Frau putzt sich die Zähne (Quelle: colourbox)
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Interview - Gesunder Mund - gesunder Köper

Zahnhygiene kann die Gesundheit des Körpers maßgeblich beeinflussen. So führt eine erschwerte Nahrungsaufnahme durch entzündetes Zahnfleisch oder Zahnschmerzen zu einer Einschränkung der Lebensqualität. Eine schwere Zahnfleischentzündung, eine Parodontitis, soll sogar zur Erkrankung des Herzens und der Blutgefäße führen. Über den Zusammenhang zwischen einem gesunden Mund und einem gesunden Körper sprach die rbb Praxis mit Univ.-Prof. Dr. Henrik Dommisch, Leiter der Abteilung für Parodontologie und Synoptische Zahnmedizin, Charité. 

Warum ist eine Zahngesundheit wichtig für das gesamte Wohlbefinden?

Die Mundgesundheit ist ein ausschlaggebender Faktor für das individuelle Wohlbefinden. Entzündliche Erkrankungen an Zähnen oder dem Zahnfleisch können natürlich die Nahrungsaufnahme erschweren und damit die Lebensqualität und den "Genussfaktor" im Leben vermindern. Lokale Entzündungen, wie beispielsweise die Parodontitis, können darüber hinaus Einfluss auf die systemische Gesundheit haben. Einerseits können bei solchen lokalen entzündlichen Erkrankungen Bakterien in die Blutbahn gelangen und an anderen Stellen im Körper ebenfalls lokal-entzündliche Reaktionen provozieren. Ein anderer Faktor ist die Bereitstellung von Entzündungsmediatoren, die ausgehend von lokalen Entzündungen, wiederum über die Blutbahn, an anderen Orten im Körper Effekte hervorrufen können. Besonders bei Diabetes mellitus und kardiovaskulären Erkrankungen konnten diese systemischen Effekte der Parodontitis beobachtet werden.

Was sind in diesem Zusammenhang systemische Einflüsse bzw. Erkrankungen?

Systemische Erkrankungen betreffen nicht nur eine bestimmte Region, sondern darunter verstehen wir, dass es den gesamten Körper betrifft und zeigen damit, dass diese einen weitreichenden Einfluss auf die allgemeine Gesundheit haben. Grundsätzlich geht es aber auch um Erkrankungen, die lebenswichtige Organe und Organstrukturen beeinflussen. Ein Beispiel sind kardiovaskuläre Erkrankungsformen; also Erkrankungen nicht nur des Herzens, sondern auch des Gefäßsystems.

Wie kommt es zu einer Parodontitis (Zahnfleischentzündung)?

Tatsächlich ist es so, dass Parodontitis eine Erkrankung ist, die relativ "heimtückisch" ist, weil sie zunächst kaum Beschwerden verursacht. Patienten bemerken diese erst, wenn Zähne locker werden oder die Zähne sich bewegen, sich verschieben. Nur der regelmäßige Besuch bei der Zahnärztin bzw. dem Zahnarzt ermöglicht ein rechtzeitiges Erkennen der Parodontitis. Unbehandelt führt die Parodontitis schließlich zum Zahnverlust. Daher sollte diese Erkrankung durch eine systematische Therapie konsequent behandelt werden. Das bedeutet für die Patienten, in regelmäßigen Abständen den behandelnden Zahnarzt aufzusuchen. In besonders fortgeschrittenen Fällen sollte sogar der Spezialist für Parodontologie aufgesucht werden. Zusätzlich zur konsequenten Therapie steht eine optimale Mundhygiene im Vordergrund. Im Therapieverlauf werden immer wieder Prophylaxesitzungen erforderlich. Nach Abschluss der aktiven Parodontitistherapie sollten alle Patienten, im besten Fall zeitlebens, regelmäßig zu Nachkontrollen (unterstützende Parodontitistherapie) gehen. Das bedeutet, zum Zahnarzt zu gehen, sich vom Zahnarzt untersuchen zu lassen, im Spezialfall, sich zum Parodontologen überweisen zu lassen, damit die Erkrankung frühzeitig erkannt wird und dann auch behandelt werden kann.  

Wie macht sich eine Parodontitis bemerkbar?

Blutendes Zahnfleisch ist ein wichtiger Hinweis auf das Vorliegen einer Entzündung. Das Zahnfleisch ist im gesunden Zustand normalerweise blass-rosa und bedeckt die Zahnwurzel und den Knochen. Der Zahn ist im Knochen an Fasern "aufgehängt". Im Falle der Parodontitis führt die entzündliche Reaktion dazu, dass dieser sogenannte Faserapparat zerstört wird und sich der umliegende Knochen zurückzieht. Bakterien, welche sich in den Zahnbelägen befinden, spielen bei dieser ausgeprägten Entzündungsreaktion eine entscheidende Rolle. Im Verlaufe der Parodontitis bilden sich sogenannte Zahnfleischtaschen aus, sodass sich immer mehr Bakterien bis in die Tiefe bewegen, dort ansammeln und vermehren können. Wird dieser Vorgang nicht durch die zahnärztliche Behandlung unterbrochen, geht mehr und mehr Gewebe des Faserapparates und des Knochens (Zahnhalteapparat) verloren, d.h. von dem Haltegewebe, das den Zahn im Knochen hält. Der Knochen geht zurück und bakterielle Beläge können sich in der Tiefe sozusagen weiter ansammeln.
 
Die Entzündung in der Zahnfleischtasche kann durch die gezielte Sondierung der Gewebe schnell entdeckt werden. Bereits wenige Sekunden nach der in der Regel schmerzlosen Sondierung kommt es zur Blutung aus der Zahnfleischtasche. Diese Blutung ist der wichtigste Hinweis für eine aktive Entzündung. Je tiefer die Sonde in die Zahnfleischtasche eindringen kann, desto mehr wurde der Zahnhalteapparat bereits zerstört.

Kann die Parodontitis aufgehalten werden?

Parodontitis kann man, in Abhängigkeit von der individuellen Gesundheit des Patienten und dem Ausmaß der Zerstörung, aufhalten. In bestimmten Fällen kann man sogar je nach Ausmaß und Art des Defektes Knochen, Zement und den Faserapparat zu einem gewissen Prozentsatz wieder regenerieren. Das ist durch aufwendige, stets chirurgische Therapieverfahren möglich.

Wie lange dauert es, um Parodontitis zu heilen?

Die aktive Phase der Parodontitistherapie kann sich bis zu einem Jahr hinziehen, in welchem die Patienten in Etappen behandelt werden. Zunächst erfolgt eine nicht-chirurgische Therapie. Im späteren Verlauf der Therapie kann in einigen Fällen auch eine chirurgische Intervention erforderlich sein. Bis dann alles abgeheilt ist, dauert das zuweilen ein Jahr oder länger. In manchen Fällen sieht man den ersten Erfolg erst nach einigen Monaten bis hin zu einem Jahr. Die Patienten allerdings bemerken schon nach wenigen Wochen eine Verbesserung und spüren, dass die Entzündung in der Mundhöhle abklingt. Ob sich Gewebe regeneriert hat, kann erst nach frühestens sechs Monaten abgeschätzt und nach einem Jahr mit Hilfe eines Röntgenbildes nachvollzogen werden. Nachfolgend schließt sich eine etwas passivere Phase an, in welcher der Patient nicht so häufig kommen muss. Dennoch ist es zuweilen erforderlich, dass Parodontitispatienten im Anschluss, je nach individueller Situation, bis zu viermal im Jahr zu den unterstützenden Parodontitistherapie-Sitzungen einbestellt werden.

Warum ist die Zahngesundheit vor einer Herz-Operation wichtig?

Sollte bei einem Patienten eine Herz-Operation anstehen, werden unterschiedliche Aspekte hinsichtlich der Mundgesundheit berücksichtigt, genau untersucht. Der eine Aspekt betrifft das mögliche Vorliegen von Karies an Zähnen, der andere das mögliche Vorliegen einer Parodontitis. In beiden Fällen geht es besonders um das Vorhandensein von Bakterien, welche sich in großen Zahlen in den Zahnbelägen befinden. Diese Bakterien können, wie erwähnt, in den Blutstrom gelangen und möglicherweise das Herzgewebe angreifen, beispielsweise bei Karies oder stark zerstörten Zähnen, wo wir immer sehr viele Bakterien im Zahn, also auch um den Zahn herum finden. Das kann unter Umständen den operativen Verlauf bei Patienten mit Herzerkrankungen beeinflussen, sodass in der Regel versucht wird, im Vorfeld die Zähne und das Zahnfleisch so gut es geht zu sanieren.

Wie wirkt sich Parodontitis bei einer Schwangerschaft aus?

Die Entzündung ist auch etwas, was viele Schwangere besorgt. Wir wissen derzeit noch nicht genug, um die genauen Folgen der Parodontitis für Schwangere abzuschätzen. Sollte ein Kinderwunsch bestehen, ist es ratsam, die Zahnärztin bzw. den Zahnarzt aufzusuchen und sich hinsichtlich entzündlicher Erkrankungen untersuchen zu lassen. Wird eine Parodontitis erst im Verlauf der Schwangerschaft festgestellt, dann kann die nicht-chirurgische Therapie in den letzteren Schwangerschaftsmonaten erfolgen. Unabhängig von der Parodontitis ist es bekannt, dass die hormonelle Umstellung zu lokalen Entzündungen des Zahnfleisches, der sogenannten Gingivitis (Schwangerschaftsgingivitis), führen kann. Auch diese Entzündung kann durch eine gezielte zahnärztliche Intervention gut behandelt werden und ist in der Regel vollständig reversibel.

Warum ist vor einer Strahlentherapie im Mundbereich die Mundgesundheit wichtig?

Zusätzlich zu den entzündlichen Erkrankungen kann die Mundgesundheit durch therapeutisch notwendige Maßnahmen beeinflusst werden. Hierzu zählt die therapeutische Bestrahlung im Kopf-Hals-Bereich. Diese ist erforderlich, wenn Patienten an Krebs in diesem Körperbereich leiden. Die Strahlentherapie im Kopf-Hals-Bereich führt zu einer Verminderung des Speichelflusses, was in der Folge zu oralen Erkrankungen wie beispielsweise Karies führen kann. Zusätzlich können Entzündungsprozesse dadurch negativ beeinflusst werden, da viele Abwehrstoffe im Speichel vorhanden sind, die aufgrund des verminderten Speichelflusses fehlen und die Entzündung begünstigen können.

Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Dagmar Scheibert