Frau steht mit Rücken zum Betrachter am Fenster (Bild: imago images/Westend61)
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Interview l Spätfolgen einer Infektion - COVID-19: Überstanden und doch nicht gesund

Am Anfang der Corona-Pandemie galten zwei Dinge als entscheidend: massenhafte Infektionen vermeiden und ausreichende Versorgungskapazitäten in Krankenhäusern schaffen. Inzwischen sind deutschlandweit ca. 200.000 Menschen an COVID-19 erkrankt. Jetzt zeigt sich, dass es noch andere Probleme gibt: Spätfolgen der Infektion - nicht nur bei schwer Erkrankten, sondern auch bei denen, die nur milde Symptome hatten. Immunologin Prof. Dr. Christine Falk gehört zu denen, die diese Corona-Folgen erforschen.

Atemprobleme, Müdigkeit, Geschmacks- oder Geruchsverlust - ForscherInnen weltweit versuchen derzeit zu verstehen, warum es zu diesen und mehr Spätfolgen kommt und wer besonders gefährdet ist.

Eine von ihnen ist Prof. Christine Falk. Sie arbeitet als Immunologin an der Medizinischen Hochschule Hannover und im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung. Vor der Corona-Pandemie hat sie unter anderem zu Abstoßungsreaktionen nach Lungentransplantationen geforscht. Damit das Spenderorgan nicht abgestoßen wird, muss das Immunsystem gedämpft werden. Allerdings auch nicht zu stark - sonst sind die Transplantierten zu gefährdet für einen Infekt. Diese Arbeit sei eine gute Voraussetzung für die Forschung zu den Spätschäden nach COVID-19, sagt Christine Falk.

Frau Prof. Falk, warum entwickeln manche Menschen nach einer COVID-19 Erkrankung Spätfolgen und andere nicht?

Wir sehen, dass Menschen mit Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauferkrankungen, Erkrankungen der Lunge, Diabetes oder Übergewicht häufiger einen schweren Verlauf von COVID-19 erleiden. Und dass diese Menschen dann auch eher Spätfolgen entwickeln. Es gibt aber auch Fälle von Personen, die sich gesund fühlen, keine bekannten Vorerkrankungen haben und trotzdem schwer erkranken. Das ist die eine Frage, die wir nicht gut beantworten können.

Die andere Frage, auf die wir derzeit noch keine Antwort haben, ist die, warum Patientinnen und Patienten, die den Infekt zunächst gut in den Griff bekommen und deren Immunsystem das Virus stoppen kann, bevor es sich weiter in die Lunge ausbreitet, sich nicht gut von der COVID-19 Erkrankung erholen. Das heißt: Sie haben langfristig immer wieder Fieberschübe, sie sind körperlich nicht fit, fühlen sich auch geistig nicht so leistungsfähig, haben Magen-Darm-Beschwerden und Muskelschmerzen, also ein breites Spektrum von unspezifischen Symptomen.

Die Chance, dass diese Spätfolgen mit dem Immunsystem und der Bekämpfung des Virus zu tun haben, ist relativ hoch. Wir vermuten, dass da immer noch ein Kampf des Immunsystems mit dem Virus tobt, was aber nicht so leicht nachzuweisen ist. Das heißt, im Moment ist das eine Hypothese, die ich und andere Forscher formulieren.

Was wissen Sie darüber, wie dieser "Kampf des Immunsystems" konkret aussieht und welche Folgen er für das Immunsystem hat?

An der Medizinischen Hochschule Hannover gibt es ein Nachsorgeprogramm für Patientinnen und Patienten mit schweren Verläufen, aber auch für diejenigen, die nicht so schwer erkrankt sind. Diese werden jetzt vier bis acht Wochen und bis zu einem Jahr danach noch weiterverfolgt und u.a. mit einem Fragebogen begleitet. Damit dokumentieren sie, wie sich ihr Gesundheitszustand nach der COVID-19 Erkrankung entwickelt.

Wir untersuchen gemeinsam mit anderen Forschergruppen zudem, wie sich das Immunsystem dieser Menschen darstellt. Was man jetzt schon sagen kann - und das wurde auch von Gruppen in China und den USA veröffentlicht - ist, dass die Zahl der weißen Blutkörperchen im Blut nicht mehr so ganz in den Normbereich zurückkehrt, wie bei Gesunden.
Wir beobachten, dass die T-Helferzellen und auch die so genannten Killerzellen des Immunsystems nicht mehr das Niveau erreichen, wie vorher. Das gilt auch für die B-Zellen, die eigentlich Antikörper produzierende Zellen sind.

Das feine Räderwerk des Immunsystems, in dem, wie bei einem Uhrwerk alle Zahnräder genau ineinandergreifen, funktioniert offensichtlich nicht mehr reibungslos - weder was die reinen Zahlen der Immunzellen angeht, noch ihre Funktion, die zum Teil beeinträchtigt zu sein scheint.

Gibt es eine solche Schwächung des Immunsystems nicht auch bei anderen Virusinfektionen, wie beispielsweise einer Grippe?

Wenn wir bei einer Grippe Fieber bekommen und Grippesymptome haben, dann haben wir ja die dicken Lymphknoten, die unter dem Kinn abgetastet werden. Das ist eine gute Reaktion, denn in diesen Lymphknoten werden die richtigen Immunzellen aktiviert, die genau diese Grippeviren bekämpfen und nicht zum Beispiel andere Viren. Danach kommen die Immunzellen wieder auf ein normales Niveau herunter - aber das Immunsystem an sich ist danach nicht weniger aktiv, es verliert nichts von seiner Funktion.

Und das ist bei Covid-19 anders: Da kommt es in der aktiven Phase zu einem Absinken der weißen Blutkörperchen, die auch danach noch anhält. Das heißt, was dort passiert, ist eine ganz andere Art der Auseinandersetzung mit einem Infekt, als wir sie sonst kennen. Es gibt immer mal Phasen, in denen die Immunzellen absinken im Blut, weil sie - zum Beispiel durch eine lokale Entzündung - woanders im Körper gebraucht werden. Aber danach kommen sie wieder zurück.
Nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 scheint das bei manchen Patientinnen und Patienten nicht der Fall zu sein. Möglicherweise verbleiben die Immunzellen in der Lunge.

Hier zeigt sich, dass die Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Sars-CoV-2 Virus unausgereift ist, weil das Virus für den menschlichen Körper neu ist. Die Herausforderung ist jetzt, dem Immunsystem in der Nachsorge besser auf die Sprünge zu helfen, was nicht so einfach ist, wenn man nicht genau weiß, warum das Immunsystem sich nicht wieder richtig erholt.

Welche Spätfolgen von COVID-19 kann man auf diese Schwächung des Immunsystems zurückführen - und welche nicht?

Diese Spätfolgen haben alle etwas mit dem Immunsystem zu tun, das kann man gar nicht isoliert betrachten. Es gibt allerdings Hinweise, dass das Sars-CoV-2 Virus sich in andere Organe ausbreiten und dort Zellen infizieren kann. Das scheint aber eher bei den schweren Fällen so zu sein.

Es ist ja so, dass bei den schweren Verläufen das Virus über die oberen Atemwege bis zur Lunge gelangt und dort über die Lungenbläschen in die Blutbahn gelangen kann. Auf diesem Weg kann es sich in andere Organe ausbreiten, zum Beispiel in die Nieren, die Leber oder den Darm. Bei den leichteren Fällen haben sie die lokale Bekämpfung des Virus im Hals-Rachenraum; danach ist das Virus eigentlich nicht mehr nachweisbar. Da ist es dann eher unwahrscheinlich, dass das Virus in andere Organe gelangt.

Bei den neurologischen Beeinträchtigungen ist das nicht so einfach zu erklären. Es gibt Berichte von Verstorbenen, bei denen das Virus im Gehirn nachgewiesen wurde, aber das ist sicherlich eher die Ausnahme. Es ist allerdings vorstellbar, dass bei schweren Fällen, wenn sich das Virus im Körper ausbreitet, dadurch neurologische Komplikationen entstehen, die länger anhalten. Denn das Nervensystem steht ja mit allen Organen in Kommunikation.

Die neurologischen Spätfolgen entstehen vermutlich durch lokale Immunreaktionen in den Organen, die eine nachhaltige Entzündungsreaktion erzeugen, die sich dann auf die Nerven auswirkt. Klar ist, dass chronische Entzündungsprozesse im Körper nicht gut sind, weil dann das Immunsystem nicht optimal reagiert, sondern sich mit etwas beschäftigt, was es nicht los wird. Dadurch kann das Immunsystem auch nicht so gut auf andere, neue Infekte reagieren.

Wie kann man erklären, dass auch Menschen mit nur milden Symptomen, Wochen nach einer COVID-19 Erkrankung noch unter Spätfolgen leiden, die einem chronischen Erschöpfungssyndrom sehr ähnlich sind?

Es gibt ja auch andere Viren, die ein chronisches Erschöpfungssyndrom [Anm. d. Red.: Chronic Fatigue-Syndrom – CFS] auslösen, zum Beispiel das Epstein-Barr-Virus, welches das Pfeiffersche Drüsenfieber verursacht. Da ist es auch nicht ganz klar, ob es das Virus selbst ist, welches CFS hervorruft oder die Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Virus. Vermutlich aber eher Letzteres.

Viele Menschen infizieren sich im Kindesalter mit dem Epstein-Barr Virus, ohne es zu bemerken. Erkrankt man als Teenager oder in einem späteren Lebensalter, verläuft die Erkrankung oftmals schwerer und es kommt bei manchen Betroffenen monatelang zu diesen typischen Symptomen eines chronischen Erschöpfungssyndroms, wie Müdigkeit, Gliederschmerzen und Konzentrationsschwäche. Im Moment vermuten wir, dass es bei den leichter an COVID-19 Erkrankten auch zu so einem "Immun-Auseinandersetzungs-Syndrom" kommt, ähnlich wie beim Epstein-Barr-Virus.

Manche Betroffene berichten von einer Art "Rückfall" nachdem sie sich schon gesund gefühlt haben. Wie ist das zu erklären?

Es könnte sein, dass sich das Sars-CoV-2-Virus im Körper versteckt und dort eine Art Reservoir bildet. Dann könnte man das Virus im Nasen-Rachen-Raum nicht mehr nachweisen, es wäre aber noch woanders im Körper vorhanden. Wenn dann bestimmte Auslöser auftreten, könnte man sich vorstellen, dass die Erkrankung wieder aufflammt. Ob es solche Virus-Reservoirs tatsächlich gibt, ist allerdings nicht so leicht zu untersuchen.

Eine andere Erklärung könnte sein, dass der erste Effekt der Bekämpfung von Sars-CoV-2 quasi Sand ins Getriebe des feinen Räderwerks des Immunsystems bringt und damit das Immunsystem schwächt. Kommen dann andere Infekte hinzu, die gar nichts mit Sars-CoV-2 zu tun haben, kann das Immunsystem diese nicht so gut bekämpfen und man fühlt sich wieder krank.

Die verschiedenen Viren als Auslöser von Beschwerden, muss man allerdings gut auseinanderhalten, was gar nicht so einfach ist. Denn wenn die Sars-CoV-2-Viren aus dem Hals-Nasen-Rachenraum weg und nicht mehr mit einem PCR-Test und auch nicht im Blut auffindbar sind, dann wird es schwierig, das Virus noch irgendwo nachzuweisen. Man kann ja schlecht in die Organe reinschauen; und invasiv Gewebe zu entnehmen und auf das Virus zu untersuchen, das würde man nicht machen. Zumal das wenig bringt, weil die Probe ja nur einen kleinen Teil des Organgewebes enthält, die womöglich zufällig kein Virus enthält.

Was weiß man über die Risikofaktoren, an Spätschäden von COVID-19 zu erkranken?

Das Problem ist, dass wir dafür Studien brauchen, in die große Zahlen von COVID-19 Patientinnen und Patienten eingeschlossen werden, die dann zu diesen Spätfolgen befragt werden. Wir kennen natürlich einige Risikofaktoren, wie chronische Grunderkrankungen. Aber, um belastbare Zusammenhänge zu erkennen, brauchen wir einfach mehr Daten.

Das geschieht aber gerade und zwar mit dem "Nationalen Forschungsnetzwerk der Universitätsmedizin für COVID-19", in welchem wir Daten sammeln, damit aus den Einzelberichten statistisch belastbare Aussagen werden.
Was uns sehr helfen würde, wäre, wenn jeder an COVID-19 Erkrankte eine Art Tagebuch führen würden, in dem der Gesundheitszustand während und nach der Infektion festgehalten wird. Solche Aussagen können in den lokalen Nachsorgezentren gesammelt und dann an das "Nationale Forschungsnetzwerk der Universitätsmedizin für COVID-19" weitergegeben werden.

Wo finden Patientinnen und Patienten mit Spätfolgen nach COVID-19 Hilfe?

An der Medizinischen Hochschule Hannover hatten wir bislang rund 30 schwere COVID-19 Fälle und die werden auch an der MHH weiterbetreut. Und zwar im Abstand von drei Monaten bis zu einem Jahr. Das haben auch andere Universitätskliniken und Zentren, die viele schwere COVID-19-Erkrankte behandelt haben.

Darüber hinaus gibt es einige Kliniken für Lungenerkrankungen, die sich schon jetzt auf die COVID-19-Nachsorge spezialisiert haben. Ich denke, in naher Zukunft werden sie auch Selbsthilfegruppen mit und für Patientinnen und Patienten gründen, die unter den Spätfolgen von COVID-19 leiden. Das kann denen helfen, die bislang vielleicht meinten, mit ihren Problemen allein dazustehen.

Sie beschäftigen sich derzeit täglich mit dem Sars-CoV-2 Virus. Wie stehen Sie inzwischen dazu?

Inzwischen wissen wir immer mehr über das Virus. Und zwar Dinge, die nicht unbedingt erfreulich sind. So können auch junge und gesunde Menschen schwer an COVID-19 erkranken. Und wir wissen auch, dass die leicht Erkrankten nicht unbedingt genügend Antikörper produzieren, um langfristig immun gegen eine Neuinfektion zu sein.

Wir arbeiten unter strengen Sicherheitsvorkehrungen mit dem Virus. Wir haben keine Angst davor, aber Respekt. Solange es keinen Impfstoff gibt, müssen wir uns unbedingt alle an die bekannten Hygiene- und Abstandregeln halten. Passiert das nicht, beobachtet man sofort, wie das Virus jede Chance nutzt, um sich auszubreiten.

Prof. Dr. Falk, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führt Ursula Stamm

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