Hand in Gummihandschuhen testet mit Pipette Zellprobe (Bild: imago images/Science Photo Library)
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Interview l Gezielte Tumortherapie - Krebs: Mit dem Roboter die beste Therapie finden?

Bei etwa der Hälfte aller Krebspatienten weltweit versagt die Chemotherapie. Das Berliner Unternehmen ASC Oncology hat ein neues Testverfahren entwickelt, mit dem wissenschaftlich belastbare Aussagen darüber möglich werden, welches Krebsmedikament bei Patient*innen wahrscheinlich wirkt - und welches nicht wirkt. Die rbb Praxis hat mit dem Unternehmensgründer, Dr. Christian Regenbrecht, gesprochen.

Herr Dr. Regenbrecht, Sie haben da ein neues Testverfahren mit dem Namen "Reverse Clinical Engineering" entwickelt. Es soll helfen, Tumore besser behandeln zu können – wie läuft das Verfahren ab?
 
Wir bekommen ein frisches Stück Tumorgewebe, das bei einer Tumoroperation oder einer Biopsie entnommen wird. Die darin enthaltenen Tumorzellen können wir in Zellkulturschalen im Labor unbegrenzt vervielfältigen. Dabei bleiben die Eigenschaften des Tumors erhalten.
 
Im Anschluss können wir im Labor mit einem Roboter beliebig viele Chemotherapien und Kombinationen aus Chemotherapien testen. Das Ergebnis dieser Testungen zeigt, welche Therapien bestmöglich auf den Tumor wirken - und auf welche Therapien der Tumor gar nicht, oder nur schlecht anspricht.
 
Diese Daten verarbeiten wir dann, generieren aus den Informationen einen Bericht, senden diesen dann an den behandelnden Arzt bzw. Onkologen und diskutieren die Therapieoptionen mit den Ärzten und, wenn die Patienten das möchten, auch mit Arzt und Patient gemeinsam. So kann der Patient gemeinsam mit seinen Ärzten die beste Therapieentscheidung treffen – basierend auf den Ergebnissen seines Tumors, also ganz individuell.

Welche Krebsarten können Sie so untersuchen?
 
Im Prinzip können wir die Methode für alle soliden Tumoren [Anm. d. Red.: also mit fester Gewebestruktur], wie Darmkrebs, Brustkrebs, Bauspeicheldrüsenkrebs, aber auch Knochen- und Muskelkrebs anbieten.
 
Für Leukämien oder Lymphdrüsenkrebs ist unsere Methode allerdings nicht geeignet.

Wie erfolgreich ist diese Methode?
 
Klinische Erfahrungswerte gibt es aus einer Studie in England. Die Kollegen haben parallel zur regulären Behandlung bei Dickdarmkrebspatienten eine Studie durchgeführt. Sie haben mit unserer Methode versucht, die Wirkung der Standardbehandlung vorherzusagen. Dabei konnten sie zu 100 Prozent vorhersagen, was nicht wirken wird, und zu fast 90 Prozent was wirken wird.
 
Das ist natürlich ein Riesenvorteil, wenn man schon im Vorfeld der Behandlung nicht wirksame Krebstherapien ausschließen kann und die Wahrscheinlichkeit, dass eine Therapie wirkt, auf 88 Prozent erhöhen kann. Das ist mehr als heute durchschnittlich bei den meisten Therapien erreicht wird, denn da liegen die Werte irgendwo zwischen 30 und 50 Prozent.

Wie lange dauert eine Untersuchung des Tumorgewebes?
 
Das kommt darauf an, wie schnell der Tumor wächst. Das Schnellste, was wir je geschafft haben, war bei einer Probe aus dem Universitätsklinikum Magdeburg. Da hatten wir neun Tage nach der OP die Ergebnisse. Das war ein ganz dramatischer Fall – da ging es um eine junge Frau, die einen Tumor hatte, der um ihr Herz gewachsen und inoperabel war, da kam es auf jeden Tag an. Da testet man natürlich nicht unendlich viele Substanzen. Dafür reicht die Zeit nicht, sondern man verständigt sich mit den Ärzten auf drei, vier Substanzen, von denen man denkt, sie könnten wirken.
 
Ansonsten benötigen wir mit einem guten Monat, so dass wir auch mal Wirkstoffe testen können, die vielleicht nicht ganz auf der Hand liegen, wo wir zunächst mit den Ärzten Hypothesen bilden und in die aktuelle Literatur schauen können.

Sie bieten unterschiedliche Untersuchungspakete an, was beinhalten die?
 
Wir wollen nicht ein besonders teures Paket verkaufen. Die Paketauswahl hängt ganz von der individuellen Tumorsituation ab. Wenn man einen kleinen Tumor hat, der rechtzeitig diagnostiziert wurde, dann bekommen wir unter Umständen gar nicht genug Tumormaterial für besonders umfangreiche Untersuchungen.
 
Der Unterschied zwischen den Paketen ist, dass wir eine unterschiedliche Dichte an Informationen generieren können. Bei Paket 2 haben wir es oft mit Menschen zu tun, die bereits ein oder zwei Krebstherapien hinter sich haben. Da schauen wir uns dann auf Zellebene die Biologie hinter dem Tumorwachstum an, um zu verstehen, weshalb die bisherigen Krebstherapien versagt haben. Dann können wir testen, welche Therapie die bestmögliche ist. Wir untersuchen, wie die Tumorzellen auf diese Medikamente reagieren und der bisherigen Behandlung ausweichen. Wir können dann gezielt dem Tumor diese Ausweichwege abschneiden.
 
Bei dem umfangreichsten Paket schauen wir uns zusätzlich mehrere Regionen des Tumors an. Das ist bei ausgedehnt großen Tumoren interessant, denn es gibt ein Phänomen, das wir Intratumorheterogenität nennen. Das bedeutet, dass nicht alle Zellen im Tumor gleich sind. Das haben wir zum Beispiel schon bei einer Patientin mit einem fortgeschrittenen Dickdarmkrebs gesehen. Bei der Patientin gab es innerhalb ihres Tumors Regionen, die auf bestimmte Chemotherapien sehr sensitiv reagiert haben und andere Regionen, die völlig resistent gegenüber dem Therapeutikum waren. In der Praxis bedeutet das, dass Patienten erst einmal Hoffnung schöpfen, da der Tumor zunächst schrumpft. Allerdings gibt es dann Tumorzellen, die die ursprüngliche Behandlung überleben. Wenn sich diese dann im Körper ausbreiten, ist der Tumor zumeist aggressiver als vorher.
 
Auf Wunsch des Patienten archivieren wir die Tumormodelle, das heißt, wir können immer die neusten Wirkstoffe testen, ohne dass ein erneuter Eingriff beim Patienten notwendig wäre.

Die Behandlung wird nicht von der Krankenkasse übernommen – wie hoch sind die Kosten?
 
Das erste Paket nennen wir nach dem Begründer der modernen Pathologie "Rudolf Virchow" und es kostet 3.700 Euro, das sind fast ausschließlich unsere Eigenkosten. Wie verdienen bei dieser Variante vielleicht 200 oder 300 Euro. Diesen Preis bieten wir an, wenn Patienten ihr Gewebe für weitere Forschung an ihren Tumorgeweben spenden. Denn jeder Patient kann mit seinem Tumor dazu beitragen, dass nicht nur ihm geholfen wird, sondern dass wir Krebs auch für zukünftige Patientengenerationen besser verstehen. Wer das nicht möchte und das Gewebe nicht spendet, zahlt pauschal einen Aufschlag von 2.000 Euro pro Paket.
 
Das Paket "Henrietta Lacks" benannt nach einer Krebspatientin kostet 5.700 Euro, da es zusätzlich eine aufwändige Proteinanalyse beinhaltet und das umfangreichste Paket, dass wir nach einer Pionierin der Zellkulturforschung "Mina Bissell" benennen, liegt bei 9.700 Euro. Hier untersuchen wir mehrere Regionen im Tumor, was unseren Aufwand und unsere Kosten erhöht.
 
Der volle Preis wird bei uns nur fällig, wenn wir die Tumormodelle erfolgreich testen konnten. Manchmal passiert es, dass wir nicht genügend lebendes Tumorgewebe bekommen, um das Testverfahren erfolgreich durchzuführen. Dann zahlt der Patient natürlich nicht den vollen Preis, sondern nur die bis dahin entstanden Kosten.

Das ist eine Menge Geld, was sich nicht viele Patienten leisten können. Gibt es in naher Zukunft die Hoffnung, dass Ihre Methode von den Krankenkassen gezahlt wird?
 
Es gibt zwei Gründe, die mich hoffnungsvoll machen. Dazu gehören zum einen Gespräche, die wir selbst mit den Krankenkassen geführt haben. Zweitens der Druck von Ärzten und Patienten, die unsere Dienstleistung nutzen wollen. Wenn Ärzte und Patienten ihre Therapieentscheidung bereits vor Beginn der Behandlung auf Basis der Daten des individuellen Tumors treffen wollen, dann werden die Krankenkassen eher früher als später die Kosten übernehmen.
 
Der Weg dahin ist für uns sicher steinig, denn man muss sich vorstellen, dass Krebspatienten für Krankenkassen teuer sind. Chemotherapien kosten nicht selten sechsstellige Summen. Krankenkassen möchten einerseits natürlich gesunde Mitglieder haben und andererseits unwirksame Chemotherapien vermeiden. Wenn eine Krankenkasse also eine neue Methode zur Krebsbehandlung anbietet, strebt jede Krankenkasse an, dass alle Krankenkassen gleichzeitig diese neuen Methoden als Standard aufnehmen.
Daher wird der Weg eher sein, dass es sogenannte integrierte Versorgungsverträge zwischen den Krankenkassen und Partnerkliniken geben wird. Das bedeutet, die Krankenkasse arbeitet mit einer Klinik zusammen und bietet ihren Mitgliedern an, dass sie in diesem bestimmten Krankenhaus unsere Leistung bezahlt bekommen und ein neuer Standard einige Jahre braucht, bis er umgesetzt ist.

Bis dahin bleibt es aber eine Behandlung für Besserverdienende?
 
Unter anderem damit genau das nichtpassiert, haben wir einen Verein gegründet, die Cancer Rebels. Wir bei ASC sind der Überzeugung, dass die bestmögliche Krebstherapie nicht am Geld scheitern soll. Mit den Cancer Rebels können wir schnell und unbürokratisch helfen und die Untersuchung zum Teil oder ganz finanzieren.

Wie viele Menschen können Sie mit den Cancer Rebels unterstützen?
 
Das ist natürlich abhängig von der Spendenwilligkeit, gerade in Coronazeiten ist es schwierig vorherzusagen. Es ist aber so, dass fast alle Patienten und Angehörige, für die wir unser Verfahren durchgeführt haben, danach an den Verein gespendet haben.

Wie erfahre ich als Patient von Ihrer Methode?
 
Wir haben bisher bewusst keine Werbung für uns gemacht. Zunächst haben wir das Team und die Infrastruktur aufgebaut, die nötig sind, um möglichst vielen Patienten helfen zu können. Denn wir finden es unethisch, wenn wir unser Verfahren, das potentiell vielen Menschen hilft, anbieten, aber wir noch nicht die Kapazitäten haben, um allen an unserem Verfahren interessierten Patienten sofort helfen zu können.
 
Uns war es deshalb im vergangenen Jahr wichtig, die Kapazitäten im Labor zu schaffen, um jetzt selbstbewusst an die Öffentlichkeit gehen zu können und unsere Dienstleistung anzubieten. Bis jetzt ist es noch die klassische Mund zu Mund Propaganda, durch die wir durch Patienten und Ärzte weiterempfohlen wurden.
Seit Anfang des Monats sprechen wir aber auch Ärzte und Patientengruppen aktiv an, damit immer mehr Krebspatienten die bestmögliche Therapie bekommen.

Herr Dr. Regenbrecht, danke für das Gespräch.
Das Interview führte Laura Will

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