Haarausfall am Kopf (Quelle: imago/CHROMORANGE)
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Interview | Alopecia areata: Kreisrunder Haarausfall - Wenn die Haare plötzlich weg sind

Fallen die Haare in Büscheln aus, ist das für die meisten eine Horrorvorstellung. Alopecia areata tritt plötzlich auf und kann jeden treffen – vom Kind bis zum Greis. Manchmal kommen die Haare spontan wieder, manchmal aber auch nicht. Was ist das für eine Krankheit, die psychisch so belastend sein kann, und wie geht man damit um? rbb Praxis hat mit der Hautärztin und Haarspezialistin Prof. Dr. med. Natalie Garcia Bartels gesprochen.

Frau Prof. Garcia Bartels, "Alopecia areata" wird auch "kreisrunder Haarausfall" genannt. Wie sieht ein Kopf einer Person aus, die an der Krankheit leidet?

Die häufigste Form ist tatsächlich örtlich begrenzter Haarausfall. Der hinterlässt dann haarlose Stellen, die eine kreisrunde, aber zum Beispiel auch eine ovale Form haben können. Am häufigsten haben die Betroffenen einzelne Stellen, an denen die Haare sozusagen büschelweise ausfallen. Man kann sie schmerzlos in mehreren Haarbüscheln aus der Kopfhaut ziehen.

Ist stets nur die Kopfhaut betroffen?

Nein. Es gibt auch Formen der Krankheit, die alle Körperhaare betrifft. Ein kreisrunder Haarausfall kann auch isoliert in der Beinbehaarung entstehen, im Schambereich oder in der Achselhöhle. Bei Männern kann die Krankheit auch den Bartbereich betreffen. Dann treten plötzlich helle Stellen auf, an denen Haare fehlen. Genauso kann es isoliert an der Augenbraue oder den Wimpern beginnen. Es ist meist ein umschriebener Bereich. Allerdings gibt es auch die seltenere diffuse Form, bei der die Haare massiv an ganz verschiedenen Stellen des Kopfs ausfallen. Diese Form ist für Ärzte oft nicht leicht zu diagnostizieren, da es eben typischerweise keinen kreisrunden Stellen sind.


Aber beim kreisrunden Typ ist die Diagnose meist klar?

Häufig ist das Haarausfall-Muster auf der Kopfhaut recht eindeutig. Dennoch ist es wichtig, dass man sich mit dem Dermatoskop – einer Art Lupe – die Kopfhaut genauer anschaut und nach Zeichen sucht, die häufig beim kreisrunden Haarausfall auftreten. Außerdem prüft man mit einem Zupftest, wie leicht sich die Haare herausziehen lassen. In bestimmten Fällen kann man auch noch weitere gezielte Haardiagnostik machen, etwa eine computergestützte Haaranalyse. Es gehört also schon mehr dazu, als nur auf den Kopf zu schauen.

Was sieht man denn, wenn man das Dermatoskop auf die Kopfhaut setzt?

Zum Beispiel sogenannte Ausrufezeichenhaare. Das sind Haare, die an ihrem Ende dicker sind und zur Kopfhaut hin dünner werden – wie ein Ausrufezeichen. Sie sind typisch für kreisrunden Haarausfall und mit dem bloßen Auge kaum erkennbar. Außerdem können die Öffnungen der Haarfollikel gelb oder schwarz verfärbt sein. 
Das ist wichtig, um Alopecia areata von anderen Formen des Haarausfalls zu unterscheiden, bei denen die Kopfhaut vernarben kann.


Bei der Alopecia areata bleiben die Haarfollikel also intakt?

Ja, es handelt sich dabei um eine Autoimmunentzündung, bei der der Körper die eigenen Haare als fremd erkennt und attackiert. Dieses Entzündungsgeschehen spielt sich tief unter der Kopfhaut ab. Dadurch wird die Stammzellregion, aus der neue Haare gebildet werden, auch nicht so stark attackiert, und sie kann nach Ablauf der Entzündung dazu beitragen, dass wieder Haare wachsen.

Wie viele Menschen sind von der Krankheit betroffen?

Die Zahlen variieren, weil es bisher kein zentrales Register gibt. Man geht davon aus, dass das Krankheitsrisiko während des gesamten Lebens in Deutschland bei etwa 1,7 Prozent liegt. Insgesamt sind etwa 0,1 bis 0,2 Prozent der Bevölkerung betroffen. Ein typisches Alter gibt es aber nicht. Das geht vom Säuglings- bis ins Seniorenalter. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen.

Was weiß man über die Ursachen der Krankheit?

Man hat Hinweise gefunden, dass verschiedene Signalwege des Immunsystems gestört sind und auch Orte im Erbgut, die dafür eine Rolle spielen können. Das ist auch der Grund dafür, dass es eine familiäre Häufung gibt. Das heißt: Das Risiko für ein Kind ist erhöht, wenn ein oder beide Elternteile betroffen sind. Aber man kann nicht vorhersagen, wer dann auch wirklich erkranken wird.

Gibt es Faktoren, die die Krankheit zum Ausbruch bringen können?

Auch darüber weiß man noch sehr wenig. Immer wieder werden massive psychische Belastungen mit dem Beginn der Krankheit in Verbindung gebracht, etwa der Verlust eines nahen Angehörigen. Bei Kindern diskutiert man häufige Infekte im Halsbereich als mögliche Triggerfaktoren. Aber meistens findet man keinen klaren Auslöser.

Bei wie vielen Patienten kommen denn die Haare spontan wieder, nachdem sie ausgefallen sind?

Es kommt darauf an, welchen Typ der Patient hat, also ob nur wenige Haare am Kopf oder sehr viele an verschiedenen Stellen des Körpers ausgefallen sind. Die Prognose hängt auch davon ab, ob es noch Nebenerkrankungen wie Neurodermitis oder Schilddrüsenerkrankungen gibt. Man sagt grob, dass innerhalb der ersten sechs bis zwölf Monate bei etwa 30 bis 50 Prozent die Haare spontan wiederkommen und innerhalb von zwei Jahren bei etwa 50-70 Prozent. Das sind aber recht vage Angaben, weil es keine großen Studien gibt.

Was kann man medizinisch gegen die Krankheit tun?

Eine kausale Behandlung, also eine, die die Ursache bekämpft, gibt es nicht. In erster Linie behandelt man mit Kortison, um das Immunsystem zu unterdrücken und die Entzündung zu stoppen. Das geht lokal mit Lösungen, Lotionen oder Cremes, die man auf die Kopfhaut aufträgt. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit, Kortison in kleinen Tröpfchen unter die Kopfhaut zu spritzen. Wenn das alles nichts bringt, kann man eine experimentelle Behandlung versuchen. Dabei wird das Allergen DCP auf die Haut aufgetragen, um das Immunsystem zu reizen. Das ist eine sehr aufwändige Therapie, die dazu beitragen kann, dass die Haare wieder wachsen. Sie wird aber nur in speziellen Zentren durchgeführt.

Bei wie vielen Patienten bleiben die Haare dauerhaft weg?

Dazu gibt es leider keine guten Zahlen. Bei manchen wachsen sie auch erst wieder nach, um dann später erneut auszufallen. Ich hatte schon Patienten, die in der Jugend betroffen waren und jetzt wieder mit Mitte 40. Manche bemerken es auch gar nicht, etwa wenn Haare auf einer kleinen Fläche am Hinterkopf ausfallen und recht schnell wieder nachwachsen.

Wie erleben Sie Patienten, die mit Alopecia areata zu Ihnen kommen?

Für die Betroffenen ist das meist höchstbedrohlich. Der Großteil ist dadurch sehr belastet. Zumal sie auch in Internetforen sehen, welche Ausmaße der Haarausfall annehmen kann. Laien fällt es dann schwer, die eigene Krankheit in dem komplexen Feld einzuschätzen. Aber die wenigsten sind so gelassen, dass sie erst einmal abwarten, ob die Haare von selbst wiederkommen. Die meisten wünschen eine Therapie.

Obwohl die Krankheit an sich nicht gefährlich ist.

Nein, aber sie ist stigmatisierend. Wenn man sich mit dem "Symbol Haare" beschäftigt – was wir damit machen, wie sehr wir über Haare interagieren und wie stark Haarlosigkeit unser Aussehen verändert – dann versteht man, wie belastend so etwas sein kann. Auch wenn es „nur“ die Augenbraue ist, die fehlt oder der Bart helle Flecken hat, kann dies schon sehr beunruhigend für die Betroffenen sein.

Was raten Sie den Patienten?

Entscheidend ist, wie die Patienten individuell damit umgehen. Wer sich durch die Krankheit sehr stark belastet fühlt, dem kann auch ein Psychotherapeut helfen. Manchen hilft es aber auch schon sehr, sich ein Haarteil zu besorgen, das die betroffenen Stellen überdeckt – oder eine Perücke. Weil sie dann diese Angst nicht mehr haben, dass andere die kahlen Stellen sehen könnten, zum Beispiel wenn Wind aufkommt.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Prof. Garcia Bartels.
Das Interview führte Florian Schumann. 

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