Mann mit Schweißflecken (Bild: imago/fStop Images)
Bild: imago/fStop Images

Hyperhidrosis - das krankhafte Schwitzen - Schweiß, lass nach!

Feuchte Flecken unter den Achseln, nasse Füße und schlüpfrige Hände – sie können auf krankhaftes Schwitzen hinweisen. Hyperhidrosis - die Schweißproduktion des Körpers läuft dauerhaft auf Hochtouren, oft ohne erkennbaren Grund. Wer will, kann sich behandeln lassen. Die Methoden reichen vom Spezial-Deo bis zur OP.

Schwitzen ist erst einmal völlig normal. Es hilft dem Organismus die Körpertemperatur zu regulieren: Die Verdunstungskälte verhindert, dass der Körper überhitzt. Mindestens 500 Milliliter Schweiß produzieren die Schweißdrüsen dafür täglich - auch dann, wenn wir nichts tun. Im Extremfall, wie bei körperlicher Anstrengung, heißen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit, können es auch mal bis zu zehn Liter sein. Im Gesicht, an den Händen und Füßen sitzen besonders viele Schweißdrüsen.

Und wenn der Schweiß irgendwie immer rinnt?

Schätzungsweise fünf Prozent der Menschen schwitzen hierzulande übermäßig, also auch dann, wenn es draußen kühl ist oder sie sich gar nicht körperlich anstrengen. Typischerweise leiden die Betroffenen unter nassen Achselhöhlen und feuchten Händen und Füßen. "Wir gehen von einem multifaktoriellen Geschehen aus", erklärt die Berliner Hautärztin Prof. Dr. Natalie Garcia Bartels. "Möglicherweise spielen auch die Gene eine Rolle." Welche das genau sind, weiß man bislang nicht.

Auch bestimmte Erkrankungen gehen mit vermehrtem Schwitzen einher. So gelten Infektionen und bösartige Tumore, Übergewicht oder ein erhöhter Blutzucker, Schilddrüsenerkrankungen, ein sinkender Spiegel des weiblichen Hormons Östrogen während der Wechseljahre sowie verschiedene neurologische Erkrankungen als Trigger-Faktoren, also Auslöser.
Auch Stress, Alkohol und Kaffee können Auslöser sein. Bei den meisten Menschen lassen sich keine schlimmen Ursachen für das übermäßige Schwitzen finden, beruhigt Garcia Bartels: "Vor allem bei rein lokalisiertem Schwitzen ist eine krankhafte Ursache nicht sehr wahrscheinlich."

Schon krankhaft oder noch normal?

Fachleute erkennen das übermäßige Schwitzen oft auf den ersten Blick. Die persönlichen Geschichten ähneln sich: Schweißränder unter den Achseln, Tropfen auf der Stirn, nasse Hände – all das sind typische Indizien. "Oft leiden die Patienten sehr, schämen sich für das Schwitzen und befürchten, dass sie beispielsweise unangenehm riechen", sagt Hautärztin Garcia Bartels. "Andere haben Probleme im Beruf, wenn das Bedienen von Instrumenten und Geräten mit den Händen schwierig wird."

Bei einer krankhaften Hyperhidrosis, wie Mediziner das übermäßige Schwitzen nennen, treten die Schwitzanfälle plötzlich und mindestens einmal wöchentlich auf. Geschwitzt wird immer an den gleichen Stellen und auf beiden Körperseiten gleichzeitig. Die ewig feuchte Haut neigt zu Hauterkrankungen wie Fußpilz, schmerzhafte Hornhautaufweichung und Warzen. Um das ganze Ausmaß festzustellen, kann der Hautarzt verschiedene Tests vornehmen.

Es gibt Hilfe!

Wen das Getropfe belastet, der sollte sich vom Spezialisten behandeln lassen. Richtige Ansprechpartner sind Hautärzte, die sich mit der Therapie auskennen. Das vermehrte Schwitzen hat außer dem unangenehmen, persönlichen Gefühl nichts Krankhaftes – deshalb stehen schonende Methoden bei der Behandlung im Vordergrund.

Schweregrade der Hyperhidrosis

  • Grad 1 (leicht)

  • Grad 2 (mäßig stark)

  • Grad 3 (stark)

Badetherapie

Therapie der Wahl bei feuchten Händen und Fußsohlen ist die sogenannte Leitungswasseriontophorese. Schätzungsweise acht von zehn Patienten profitieren davon. Nach wie vor ist unklar, wie die Therapie wirkt; man geht davon aus, dass der Strom die Schweißdrüsen "ablenkt".

Für die Therapie baden Sie die Hände oder Füße für 10 bis 30 Minuten in Leitungswasser. Die Gliedmaßen liegen dabei auf Metallplatten, die an schwachen Gleichstrom (8–25 mA, 20–40 V) angeschlossen sind. Die ersten zwei Wochen heißt es geduldig sein: Die Behandlung muss täglich wiederholt werden, bis ein Effekt spürbar wird. Für einen dauerhaften Erfolg genügen im weiteren Verlauf in der Regel ein- bis dreimal wöchentliche Bäder. Das Gerät bekommen Sie verschrieben, so dass Sie die Therapie ohne Umstände zu Hause durchführen können.

Spezialdeo

Menschen, die vermehrt unter den Achseln schwitzen, hilft Aluminiumchloridhexahydrat. Das Metallsalz wirkt, indem es die Schweißgänge verstopft. Die Produkte gibt es in unterschiedlichen Stärken; sie sind verschreibungspflichtig und werden extra in der Apotheke angemischt. Am besten eignet sich eine 15 - 20-prozentige Zubereitung aus der Apotheke, die Sie zur Nacht auf die trockene Haut aufgetragen. Anfangs muss die Behandlung mehrere Wochen lang täglich wiederholt werden. Anschließend reicht es, wenn Sie das Mittel ein- bis zweimal pro Woche auftragen.

"Die Methode kann auch an den Händen oder Füssen angewendet werden", erklärt Hauexpertin Garcia Bartels. Allerdings vertragen nicht alle Menschen die Lösung. Jene mit Nierenproblemen sollten Aluminiumsalze besser nicht nehmen, da noch unklar ist, ob und wie viel Aluminium der Körper bei regelmäßiger Anwendung aufnimmt.

Griff zum Messer - OP als letzte Lösung?

Wenn diese Therapien nicht reichen, gibt es die Möglichkeit zu operieren. Bei starkem Achselschweiß werden die Schweißdrüsen in den Achselhöhlen entfernt. Bei übermäßigem Schwitzen an den Händen kann der Chirurg die Nervenzellnester entlang der Wirbelsäule entfernen, die die Schweißdrüsen innervieren.

Allerding können diese Operationen mit Komplikationen einhergehen. Gewebe- und Nervenverletzungen sowie Narben, die die Beweglichkeit einschränken können, gehören zu den Risiken der operativen Schweißdrüsenentfernung. Gelegentlich tritt kompensatorisches Schwitzen in anderen Körperregionen auf, das nicht mehr rückgängig zu machen ist. Diese Eingriffe gelten als rein kosmetische Behandlungen, so dass die Patienten sie selbst bezahlen müssen.

Giftige Injektionen gegen den Schweiß

Seit 2003 ist das Nervengift Botulinumtoxin zur Behandlung der Hyperhidrosis in den Achseln zugelassen. Die Therapie kommt zur Anwendung, wenn die lokale Behandlung nicht anschlägt. Botulinumtoxin verhindert, dass Nervenendigungen Azetylcholin freisetzen. Die Schweißdrüsen erhalten kein Einsatzsignal, so dass die Schweißproduktion erlahmt. "Botulinumtoxin wirkt sehr gezielt, da sich der Wirkstoff maximal einen Zentimeter vom Injektionsort ausbreitet", erklärt die Dermatologin Natalie Garcia Bartels. Mindestens neun von zehn Patienten profitieren von der Therapie. Die Blockade der Nervenendigungen ist reversibel; meist muss nach sechs bis neun Monaten nachgespritzt werden. Viele Betroffene berichten, dass es ihnen durch die Spritzen auch psychisch wieder besser geht.

Auch in übermäßig schwitzende Hände kann der Hautarzt Botulinumtoxin spritzen. Allerdings sind die Injektionen wesentlich schmerzhafter. "Die Patienten bekommen deshalb vor der Behandlung eine betäubende Creme aufgetragen, die die Schmerzen allerdings nicht vollständig lindert", sagt Garcia Bartels. Die Kosten zwischen 600 und 700 Euro müssen Betroffene selbst tragen.

Neue Medikamente am Markt

Acetylcholin lässt sich auch mit Hilfe von Medikamenten bremsen. Systemische Anticholinergika, die Acetylcholin blockieren und damit die Aktivierung von Schweißdrüsen verhindern, haben heftige Nebenwirkungen: Sie gehen unter anderem einher mit Mundtrockenheit, Sehstörungen, Verstopfung oder Harnverhalt. Dadurch sind sie im Alltag wenig geeignet.

Neuerdings gibt es einen Acetylcholin-Blocker, den Betroffene direkt auf die Haut auftragen: Das Produkt mit dem zungenbrecherischen Namen QBREXZA enthält den Wirkstoff Glycopyrronium und soll in diesen Tagen in den USA zugelassen werden. Wann es in Deutschland erhältlich sein wird, ist noch ungewiss. Das Deo-Tuch des kalifornischen Herstellers Demira scheint zu wirken: Probanden berichten, dass sich ihre Schweißproduktion schon nach einer Woche signifikant reduziert habe. Etwa ein Dutzend weiterer Wirkstoffe gegen Hyperhidrosis sind aktuell in der Entwicklung und werden teilweise schon in klinischen Studien getestet.

Gesunde grüne Medizin

Die Antischweiß-Wirkung von Salbeitabletten und -tees, von Psychopharmaka oder Herzmedikamenten hat man bislang meist erfolglos untersucht. "Eine solche Therapie sollte überlegt werden, wenn andere Ansätze nichts gebracht haben", empfiehlt Garcia Bartels. Die Expertin warnt insbesondere vor pflanzlichen Mitteln und Tees aus dem Internet. Die Mischungen sind für den Konsumenten überhaupt nicht kontrollierbar. Sie können giftige Stoffe enthalten, die Leber und Darm schädigen oder einen hässlichen Hautausschlag auslösen.

Beitrag von Constanze Löffler

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