Blut in Plastikröhrchen (Quelle: Colourbox)
Bild: Colourbox

Revolution oder Unfug? - Neuer Bluttest zur Brustkrebserkennung

Brustkrebs ist bei Frauen die häufigste Krebserkrankung mit Todesfolge – jährlich erkranken in Deutschland rund 70.000 daran. Entsprechend wichtig sind Vorsorgeuntersuchungen im Kampf gegen den Krebs. Ein neuer Bluttest zur Brustkrebserkennung sorgt nun für Aufmerksamkeit – und viel Kritik in Forscher- und Ärztekreisen. Prof. Untch vom Helios Klinikum erklärt, warum.

Herr Prof. Untch, bevor wir über den neuen Bluttest sprechen: Welche Verfahren zur Brustkrebserkennung gibt es aktuell?

Mit der Mammographie gibt es ein qualitativ gesichertes – und von den gesetzlichen und privaten Krankenkassen bezahltes – anerkanntes Früherkennungs-Verfahren für Frauen zwischen 50 und 70 Jahren. Bei dieser Bildgebung erkennt man Veränderungen der Brust – wenn sie denn da sind. Die Abklärung der Befunde läuft dann mittels einer histologischen Sicherung, also einer kleinen Biopsie mit minimal invasivem Verfahren ohne Narkose. Und dann weiß man, ist es Krebs, eine Vorstufe oder unauffälliges Brustgewebe.

Dann gibt es auch noch Ultraschall und MRT. Welche Rolle spielen diese Verfahren?

Der Ultraschall ist ein ergänzendes Verfahren, das die Mammographie nicht ersetzen kann, aber sehr sinnvoll als Zusatzuntersuchung ist. Beispielsweise bei jüngeren Frauen mit sehr dichten Drüsenkörpern, bei denen die Mammographie einen unklaren Befund ergibt. Mit dem Ultraschall werden auch üblicherweise zusätzlich die Lymphknoten in den Achselhöhlen untersucht, ob diese vergrößert oder verändert sind.

Das MRT bleibt ganz speziellen Formen des Brustkrebs vorbehalten – zum Beispiel ist das MRT eine gute Methode der Früherkennung bei den familiär gehäuften Brustkrebs-Erkrankungen, also den sogenannten genetisch bedingten oder vererbbaren Fällen. Auch beim Verdacht auf sogenannten Läppchenkrebs (lobuläres Karzinom) und bei Frauen mit Brust-Implantaten ist das MRT ein sinnvolles Verfahren.

Das Universitätsklinikum Heidelberg hat nach eigener Aussage einen Bluttest zur Brustkrebserkennung entwickelt. Den Forschern zufolge handelt es sich dabei um "eine neue, revolutionäre Möglichkeit, eine Krebserkrankung in der Brust nicht-invasiv und schnell mit Hilfe von Biomarkern im Blut zu erkennen". Was kann der Bluttest wirklich?

In meiner Doktorarbeit und meiner Habilitationsschrift in den 1980ern und 1990er Jahren habe ich mich dem Thema Liquid Biopsy gewidmet und mich sehr intensiv damit auseinandergesetzt. Damals forschte ich nach dem Motto: Es muss doch möglich sein, bei diesen Frauen mit Krebs, nach Zellen zu suchen die im Körper schon verstreut sind. Und das gelang auch schon damals. Von Innovation möchte ich daher nicht sprechen. Wirklich revolutionär dagegen war die Technologie der monoklonalen Antikörper für die es im Jahr 1984 einen Nobelpreis gab.

Was der Bluttest letztlich kann oder nicht kann, müssen die Heidelberger Kollegen der Öffentlichkeit sagen. Denn die Methode ist noch nie – so wie es üblicherweise sein sollte – im Rahmen einer wissenschaftlichen Präsentation auf einem großen internationalen Kongress oder aber in einem anerkannten wissenschaftlichen Journal publiziert worden. Das heißt: Man kann letztendlich nur das aus der Presse zitieren, was man zu lesen bekommt. Und da werden die Fachleute, inklusive mir, mehr als skeptisch.

Sie sagten, die Mammographie sei ein sehr sicheres Verfahren. Wie sieht es mit der Trefferquote des neuen Bluttests aus? Bei 500 untersuchten Brustkrebspatientinnen habe der Bluttest der Heidelberger in 75 Prozent der Fälle die Erkrankung korrekt angezeigt.

Die Trefferquote ist ehrlich gesagt miserabel. Denn diese untersuchten Frauen hatten schon Brustkrebs. Das heißt, die Diagnose wurde bereits mit Mammographie, Ultraschall und mit einer Biopsie festgestellt.

Stellen Sie sich also vor, Sie gehen in eine große Patientinnen-Population – denn das macht das Brustkrebs-Screening: Die Frauen gehen zur Mammographie im Alter von 50 bis 70 Jahren und fühlen sich gesund; sie sind gesund und wollen wissen, ob sie einen Brustkrebs in der Frühform haben.

75 Prozent Trefferquote bedeutet: Da sind 25 Prozent der Frauen, die Brustkrebs haben und der nicht entdeckt wird. Das heißt, wenn man diese 25 Frauen von 100 nimmt und das hochrechnet auf die 60.000 Erkrankten in Deutschland, dann wird das 25 Prozent von 60.000. Also ein Viertel, also 15.000 Frauen, bei denen dieser Krebs nicht erkannt werden würde. Das wäre eine Katastrophe, weil sich diese Frauen in Sicherheit wiegen würden und meinten, bei mir ist alles in Ordnung. Das geht gar nicht.

Ein Hauptkritikpunkt, der sich auch in verschiedenen Stellungnahmen von Krebs- und Gynäkologie-Fachgesellschaften zu dem Bluttest findet, ist eben genau diese Verunsicherung von Frauen.

Absolut. Der Bluttest ist zu ungenau: Man stelle sich mal vor, wie verunsichert eine Frau ist, wenn der Test sagt, sie habe Krebs. Was soll diese  Frau dann machen? Dann geht sie in die Mammographie, in die Kernspintomographie, ins MRT und man findet nichts. Und dann sagt die Frau: Aber der Test sagt, ich habe Krebs – was soll ich jetzt tun Herr Doktor?

Die psychische Belastung ist enorm. Das geht nicht, das muss man ethisch mehr als hoch verwerflich bezeichnen, solange man diesen Bluttest nicht mit guten, belastbaren Daten untermauert.

Dem Bluttest liegt die Methode der Liquid Biopsy zugrunde – was halten Sie grundsätzlich von diesem Verfahren?

Ich will Liquid Biopsy nicht verteufeln, im Gegenteil: Das ist eine hoch spannende Methode. Ich kann nur aufrufen – sowohl die Forschungsgruppen weltweit, wie auch die Industrie und vor allen Dingen diejenigen, die in unseren Stiftungen in Deutschland für Studien bezahlen –  ein paar Millionen Euro in die Hand zu nehmen und eine richtig große Studie aufzulegen, bei der die herkömmlichen Methoden Mammographie und Ultraschall verglichen werden mit anderen Methoden der sogenannten Liquid Biopsy.

Was ist Liquid Biopsy und wie funktioniert die Methode genau?

Liquid Biopsy heißt flüssige Biopsie, also eine Biopsie aus Blut oder Knochenmark. Eine Biopsie aus einem Tumor ist dagegen eine Solid Biopsy. Die Idee ist folgende: Sobald der Tumor eine gewisse Größe erreicht hat, vermutlich schon ab wenigen Millimetern, gibt der Tumor in seine Umgebung Zellen ab. Das heißt: Diese Zellen können in Lymphbahnen eindringen, müssen aber nicht – sie können auch in Blutgefäße eindringen und die gehen dann in den Körperkreislauf.

Da merkt man sie gar nicht, aber aus dem Gefäßsystem können sie sich wieder irgendwo anders ansiedeln: Im Knochenmark, in der Lunge, in der Leber – auch da merkt man sie nicht. Das ist genau die Crux. Diese Zellen können sich eine ganze Weile lang still verhalten und plötzlich fangen sie an sich zu Metastasen zu entwickeln, zu Tochter-Geschwülsten.

In dieser Flüssigkeit (Liquid), egal ob es Knochenmark ist oder Blut, kann man die Tumorzellen nachweisen, die sogenannten CTC, also Circulating Tumor Cells (zirkulierende Tumorzellen). Und, noch spannender: Man kann die DNA und andere Zellbestandteile aus den Tumorzellen im Kreislauf nachweisen.

Welche weiteren Schritte müssten die Heidelberger Forscher gehen, damit aus dem Bluttest ein fundiertes Verfahren zur Brustkrebserkennung wird?

Ich brauche eine Methode mit der ich diese Tumor-DNA (und andere Bestandteile) aus dem Blut der Frau mit hinreichender Sicherheit feststellen kann. Und diese Methode muss so zuverlässig sein, dass ich nicht Frauen verunsichere, die überhaupt keinen Krebs haben.

Das heißt also, die sogenannte Sensitivität und Spezifität müssen in einer großen prospektiven randomisierten Studie an gesunden Frauen evaluiert werden. Das dürfen auch nicht 500 Frauen sein, sondern mindestens zwischen 2.000 und 5.000. Zum Beispiel gesunde Frauen im Alter von 50 bis 70 Jahren, die heutzutage sowieso in das Mammographie-Screening gehen – bei diesen Frauen könnte man zusätzlich eine Blutabnahme machen und schaut nach: Kann man Krebs-DNA (und andere Bestandteile) im Blut feststellen und wie genau ist das.

Wenn man das über einen gewissen Zeitraum vergleicht und die Daten wirklich hochrangig wissenschaftlich bewertet,  kann man sagen, ob Liquid Biopsy als Ergänzung zur Mammographie oder sogar anstelle dieser zur Krebsfrüherkennung herangezogen werden kann.

Nur dann darf man solche Behauptungen machen und nicht in einer Pressemeldung, die bei uns Fachleuten für viel Unmut und Kritik gesorgt hat, weil sie zu einer großen Verunsicherung und zu falschen Hoffnungen bei  Frauen führt.  

Die, von den Heidelberger Forschern, gegründete Gesellschaft HeiScreen plant noch in diesem Jahr eine Markteinführung des Bluttests. Halten Sie das für realistisch?

Ich habe in meinen 35 Berufsjahren sehr viele Start-Up-Unternehmen erlebt, die nach einer kurzen Pressemeldung sang und klanglos wieder verschwanden. Mir scheint, dass diese Start-Ups an die Börse gehen wollen und, dass sie vielleicht sogar Kapital durch solche Pressemeldungen bekommen wollen. Das ersetzt aber nicht wissenschaftlich fundierte belastbare Auswertungen an mehreren tausend Frauen oder Patientinnen, die natürlich darüber aufgeklärt werden müssen, dass sie an einer Studie teilnehmen. Das muss durch eine Ethikkommission bestätigt werden und vor allen Dingen, es muss eine klare wissenschaftliche Hypothese her.

Das heißt, man muss untersuchen: Was genau misst dieser Test? Welche DNA, welche Komponente von Zellen sind da im Blut detektiert worden? Es gibt auch bei Brustkrebs unterschiedliche Tumore, die einen sind aggressiv, die anderen weniger, von einigen werden besonders junge Frauen befallen – all diese Details fehlen hier.

Sie sagten es eben: Auch jüngere Frauen können durchaus Brustkrebs bekommen, die bekommen aber keine Einladung zur Mammographie. Was können Frauen selbst tun, um Brustkrebs möglichst früh zu erkennen?

In Deutschland haben wir 15 Jahre gekämpft, dass wir auch ein qualitätsgesichertes Mammographie-Screening-Programm bekommen, nachdem Skandinavien, Kanada, USA , England ein solches Programm schon hatten. Bis 2006 gab es das in Deutschland nicht, obwohl es in den zivilisierten Ländern eigentlich schon Standard war.

Aus ökonomischen Gründen wird das Mammographie-Screening zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr durchgeführt, weil da die Häufigkeit am höchsten ist. Aber, auch Frauen unter 50 und über 70 können an Brustkrebs erkranken. Daher: Jede Veränderung, jeder Tastbefund in der Brust, Überwärmung auf einer Seite, eine flüssige Absonderung aus der Warze sollte Frauen zum Frauenarzt führen, damit das abgeklärt wird. Die Mammographie ist dann auch für Frauen unter 50 und über 70 eine ergänzende Maßnahme, um Befunde abzuklären. Grundsätzlich kann ich Frauen nur raten, selbst auf die Brust zu achten und sie selbst abzutasten und auch mindestens einmal im Jahr zum Frauenarzt zur Vorsorge zu gehen.

Gibt es noch etwas, das Sie unseren Leserinnen gerne mitgeben möchten?

Gehen Sie zum Screening! Ganz offen gesagt: Momentan ist Mammographie das Mittel der Wahl, um frühzeitig möglichen Brustkrebs zu erkennen. Leider hat es sich herausgestellt, dass in Deutschland maximal 50 bis 60 Prozent der Eingeladenen zum Screening gehen.

Da gibt es auch Unterschiede bei den Bundesländern: Die Thüringerinnen gehen am fleißigsten zum Screening, Brandenburgerinnen und Berlinerinnen etwas weniger häufig.

Sie sprechen von Fleiß, ich kann mir auch vorstellen, dass bei vielen auch die Angst vor der Strahlenbelastung eine Rolle spielt...

Das ist sicherlich ein Thema, was ich verstehen kann, aber man muss es in den Kontext zwischen Nutzen und Schaden setzen. Da muss ich wieder zu dem bildhaft gut gewählten Vergleich greifen: Ein Flug über den Atlantik hat mehr Strahlenbelastung als eine Mammographie. Und man kann nur etwas entdecken, wenn man es auch untersuchen lässt. Daher kann ich nur empfehlen: Gehen Sie bitte zum Mammographie-Screening.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Untch.
Das Interview führte Ariane Böhm

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