Hand mit medizinischem Port für Chemo (Bild: imago images/agefotostock)
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Interview l Gefährliche Blutgerinnsel - Krebs & Thrombose: Schutz bei der Therapie

Während der Therapie sind Krebspatientinnen und -patienten in einer Extremsituation - oft im Kampf ums eigene Leben. Noch dazu sind sie aber während der Therapie in speziellem Risiko vor Thrombosen, die Schlaganfall oder Herzinfarkt bedingen können. Zum gefährlichen Zusammenspiel zwischen Krebs und Thrombosen haben wir Brustkrebsexpertin Dr. Anke Kleine-Tebbe befragt.

Frau Dr. Kleine-Tebbe, inwiefern sind Thrombosen - und die mit einhergehender Schlaganfallgefahr - bei der Krebstherapie ein besonderes Risiko für Patientinnen und Patienten?
 
Patientinnen und Patienten mit einer Tumorerkrankung haben ein erhöhtes Thromboserisiko im Vergleich zu Gesunden. Krebszellen bilden Botenstoffe, die die Blutgerinnung im menschlichen Körper aktivieren. Das Risiko für Thrombosen, Lungenembolien und Schlaganfälle ist bei Menschen mit einer Krebserkrankung 4 - 7 mal höher.
 
Es sind nicht immer schwere Fälle und in der Regel lassen sich die lokalen Blutgerinnsel gut behandeln.

Kleine Zwischenfrage: Ist der Mechanismus, den die Krebszellen da auslösen - und mit dem sie die Thrombosegefahr erhöhen - der gleiche Botenstoff-Mechanismus, mit dem sie auch die Gefäßbildung zur Versorgung des eigenen Tumors anregen?
 
Ja, biologisch hat das den gleichen Hintergrund und dient dem Krebs zur Ausbreitung.

Zurück zur Thrombosegefahr für Krebspatienten: Wenn die durch z.B. eine Chemotherapie eigentlich eher gesenkt wird, weil Krebszellen ja vernichtet werden - warum sind Patientinnen und Patienten während der Therapie dann besonders anfällig für Thrombosen?
 
Es ist so: Während einer Chemotherapie haben Patienten einen Port, das ist ein Verweilkatheter, der für eine Zeit lang in die Vene gelegt wird und über den die Infusion läuft. Nach diesem oder anderen chirurgischen Eingriffen kann das Risiko von Thrombosen erhöht sein.
 
Es geht auch um ungünstige zusätzliche Faktoren: Neben der Tumorerkrankung sind das z.B. eine Operation, eine lokale Entzündung im Körper oder ein Krankenhausaufenthalt mit wenig Bewegung. Das sind alles Faktoren, die sich auf die Blutgerinnung auswirken und das Thromboserisiko ansteigen lassen.

Wenn Sie sagen, dass es sozusagen Thromboserisiko steigernde Rahmenbedingungen der Therapie gibt - wie kann man denn da versuchen entgegenzusteuern? Wie machen Sie das in der Praxis?
 
Also, erst einmal informieren wir die Patientinnen darüber, dass es diese Risiken gibt und dass wir ihnen empfehlen, sich regelmäßig zu bewegen. Ein täglicher flotter Spaziergang beugt einer Thrombose vor. Wir raten den Patientinnen, dass sie nicht über Stunden in einer Position verharren, die Position verändern und sich aufrichten.
 
Bei Menschen mit mehr Bettruhe sollten diese zu den Mahlzeiten und wann immer möglich, sich an die Bettkante setzen, die Füße kreisen und die Arme bewegen, auch um den Kreislauf zu aktivieren.
 
Wenn bereits Vorerkrankungen da sind, dann haben wir die Möglichkeit, vorbeugend mit einem Medikament oder einer Anti-Thrombose-Spritze zu behandeln.

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Und wie ist das, wenn es doch zu einem Schlaganfall z.B. kommt - gibt es da besondere Dinge, auf die man achtet, wenn eine Schlaganfallpatientin gleichzeitig in der Krebstherapie steckt?
 
Wir sprechen uns mit den Internisten ab und schauen, welche Behandlung für die Patientin und den Patienten bezüglich der Krebserkrankung und den Schlaganfall die Beste ist. Ziel ist zu verhindern, dass weitere Blutungskomplikationen entstehen und trotzdem die Krebserkrankung gut weiterbehandelt werden kann.

Ein Laie könnte ja auf die Idee kommen, per se bei Beginn einer Krebstherapie mit Blutverdünnern zu arbeiten. Guter Ansatz oder komplett daneben?
 
Erstmal ein guter Ansatz. Es gibt ja einige Erkrankungen, wo man vorbeugend zur Blutverdünnung rät.
 
Wir wissen, dass es unter dieser Behandlung vermehrt zu Blutungen kommen kann. Das heißt: Magenblutungen, Darmblutungen oder bei einem operativen Eingriff eine Nachblutung, trotz optimaler Blutstillung. Und da muss man genau schauen, für wen die Behandlung sinnvoll ist: Welche klinischen Ergebnisse gibt es dafür? Damit nicht zu viel gemacht wird und dadurch zusätzliche Komplikationen eintreten.

Es ist also einfach eine Risikoabwägung.
 
Genau! Wenn die Betroffenen vielleicht ein chronisches Leiden haben oder häufiger mal eine Magenschleimhautentzündung - da wäre man dann mit einer vorbeugenden Blutverdünnung eher zurückhaltend, weil man die Befürchtung haben kann, dass man dann vielleicht eine Blutung damit auslöst.

Gibt es denn Zeichen, auf die Patientinnen und Patienten in Sachen Thromboserisiko achten können während einer Krebstherapie? Etwas bei dem rote Warnlämpchen angehen sollten und man besser Arzt oder Ärztin nochmal fragt?
 
Bei Menschen die Zusatzerkrankungen haben - z.B. einen erhöhten Blutdruck oder eine Blutzuckererkrankung, Menschen die übergewichtig sind - das sind Personengruppen, die leider ein erhöhtes Thromboserisiko haben. Diese Menschen sollten besonders auf regelmäßige körperliche Betätigung und eine gesunde Lebensführung achten.
 
Und falls im Körper Schwellungen, Schmerzen, Rötungen und Fieber auftreten, die nach ein, zwei Tagen eher stärker werden als besser, die anhaltend sind, dann sollte man den behandelnden Hausarzt oder die Ärztin aufsuchen. Wichtig ist, dass man achtsam mit sich bleibt.

Frau Dr. Kleine-Tebbe, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Lucia Hennerici

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