Gewebeproben in der Pathologie (Bild: imago images/JOKER)
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Hintergrund zu Blutkrebs - Was ist Leukämie?

Der ehemalige Außenminister Guido Westerwelle ist tot. Nachdem er im Juni 2014 als Nebenbefund eines Meniskusrisses erfuhr, dass er an akutem bösartigem Blutkrebs erkrankt war, bedeutete jeder Tag einen Kampf: gegen die mutierten Zellen in seinem Körper, gegen die Folgen der Chemotherapie und der Stammzelltransplantation. Nach anderthalb Jahren schwerer Krankheit veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel "Zwischen zwei Leben", vier Monate später erlag er den Folgen der Leukämie.

Westerwelle ahnte damals nichts davon, dass er an Krebs erkrankt war. Er spürte weder Erschöpfung, Schweißausbrüche, Luftnot oder andere typische Beschwerden einer Blutkrebserkrankung. Experten sprechen von Leukämie. Blutkrebs ist der Oberbegriff für bösartige Erkrankungen des Knochenmarks beziehungsweise des blutbildenden Systems. Bei diesen Krankheiten wird die normale Blutbildung durch die unkontrollierte Vermehrung von entarteten weißen Blutzellen gestört.

Etwa 13.500 Menschen erkrankten 2011 in Deutschland an einer Leukämie. Wie alle Krebserkrankungen gibt es sehr unterschiedliche Erscheinungsformen. Die vier Leukämie-Formen werden nach der Schnelligkeit des Krankheitsverlaufs (akut, chronisch) eingeteilt und nach dem Zelltyp, von dem sie ausgehen. Es gibt myeloische und lymphatische Leukämien. Die Altersgruppenverteilung ist je nach Leukämieform unterschiedlich. Bei Kindern nimmt das Erkrankungsrisiko für Leukämien mit zunehmendem Alter ab. Ab dem 30. Lebensjahr steigt das Risiko dann wieder. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen.

Mutierte Zellen legen Organismus lahm

Ihren Ursprung haben Blutkrebserkrankungen im Knochenmark. Normalerweise reifen hier Blutstammzellen zu Blutkörperchen und Blutplättchen heran. Sind die Zellen fertig, wandern sie in die Blutbahn und übernehmen ihre Aufgaben für das Immunsystem und den Sauerstofftransport. Bei der Leukämie entwickeln sich falsch oder unausgereifte Zellen. Sie können nicht wie üblich die wichtigen Aufgaben für das Abwehrsystem und den Sauerstofftransport übernehmen.

Auch bei gesunden Menschen mutieren täglich gesunde Zellen. Der Unterschied zu Leukämie-Betroffenen: Das intakte Abwehrsystem zerstört diese Zellen. Bei Menschen mit Blutkrebs gelingt das nicht. Die mutierten Zellen übernehmen irgendwann die Regie im Körper. Wird dieser Prozess nicht schnell genug erkannt und aufgehalten, bedeutet das für viele Patienten den sicheren Tod.

Die Therapie besteht darin, die mutierten Zellen mithilfe einer Chemotherapie zu zerstören (und durch Stammzellen zu ersetzten). Bei einigen Formen ist die Mehrheit der Patienten nach einer solchen Chemotherapie geheilt, andere überleben mit einer Chemotherapie allenfalls das nächste Jahr. Diese Patienten sind auf eine Stammzellspende angewiesen. 

Spender und Empfänger müssen passen

Damit neue Stammzellen transplantiert werden können, muss es passende Stammzellen geben. Jeder Leukämie-Patient, dem Stammzellen übertragen werden sollen, benötigt einen Spender, dessen Gewebemerkmale nahezu hundertprozentig zu ihm passen. Damit die Blutstammzelltransplantation für den Krebspatienten erfolgreich verläuft, müssen die HLA-Gewebemerkmale (HLA = Humane Leukozyten Antigene) von beiden vollständig übereinstimmen. Sonst besteht die Gefahr, dass das Immunsystem des Empfängers die Zellen des Spenders abstößt. Als HLA-Gewebemerkmale bezeichnen Experten spezielle Eiweiße auf der Oberfläche weißer Blutkörperchen und vielen anderen Körperzellen. Durch sie unterscheidet das Immunsystem eigenes von fremdem Gewebe.

Etwa jeder dritte Patient hat das Glück, eine geeignete Stammzellspende von einem nahen Verwandten zu erhalten. Alle anderen hoffen darauf, über Knochenmarkspenderdateien rechtzeitig einen Spender zu finden, dessen Gewebemerkmale genau passen. Die weltweit größte und eine von 35 Dateien in Deutschland ist die Deutsche Knochenmarkspenderdatei (DKMS). Die Wahrscheinlichkeit, dass Gewebemerkmale zweier Menschen übereinstimmen reicht von 1:20.000 bis weit über 1:mehreren Millionen - die Suche ist also mit der nach einem genetischen Zwilling vergleichbar. Und deshalb zählt jeder einzelne registrierte potenzielle Lebensspender.

Wer darf eigentlich spenden?

Blutstammzellen darf jeder Gesunde zwischen 18 und 55 Jahren spenden. Die Blutgruppe des Spenders muss nicht die des Empfängers sein. Der Spender kann sein Einverständnis zur Spende jederzeit und ohne Angabe von Gründen zurückziehen.

Autorin: Nadine Bader
Infotext: Beate Wagner