Teststäbchen für Stammzellenspende auf DKMS-Flyer zum Blutkrebs (Bild: Imago/Future Image)
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Interview l Kampf gegen Blutkrebs - Stammzellspende – das erwartet Spender & Spenderinnen

"Stäbchen rein, Spender sein" - so wirbt die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) dafür, sich als Spender oder Spenderin registrieren zu lassen. Doch was, wenn man plötzlich als passender Spender identifiziert wird? Praxis-Reporterin Ursula Stamm hat bei Prof. Dr. Bertram Glaß nachgefragt, Chefarzt für Zelltherapie am Helios Klinikum Berlin-Buch, wo jährlich rund 70 allogene Stammzelltransplantationen durchgeführt werden.

Prof. Glaß, wie kommt es überhaupt dazu, dass Menschen eine Stammzelltransplantation brauchen?
 
Es gibt zwei Gruppen von Erkrankungen, bei denen das notwendig wird. Die Hauptgruppe sind Patienten mit bösartigen Krebserkrankungen, in der Regel des blutbildenden Systems oder des Abwehrsystems, also Leukämie oder malignes Lymphom.
Bei diesen Patienten stellt die allogene Stammzelltransplantation eine Möglichkeit dar, eine zelluläre Immuntherapie durchzuführen. Dabei wird das körpereigene Blutbildungs- und Abwehrsystem des Patienten durch das des Spenders ersetzt. Die Abwehrzellen des Spenders können dann bösartige Krebszellen zerstören.
 
Das macht man allerdings erst dann, wenn diese Patienten auf die üblichen Verfahren, zum Beispiel konventionelle Chemotherapie, nicht mehr ausreichend ansprechen.

Dann gibt es noch eine weitere Gruppe von Erkrankungen, bei denen die Blutbildung aus genetischen Ursachen defekt ist oder auch durch einen Autoimmunprozess zerstört ist.
Dazu gehören Erkrankungen, wie die sogenannte schwere aplastische Anämie [umgangssprachlich Blutarmut] und die Thalassämie - eine angeborenen Erkrankung, die vor allen Dingen im Bereich des Nahen und Mittleren Ostens sehr verbreitet ist.
In diesen Fällen wird die nicht mehr vorhandene oder schwer beschädigte eigene Blutbildung des Patienten durch die fremde Blutbildung des Spenders ausgetauscht.

Die Registrierung dient ja dazu, dass Spender und Empfänger zusammen passen. Warum ist das so wichtig?
 
Wenn diese Übereinstimmung nicht so gut ist, dann steigt die Gefahr für die wesentlichste Komplikation der Stammzelltransplantation: Das ist die so genannte Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit. Das ist so etwas wie eine umgekehrte Abstoßungsreaktion.
Bei einer "normalen" Organtransplantation kann der Körper mit seinem Immunsystem das Organ wieder abstoßen. Hier transplantieren wir das Immunsystem und wenn man Pech hat, kann dieses den Körper des Patienten abstoßen. Das heißt, es entsteht eine Entzündungsreaktion an gesunden Organen und Geweben, wie der Haut, der Leber und dem Darm. Diese Reaktion gibt es von ganz mild bis wirklich schwer und dann kann sie auch das Leben des Empfängers gefährden.
 
Eine wichtige Rolle bei der Übereinstimmung zwischen Spender und Empfänger, spielen so genannte Transplantationsantigene des Humanen Leukozytenantigen-Systems (HLA-Systems). Jeder Mensch hat zwei solcher Merkmalssätze geerbt, einen von der Mutter, einen vom Vater. Relevant sind fünf verschiedene Transplantationsantigene, in der Summe sind dann zehn dieser Merkmale ausschlaggebend.
 
Stimmen zehn von zehn Merkmalen überein, spricht man von einer perfekten genetischen Übereinstimmung (match), die der Erfolg der Stammzelltransplantation sehr viel wahrscheinlicher macht.

Wie wahrscheinlich ist es, dass ein solches "match" gefunden wird?
 
Die Wahrscheinlichkeit, dass in einem dieser internationalen Register, zu denen auch das der DKMS gehört, ein passender Spender gefunden wird, hängt sehr stark von der Herkunft des Patienten ab. Das liegt daran, dass die Ausformung dieser HLA-Merkmale an die Ethnizität gekoppelt ist.
 
Die Folge ist, dass es für Patienten aus Nordamerika oder aus Europa mit 70 bis 80 Prozent recht wahrscheinlich ist, einen Spender zu finden, weil die Mehrzahl der registrierten Spender aus diesen Regionen stammt. Wenn wir aber in Deutschland jemanden mit einer Stammzelltransplantation behandeln wollen, der aus Afrika stammt und hierher eingewandert ist, dann wird das sehr viel schwieriger.

Was passiert wenn ein Spender oder eine Spenderin passt? Was sind die nächsten Schritte?
 
Nachdem das "match" im Computer gefunden wurde, wird der Spender oder die Spenderin gebeten, zu einer Bestätigungstypisierung in eine nahe gelegene Klinik zu gehen. Dabei wird die Übereinstimmung nochmals überprüft und es werden gleichzeitig schon bestimmte Dinge abgefragt, die den Gesundheitszustand des Spenders betreffen. Das dauert nochmal so vier bis sechs Wochen.

Wie häufig kommt es vor, dass Spender und Empfängerin dann doch nicht passen?
 
Das hängt ein wenig von der Typisierungsmethode ab. Wenn jemand schon hochauflösend im Register typisiert worden ist, also die relevanten HLA-Genomsequenzen Basenpaar für Basenpaar genau analysiert worden sind, dann kommt das so gut wie nicht vor.
Und diese "hochauflösende" Methode ist heutzutage das gängige Procedere.
 
Dann kann es natürlich noch sein, dass der Gesundheitszustand des Spenders gegen eine Stammzellspende spricht. Etwa, wenn er selbst an Krebs erkrankt ist; dann kommt er als Spender gar nicht mehr infrage.
Bei einer vorübergehenden Erkrankung, wie einem Infekt, kann die Spende zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen. Dass Spender oder Spenderinnen ohne Nennung von Gründen absagen, kommt sehr selten vor.

Wie genau findet die Spende statt?
 
Der Spender oder die Spenderin gehen einen Tag vor der eigentlich Stammzelltransplantation zur Entnahme. Das gibt uns Ärzten noch einen gewissen Spielraum, wenn bei der Spende doch etwas schiefgehen sollte.
 
Für die so genannte periphere Stammzellspende müssen die Spender sich fünf Tage vor der Spende ein Medikament unter die Haut spritzen. Dieses Medikament ist ein hormonähnlicher Stoff mit dem Namen Granulozyten-Kolonie-stimulierende Faktor (G-CSF). Das ist letztendlich die Substanz, die der Körper selber produziert, wenn er sich zum Beispiel gegen Infektionen zur Wehr setzt. Dieses G-CSF bewirkt eine Steigerung der Produktion der im peripheren Blut vorhandenen weißen Blutzellen, der sogenannten Granulozyten.
Als Nebeneffekt bewirkt er zudem, dass die eigentlichen Vorläuferzellen, die Stammzellen, ihren relativ festen Sitz im Knochenmark verlassen und für einige Tage im strömenden Blut vorkommen. Normalerweise ist die Häufigkeit von echten Vorläuferstammzellen im strömende Blut sehr klein, vielleicht nur eine von 100.000 oder weniger. Aber unter der Wirkung dieses Medikaments wird das bis um den Faktor 10.000 gesteigert.

Wenn die Zahl im Blut verfügbaren Stammzellen ausreicht - da gibt es genaue Grenzwerte, die misst man vor der Entnahme - dann werden zwei Venenzugänge gelegt. Aus dem einen wird das Blut entnommen und in eine Zentrifuge hineingeleitet. In der Zentrifuge trennt man die Zellgruppe, in der sich die Stammzellen befinden von dem ganzen Rest des Blutes ab. Und der ganze Rest, der wird dem Patienten über den zweiten Venenzugang gleich wieder zurückgegeben.

Behalten wird nur eine bestimmte Untergruppe der weißen Blutzellen. Die roten Blutkörperchen und die Blutplättchen, die bekommt der Patient gleich wieder zurück, genauso wie die Blutflüssigkeit, das Plasma.
Dieser Vorgang dauert zwischen vier und fünf Stunden. Es werden insgesamt bis zu zehn Liter Blut durch die Maschine durchgeleitet. Die Menge, die dann am Ende transplantiert wird, ist aber deutlich geringer - zwischen zehn und 400 Milliliter.
 
Dem Spender fehlt danach nichts, die Blutstammzellen bilden sich innerhalb kürzester Zeit wieder neu.

Kommen denn dabei immer genug Stammzellen zusammen? Und was wenn nicht?
 
Sollten in der Spende am Ende nicht genügend Blutstammzellen enthalten sein, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder bittet man den Spender am nächsten Tag erneut um eine periphere Blutstammzellspende oder man führt eine Knochenmark-Entnahme durch, bei der die Stammzellen aus dem Knochenmark des Beckenknochens entnommen werden.
Das geschieht in Vollnarkose und dauert etwa eine Stunde.
 
Die peripheren Stammzellspenden machen etwa 80-90 Prozent aller Spenden aus, die Spenden aus Knochenmark sind dementsprechend seltener.
 
Die fertige Spende wird von einem Kurier zum Empfänger gebracht, wenn es sein muss auch per Flugzeug. So eine Stammzellspende ist etwa 36 Stunden haltbar.

Gibt es Gründe, gleich eine Knochenmarkspende durchzuführen?
 
Ja, die gibt es und zwar bei Patienten, die die Stammzellspende nicht aufgrund einer Krebserkrankung benötigen, sondern weil sie zum Beispiel unter einer fehlenden Blutbildung leiden.
 
Denn die Stammzellen, die aus dem Knochenmark entnommen werden, haben wesentlich weniger Abwehrzellen, die ein "Transplantat-gegen-Wirt-Krankheit" weniger wahrscheinlich machen.
Bei Krebspatienten macht man sich dagegen die vermehrten Abwehrzellen in der peripheren Spende zu Nutze, weil diese die krankhaft veränderten Blutzellen besser attackieren können.

7 Fakten über die Stammzellenspende

· Alle zwölf Minuten erhält in Deutschland ein Mensch die Diagnose Blutkrebs. Nur in 30 Prozent der Fälle findet sich ein passender Spender in der eigenen Familie.

 

· Laut der Zentralen Knochenmarkspenderdatei sind weltweit aktuell 38,6 Millionen Menschen als potenzielle Spender & Spenderinnen registriert, davon 9,4 Millionen Menschen in Deutschland.

 

· Rund 1 Prozent der registrierten Spenderinnen & Spender wird nach der Typisierung tatsächlich zum Stammzellspender oder zur Stammzellspenderin.

 

· Jährlich werden über 7.000 Stammzelltransplantationen durchgeführt, bei denen das Transplantat von einem deutschen Spender oder eine deutschen Spenderin stammt.

 

· Nur bei etwa 20 Prozent der Spender & Spenderinnen kommt es tatsächlich zu einer Entnahme von Knochenmark aus dem Knochen des Beckenkamms.
Mit 80 Prozent sehr viel häufiger ist die Entnahme von peripherer Stammzellen aus dem Blut - mit einem speziellen Apherese-Verfahren (siehe Interview).

 

· In Deutschland gibt es insgesamt 26 Spenderdateien, deren Daten bei der Zentralen Knochenmarkspenderdatei zusammenlaufen. Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS) ist die größte. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Sie feiert am 28. Mai 2021 ihr 30-jähriges Bestehen.

 

· Als potenzieller Spender darf sich jeder gesunde Mensch registrieren lassen, der zwischen 18 und 55 Jahre alt ist. Registrierte Personen können bis zum Erreichen des 61. Lebensjahres als Spender in Frage kommen.

Gibt es Risiken für den Spender oder die Spenderin?
 
Bei der peripheren Stammzellentnahme muss man ja zwei Venenzugänge legen. Da besteht die Gefahr von Blutungen, Entzündungen oder Schmerzen an der Einstichstelle.
 
Das gilt auch für die Knochenmark-Entnahme, bei der mit Kanülen durch die Haut gegangen wird, um an den Beckenknochen zu kommen. Bei der Knochenmark-Entnahme kommen noch die allgemeinen Risiken der Narkose hinzu.
 
Bei der peripheren Stammzellspende kommt noch hinzu, dass der Spender ja vorher diesen Granulozyten-Kolonie-stimulierende Faktor spritzen muss. Dieses Medikament gaukelt dem Körper vor, dass eine Infektion vorliegt, was zu grippeähnlichen Symptomen führen kann.

Erst nach zwei Jahren, kann der Empfänger erfahren, wer die Spenderin war. Warum ist das so?
 
Bei einem Rückfall kann es vorkommen, dass wir nochmal eine zweite Transfusion brauchen oder es gibt auch Fälle von Transplantatversagen. Dann sollte der Spender emotional frei in der Lage sein, sich für eine zweite oder dritte Stammzellspende zu entscheiden.
 
Ein anderer Grund ist der, dass der negative Ausgang so einer Stammzelltransplantation vielleicht etwas ist, was der Spender gar nicht wissen möchte. Er kann ja durchaus sehr belastend sein, wenn man jemanden gut kennengelernt hat und er stirbt dann möglicherweise.
Nach zwei Jahren ist die Chance, dass die Stammzelltherapie erfolgreich war, recht groß. Es gibt zwar auch danach noch Rückfälle, aber das sind Raritäten.

Herr Prof. Glaß, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Ursula Stamm

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