Junger Mann schaut gelassen in die Kamera (Quelle: colourbox)
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Interview | Präventionsprogramm für Berufstätige - Ein viertel Jahr für neue Regeln

Reha-Einrichtungen sollen Kranke wieder auf die Beine bringen. Seit acht Jahren bietet die Deutsche Rentenversicherung (DRV) auch Präventionsprogramme für Berufstätige an, die noch nicht chronisch krank sind. Sie sollen dafür sorgen, dass die Menschen Job und Leben mit mehr Energie und insgesamt gelassener meistern.

rbb Praxis hat mit Annette Loewe gesprochen, Chefärztin vom herzhaus. Die ambulante Reha-Einrichtung in Berlin-Mitte ist seit 2016 Kursanbieter.

Frau Loewe, eigentlich bringen Ihre Kollegen und Sie im herzhaus Patienten nach einem Herzinfarkt oder einer Bypass-OP wieder auf die Beine. Kaum bekannt ist, dass zu Ihnen auch gesunde Menschen kommen.

Stimmt, die Leute wissen noch viel zu wenig, dass man bei uns auch Krankheiten vorbeugen kann. Im Herzhaus hat es uns oft gewurmt, dass die Patienten erst gekommen sind, wenn das Kind quasi in den Brunnen gefallen ist. Als Mitte 2015 das neue Präventionsgesetz in Kraft trat und man neue Angebote entwickelt hat, waren wir begeistert.

Sie sind in Berlin einer der Vorreiter.

Das herzhaus ist eine von drei Einrichtungen, die das Präventionsprogramm für Berufstätige der DRV anbietet. Es nennt sich etwas umständlich „Beschäftigungsfähigkeit teilhabeorientiert sichern“, kurz BETSI, und richtet sich an Leute im Job, die schon einige gesundheitliche Beschwerden haben, aber noch nicht chronisch krank sind. Sie haben Probleme mit dem Gewicht, einen hohen Blutdruckwerte oder Rückenschmerzen. Andere fühlen sich vom Job gestresst.

Dann sind die Leute also doch krank.

Eben nicht. Aber sie fühlen sich durch ihre Lebensumstände oder ihren Beruf sehr belastet. Schichtarbeiter, Alleinerziehende, pflegende Angehörige oder Menschen sowohl in Gesundheitsberufen als auch in Führungspositionen sind oft emotional sehr belastet und leiden unter Stress. Ihr Körper sendet Warnsignale, dass ihre Gesundheit gefährdet ist.

Warum sollte jemand bei BETSI mitmachen, der nicht wirklich krank ist?

Das Präventionsprogramm soll verhindern, dass die Menschen krank werden! Die Anforderungen im Job nehmen immer weiter zu. Viele Leute zweifeln heutzutage daran, dass sie bis zur Rente durchhalten und gesund bleiben. Andere ignorieren erste Beschwerden und gehen sie zu spät an. Oft ist es dann viel schwieriger und langwieriger, wieder gesund zu werden.

Wer abgeschlagen ist, fährt doch lieber in den Urlaub. Was ist bei BETSI anders als im Feri-enhaus auf Sardinien oder Mallorca?

Bei uns geht es nicht darum, dass die Leute ein paar Tage wegfahren und entspannen, um danach in ihren alten Trott zurückkehren. Die Idee ist, den Berufstätigen Werkzeuge und Strategien an die Hand zu geben, mit denen sie ihr Arbeitsleben langfristig gut bewältigen und spüren, dass sie ihr Wohlbefinden aktiv steuern können. Wir geben den Anstoß zu einem gesünderen Leben: bessere Ernährung, mehr Bewegung, weniger Stress. Am Ende haben sie auch mehr vom nächsten Urlaub.

Wie sieht das Programm konkret aus?

BETSI beinhaltet vier Steps. Zunächst kommen die Teilnehmer drei Tage lang zu uns ins herzhaus. Sie lernen sich kennen, trainieren das erste Mal mit unseren Physio- und Sporttherapeuten. Die nächsten drei bis sechs Monate kommen sie dann regelmäßig einmal wöchentlich zu uns. Meist zum Training, an manchen Tagen schulen wir sie aber auch zu Themen wie Ernährung und Stressbewältigung. Dabei treffen sie immer wieder auf Gleichgesinnte. Die Gemeinschaft motiviert ungemein; die Leute tauschen sich über ihre Erfahrungen und Erfolge aus. Sie fangen an, sich privat zum Walken oder Laufen zu verabreden. Das macht es in der dreimonatigen individuellen Trainingsphase einfacher, zu Hause oder hier im Verein weiter zu trainieren. Nach neun Monaten kommen wir alle noch mal zusammen, um die gelernten Dinge zu wiederholen und zu festigen.

Welche konkreten Ziele hat das Programm?

Es gibt Impulse, den eigenen Lebensstil zu ändern. Die Leute hören auf zu rauchen oder lernen, Stress weniger an sich herankommen zu lassen. Sie leben gesünder, reduzieren ihr Gewicht und verbessern ihre Kondition.

Und – können Sie bei den Teilnehmern auf lange Sicht etwas bewirken? Oder sind die alten Gewohnheiten stärker?

Nach einer ersten Pilotphase wurde untersucht, wie gut das Präventionsprogramm wirkt. Die Auswertungen zeigen, dass viele Teilnehmer ungesunde Gewohnheiten ablegen, und zwar auf Dauer. Sie essen gesünder, sind aktiver, reduzieren ihr Gewicht. Das veränderte Gesundheitsverhalten zeigt sich auch anhand von Laborparametern wie Blutzucker oder Blutfetten. Aus der Statistik wissen wir, dass sie seltener krank oder berufsunfähig werden. Sie stellen später auch seltener einen Antrag auf eine Reha, erkranken also auch seltener chronisch.

Wer kann das Präventionsprogramm beantragen? Und wie genau macht man das?

Jeder, der in die Rentenversicherung einzahlt, kann teilnehmen; lediglich Beamte sind ausgeschlossen. Sowohl der Berufstätige als auch der Arzt müssen einen Antrag ausfüllen. Mittlerweile haben die Unternehmen erkannt, wie wichtig es ist, dass ihre Leute gesund bleiben und unterstützen sie bei der Antragstellung. Die Axel-Springer-Verlagsgruppe schickt beispielsweise häufig Teilnehmer zu uns oder auch Berlin Recycling. Bei den großen Konzernen kennen die Betriebsärzte die Maßnahmen. In vielen kleineren Betrieben leider oft noch nicht.

Wann startet bei Ihnen die nächste Runde?

Wir fangen Mitte Juni mit dem nächsten Kurs an. Interessierte sollten vier bis sechs Wochen für die Antragstellung einrechnen. Wer sich also aktuell für das Programm entscheidet, könnte dann bei uns im August mitmachen. Insgesamt bieten wir jedes Jahr acht Termine an.

Wo gibt’s BETSI noch?

BETSI können Sie bundesweit ambulant und wohnortnah machen. In Berlin sind
aktuell vier Rehazentren zugelassen: herzhaus, Reha Westend,
Gesundheitszentum Prenzlauer Berlin und ZAR Gartenstraße. In Brandenburg
bieten derzeit sieben Kliniken und ambulante Einrichtungen
Präventionskurse der DRV an.

Gibt es noch andere Präventionsprogramme der DRV für Berufstätige?

Die Programme ähneln sich. Die einwöchige Initialphase können Versicherte auch stationär in einer Klinik absolvieren. Für die Trainingsphase sind je nach Anbieter zwischen neun und 24 Termine vorgesehen. Das ist sinnvoll. Wer langfristig sein Verhalten ändern und den Schweinehund besiegen will, braucht dafür zehn bis zwölf Wochen. So lange benötigt das Gehirn, um neue Regeln wirklich zu verinnerlichen. 

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Loewe.
Das Interview führte Constanze Löffler.

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