Jemand fährt eine ältere Frau im Rollstuhl auf einem Feldweg entlang (Quelle: imago/Westend61)
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Aktueller Report "Junge Pflegende" - "Für mich war es ganz normal, ihr zu helfen"

Waschen, anziehen, Essen kochen - etwa 230.000 Kinder und Jugendliche pflegen in Deutschland ihre Angehörigen. Die Hilfe, die sie leisten, ist beträchtlich. Doch wenn die Pflege den Alltag der Kinder dominiert, kann das zu ernsthaften Problemen führen.

Andreas ist 22 Jahre alt und hat als Jugendlicher fast drei Jahre lang seine mehrfach schwer erkrankte Mutter gepflegt. Für ihn war es selbstverständlich, seine Mutter zu pflegen und für seinen Vater da zu sein. Seine Rolle als junger Pflegender hatte für Andreas zwar viele gute, aber auch sehr belastende Seiten.

So wie Andreas geht es etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren in Deutschland. Wie eine aktuelle Befragung des "Zentrums für Qualität in der Pflege" ergibt, helfen sie regelmäßig bei der Pflege eines Familienangehörigen. Die Unterstützung, die sie leisten, ist enorm: 90 Prozent von ihnen helfen mehrmals die Woche, ein Drittel von ihnen täglich, ergab der Report "Junge Pflegende". Die Kinder und Jugendlichen erledigen Einkäufe, helfen beim Zubereiten des Mittagessens oder beim Aufstehen und Gehen. Einge helfen sogar bei der Einnahme von Medikamenten, beim Toilettengang oder bei der Körperpflege.

"Ich habe es nicht an die große Glocke gehängt"

"Für mich war es ganz normal, ihr zu helfen", erzählt der heute 22-jährige Andreas. Mit 14 hat er angefangen, seine Mutter zu pflegen. Anfangs waren es noch kleinere Dinge, wie Einkaufen gehen, Besorgungen übernehmen. "Zum Ende hat sie dann auch Unterstützung beim Waschen gebraucht", sagt Andreas.

"Ich habe es nicht an die große Glocke gehängt", erzählt der junge Mann. Dennoch haben beispielsweise Lehrer und Mitschüler von seiner Situation gewusst. "Es gab Menschen, die mich verstanden haben, denen konnte ich es sagen. Andere haben mich aber ausgelacht."

Häufig aber ist die Pflegesituation in der Familie Außenstehenden nicht bekannt oder die Pflegesituation ist in der Familie selbst tabuisiert. Oft werden pflegende Kinder und Jugendliche auffallend still, sie sprechen nicht über ihre Situation. Viele haben Angst, dass wenn Hilfe von offizieller Seite wie dem Jugend- oder Sozialamt hinzugezogen wird, die Familie getrennt werden könnte. Andere schämen sich für ihre Situation.

Metzing: Pflege durch Kinder darf nicht überhandnehmen

Ein anderer Grund, warum die Pflegesituation verborgen bleibt, liegt darin, dass sie sich selbst nicht als pflegende Angehörige wahrnehmen. Das zeigt auch die aktuelle Befragung. "Ein 14-jähriges Mädchen trug ganz selbstverständlich täglich ihre MS-erkrankte Mutter die Treppe hoch und runter", erzählt Prof. Dr. Sabine Metzing. Die Krankenschwester ist seit 2010 Professorin für Pflegewissenschaft mit dem Schwerpunkt Kinder und Jugendliche an der Universität Witten/Herdecke. "Natürlich ist es erstmal eine gute Grundeinstellung, wenn Kinder ihren Familienangehörigen helfen wollen, aber es darf nicht überhandnehmen", so Metzing.

Knapp die Hälfte der befragten Kinder und Jugendlichen gaben in der Befragung an, dass sie die Pflege gern machen und froh sind, ihren Familienangehörigen helfen zu können. Auch Andreas bewertet die Zeit, in der er seine Mutter gepflegt hat, positiv. "Es ist schön, dass ich in diesem jungen Alter für meine Mutter und meinen Vater da sein konnte, als sie Hilfe brauchten. Es gab schlechte, aber auch schöne Momente – und an denen halte ich mich fest." 

Pflegesituation kann schwerwiegende Folgen haben

Oft erkennen die pflegenden Teenager erst im Erwachsenenalter, was die häusliche Pflegesituation mit ihnen selbst gemacht hat. Viele leiden unter Müdigkeit und Erschöpfung, haben selbst körperliche oder psychische Erkrankungen, soziale Kontakte sind auf der Strecke geblieben, insbesondere unter Gleichaltrigen. Einige haben Probleme in der Schule, in der Ausbildung oder finden nur schwer einen Job.

Weil Andreas viel mit seiner Mutter darüber geredet hat, konnte er die Pflegesituation gut verkraften. Trotzdem hatte er später Probleme einen Ausbildungsplatz zu finden. Beim Arbeitsamt habe niemand für seine Situation Verständnis gehabt, erzählt er.

Die Situation pflegender Kinder und Jugendlicher wird in der Politik, in den Medien und in der Öffentlichkeit bislang kaum thematisiert. Auch deshalb ist die Herausforderung besonders groß, dass die jungen Pflegenden als solche erkannt werden, damit ihnen geholfen werden kann. Zurzeit gibt es in Deutschland nur wenige Initiativen, die sich explizit um die pflegenden Kinder und Jugendlichen kümmern. Und nicht immer gelingt es den jungen Pflegenden, auch den eigenen Bedürfnissen und Zielen nachzugehen. Zumindest aber bei Andreas hat es am Ende doch geklappt: Er macht jetzt eine Ausbildung - als Pfleger.

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