Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung auf Pillen (Quelle: imago/photothek)
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Interview | Unabhängige Patientenberatung - "Unsere Beratung ist kostenlos, evidenzbasiert und neutral"

Warum wurde mein Krankengeld gestrichen? Darf mich der MDK ohne Gutachten gesund schreiben? Beeinflussen sich meine Medikamente? Die unabhängige Patientenberatung (UPD) unterstützt Patienten im medizinisch-sozialrechtlichen Dschungel. Allein seit 2016 haben sich die Beratungen verdoppelt. Wir haben mit UPD-Geschäftsführer Thorben Krumwiede gesprochen.

rbb Praxis: Pflegestärkungsgesetz, Legalisierung von medizinischem Cannabis, psychische Notfallsprechstunde – nach welchen Gesetzesneuerungen hat das Telefon besonders oft geklingelt, Herr Krumwiede ?

Wir hatten sehr viele Anfragen wegen Cannabis. Die Leute wollten wissen, bei welchen Erkrankungen Ärzte medizinisches Cannabis verschreiben dürfen, woher sie ein Rezept bekommen und welche Kosten für sie entstehen. Mit dem Ansturm hatten wir nicht gerechnet. Es waren allerdings auch einige Leute darunter, die gehofft hatten, dass wir ein Schlupfloch ausplaudern, wie sie sich Cannabis günstig für den Heimgebrauch besorgen können.

Können Sie sich an einen der Ratsuchenden genauer erinnern?

Ja, der Patient rief uns an und erzählte, dass er unter Multiple Sklerose (MS) und einer Krebserkrankung leide. Vom Cannabis erhoffte er sich, dass seine Muskelverkrampfungen infolge der MS erträglicher würden und sein Appetit zunähme. Sein Arzt hätte sich bislang geweigert, ihm medizinisches Cannabis zu verschreiben.

Und wie haben Sie ihn beraten?

Zunächst haben wir geschaut, ob die von ihm vorgetragenen Beschwerden ein Cannabisrezept rechtfertigen könnten. Gemeinsam mit dem Patienten haben wir dann die möglichen Argumente für ein Gespräch mit seinem Arzt überlegt. Zusätzlich haben wir ihm Infomaterial gegeben und Ansprechpartner für seinen Arzt genannt, an die dieser sich wenden konnte. Am Ende hat der Mann sein Rezept bekommen. 

Beratungsstellen im Netz

Woher wusste der Patient von Ihnen – und wie können die Menschen Sie erreichen?

Die meisten finden uns über das Internet. Wenn man nach Schlagworten wie "Patient" und "Beratung" sucht, sind wir ganz oben zu finden. Außerdem sind wir gut vernetzt: Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen wie pro familia oder die regionalen Gesundheitsämter kennen uns und schicken Ratsuchende. Dieses Netzwerk bauen wir ständig weiter aus.

Viele Leute rufen wahrscheinlich an.

Richtig, mit neun von zehn Ratsuchenden telefonieren wir. Zunächst entscheiden wir, ob eine medizinische Frage oder eine sozial-rechtliche Frage vorliegt. Wenn der Berater das Anliegen nicht direkt am Telefon klären kann und kein Fachberater frei ist, rufen wir die Person zurück. Wir sind in Berlin und in 29 weiteren bundesweiten Beratungsstellen oder im Beratungsmobil vor Ort. Zusätzlich beraten wir online, per Fax oder Mail. Letztlich bestimmt der Ratsuchende den Weg.  

Worin sehen Sie Ihre Hauptaufgabe?

In der Beratung und Begleitung von Menschen bei gesundheitlichen und sozial-rechtlichen Fragen. Wir helfen Ratsuchenden Antworten, Ansprechpartner und Lösungen zu finden, bestärken Patienten, für ihre Rechte einzutreten und eigenverantwortliche Entscheidungen für ihre persönlichen Gesundheitsfragen zu finden. Wir nehmen uns Zeit für die Menschen, die zu uns kommen; ein Gespräch mit uns dauert häufig eine halbe Stunde. Viele Leute erzählen uns, dass sie die Formulierungen von ihrem Arzt oder der Krankenkasse nicht verstehen. Sie stehen dann mit dem Rezept oder ihrer Diagnose vor der Praxistür und wissen nicht weiter

Wie ließe sich das Ihrer Meinung nach ändern?

Vieles lässt sich mit einfacheren Worten erklären, damit wäre schon einiges getan

Gibt es einen Mythos, mit dem Sie schon lange einmal aufräumen wollten?

Dass die Patienten nicht in Erfahrung bringen können, welche Leistungen der Arzt bei ihnen abrechnet. Es reicht jedoch, wenn sie dafür formlos bei der Krankenkasse nachfragen. Und: Dass Patienten nicht in ihre Krankenakte schauen dürfen. Der Paragraph 630g des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) legt fest, dass die Patienten "unverzüglich und vollständig" Einsicht gewährt werden muss.

Ein dehnbarer Begriff.

Die Frist ist nicht genau definiert. Normalerweise sollte die Einsicht direkt im Anschluss an das Patientengespräch stattfinden. Um den Praxisablauf zu entlasten, kann man der Praxis noch ein bis zwei Wochen Zeit einräumen. Dann allerdings müssen die Unterlagen vollständig vorliegen.

Hintergrund

Unabhängige Patientenberatung Deutschland

Die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) ist eine gemeinnützige GmbH (gGmbH) und startete 2007 im Rahmen eines Modellversuches mit dem Ziel der unabhängigen Patienten- und Verbraucherberatung.

2010 endete die Versuchsphase und durch eine Gesetzesänderung ging die UPD in den Regelbetrieb über.

Nach Gewinn einer Ausschreibung übernahm 2016 ein privater Dienstleister die UPD. Der Prozess wurde von heftiger Kritik begleitet, da die Muttergesellschaft des neuen Betreibers die Sanvartis GmbH aus Duisburg ist und damit aus Sicht vieler Kritiker eine echte Unabhängigkeit der UPD fraglich würde. Sanvartis bietet seit vielen Jahren Call-Center-Leistungen für Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigungen oder auch Pharmaunternehmen an.

Was kostet Ihre Beratung?

Unsere Beratung ist für alle Ratsuchenden kostenlos. Die Beratung erfolgt unabhängig, evidenzbasiert und neutral.  

Evidenzbasiert und neutral – was meinen Sie damit?

Beides sind wichtige Anforderungen für eine Beratung, der die Ratsuchenden wirklich vertrauen können. Evidenzbasiert bedeutet, dass unsere Beraterinnen und Berater auf Basis wissenschaftlich überprüfter Daten und der im jeweiligen Fachgebiet aktuellsten Erkenntnisse und Leitlinien beraten und, sollte es sich um rechtliche Fragestellungen handeln, auch immer die jeweils gültige Rechtsprechung im Blick haben. Die Patienten und ihre Angehörigen können außerdem darauf vertrauen, dass unsere Informationen weder von den Krankenkasse noch von Behörden, Industrie oder anderen Stellen beeinflusst sind.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Krumwiede!

Das Interview führte Constanze Löffler

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