Mensch hält Hand mit Geschlechtersymbolen in die Kamera (Bild: imago/Reporters)
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Interview l weiblich, männlich, divers - "Sei die Veränderung, die Du Dir wünschst"

Bis Ende 2018 soll ein Gesetz die dritte Geschlechtsoption "divers" im Geburtenregister möglich machen. Für viele wichtig, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zugehörig fühlen. Jennifer Michelle Rath wurde als Mann geboren, hat aber früh gemerkt, dass sie sich nicht als Mann fühlt. Bis zur ersten geschlechtsangleichenden OP hat es allerdings lange gedauert. Inzwischen empfindet sie die Kategorien "Mann", "Frau" oder auch "er" und "sie" als zu einengend. Heute versucht Jennifer Michelle Rath anderen Menschen in ähnlichen Situationen zu helfen.

Kein Fall für eine Schublade

Wenn jemand mich mit "er" oder "sie" anspricht merke ich, dass ich Probleme mit der Zuordnung habe. Ich weiß, dass dieses Problem durch Zuschreibung und die Betrachtung von außen kommt. Wir sind halt mit den Begriffen und dem Verständnis schon von Kindesbeinen an so aufgewachsen. Für mich persönlich sind solche Schubladen ausschließend.

Im dritten oder vierten Lebensjahr habe ich gemerkt, dass bei mir etwas anders ist. Im Kindergarten haben Erziehende auf mich gezeigt und gefragt: Na bist du ein Junge oder ein Mädchen? Da wusste ich gar nicht, was ich sagen sollte. Es gab viel Ausgrenzung und Ablehnung. Inzwischen denke ich, dass es in den Bereichen "Mann oder Frau" oft zu Ausgrenzung kommt. Dass es dann heißt "Männer machen dies und Frauen machen das". Das empfinde ich als enorme Polarisierung, die mir nicht den Raum gibt, mich selbst zu entfalten, sondern mich nur darauf hinweist: Das darf ich nicht tun oder nur so muss ich mich verhalten.

"Nicht Mann, nicht Frau"

Ich stand öfter mal an einem Punkt, an dem ich gedacht habe, ich müsste da jetzt was verändern. Und ich habe wirklich mit meinem neunten Lebensjahr eine Schere in der Hand gehabt, weil ich mir was abschneiden wollte.
Ausgerechnet da gab es in der Zeitung einen Artikel, dass zwei Menschen jemandem das Genital abgeschnitten haben und die Person verblutete und daran verstarb. Da dachte ich dann: Oh Gott, was hätte ich da fast gerade selber gemacht? Das war alles damals nicht aufgeklärt. Es gab einfach keine Infos über nichts, auch nicht über Möglichkeiten, die waren überhaupt nicht transparent. Heute ist das alles viel offener, was auch gut ist. Als ich zwölf Jahre alt war, wurde ich quasi von meiner Familie "entdeckt", weil ich meiner Schwester einen BH geklaut hatte.

Begleitung auf dem schwierigen Weg

Ich engagiere mich seit einem Jahr bei der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität im Arbeitskreis Berlin-Brandenburg. Mir geht es tatsächlich darum, dass Menschen, die diesen Weg noch vor sich haben, durch die Beratungsarbeit die Möglichkeit haben, Klarheit über die eigene Entwicklung zu bekommen:

Was brauche ich, was ist für mich wichtig, wie erreiche ich das und welche Probleme gibt es auf diesem Weg? Ich lebe seit 2015 in Berlin und erlebe diesen Ort als sehr vielfältig. Es gibt auch Momente der Ausgrenzung. Ich verstehe meine Arbeit so, dass wir in Berlin einen Ort der Vielfalt brauchen, an dem Akzeptanz und Anerkennung wichtig sind. Ich glaube, dafür brauchen wir noch mehr Aktionen und Kampagnen, die tatsächlich auch die Unterschiedlichkeit zeigen, die so bereichernd ist. Für mich persönlich ist es total bereichernd, "beide Seiten" zu kennen.

Verwirrende Zuschreibungen

Ich war letztens in einem Bus, da war eine ältere Frau. Ich hatte da einen schönen Hut aufgehabt, sah sehr elegant aus. Und dann habe ich mich hingesetzt und habe im Hintergrund etwas tuscheln gehört und auf einmal wurde ich angesprochen: "Sie haben ja einen schönen Hut, das sieht ja toll aus." Ich sagte "Danke schön!" und dann habe ich halt wieder ein Tuscheln wahrgenommen und auch gehört: "Ja, da sieht man ja, wer ER ist." Und da habe ich schon gemerkt, dass das bei mir was ausgelöst hat.

Dann habe ich die Person angesprochen und sie hat gesagt: "Heute ist ja sowieso alles ganz komisch und verdreht und die Welt ist krank." Da hat niemand von den anderen Passagieren drauf reagiert, was ich sehr schade fand. Ich würde mir wünschen, dass man miteinander ins Gespräch kommt. Mir ist es lieber, jemand fragt mich etwas, als dass die Menschen nur tuscheln oder komisch gucken.

Hintergrund

  • Gesetzliche Regelungen

  • Ergänzungsausweis

Angleichungsoperationen

Ich habe mich vor sieben Jahren zum ersten Mal operieren lassen. Es ist wichtig, gut zu überlegen, was man machen lässt, weil es ja immer auch um die eigene Gesundheit geht. Im Internet gibt es dazu viele Informationen, die aber nicht immer zutreffend sind. Da ist es ganz wichtig, dass man Ärzte hat, denen man vertrauen kann und für die nicht das Geld an erster Stelle steht, sondern wirklich Du als Person, als Mensch.

Damals habe ich auch gedacht, alles auf einmal machen zu wollen. Im Prozess habe ich gemerkt wie wichtig es war, dass ich mir die Zeit genommen habe. Das hat auch mein Selbstbewusstsein stark entwickelt. Ich hatte verschiedene Operationen. Unter anderem habe ich mir einen Brustaufbau machen lassen. Ich habe Glück, dass ich nicht viel Körperbehaarung habe, aber den Bartschatten hatte ich mir Anfangs mit Nadelepilation und abschließend mit einem Alexandrit-Laser entfernen lassen. Eine feminisierende Gesichtsoperation habe ich nicht machen lassen. Eine Weile bin ich zu einer Logopädin gegangen, um höher zu sprechen. Ich habe dann mit der Zeit aber gemerkt, dass ich immer dann, wenn ich mit Männern sprach, selbst tiefer gesprochen habe. Ich bin gespannt, wie sich das mit den Jahren noch entwickeln wird.

Kinderwunsch & Co.

Ich wollte mich eigentlich mit dem 18. Lebensjahr operieren lassen, aber dann hatte ich eine Beziehung zu einer Frau, aus der auch ein Kind hervor gegangen ist. Leider habe ich keinen Kontakt mehr zu diesem Kind, worunter ich sehr leide. Ich muss allerdings sagen, dass auch diese Erfahrung den Menschen aus mir gemacht hat, der ich heute bin.
Dass ich die Entscheidung für eine geschlechtsangleichende Operation so lange herausgezögert habe, hat auch ganz viel mit meinem Kind zu tun. Ich dachte nämlich, ich schade ihm damit. In Wirklichkeit hatte ich mir selbst damit geschadet, ich hatte zwischendurch sogar Selbstmordgedanken. Wenn solche Gedanken schon in Dir rumkursieren, dann ist es wichtig, dass Du Dir klar machst, dass Du Dein Leben anders in die Hand nehmen musst.

Leider ist es bislang nicht möglich, dass ich auf natürliche Weise selbst Kinder bekommen kann. Das ist sehr schade, weil ich gern noch ein eigenes Kind hätte. Aber vielleicht klappt das mit dem Kinderwunsch ja doch noch auf einem anderen Weg.

Telefonseelsorge

www.telefonseelsorge.de -

Sollten Sie selbst von Selbsttötungsgedanken betroffen sein, suchen Sie sich bitte umgehend Hilfe. Bei der Telefonseelsorge finden Sie rund um die Uhr Ansprechpartner, auch anonym.

Telefonnummern der Telefonseelsorge: 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222

Das Interview führte Ursula Stamm

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