruppen, die von einer strengen Blutdruckeinstellung nicht profitierten, und zwar waren das die über 80-Jährigen und diejenigen, die im Vorfeld schon ein kardiovaskuläres Ereignis, also sowas wie einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlebt hatten. Diese hatten sogar ein erhöhtes Risiko zu versterben, wenn ihr Blutdruck sehr streng eingestellt war. Streng heißt hier unter 140 zu 90 mmHg. Sicherlich bedarf es hier aber noch weiterer Forschung.

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Elke Schäffner.
Das Interview führte Laura Will.

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