Hände eines Arztes halten Wecker in Händen (Quelle: imago/Science Photo) Library
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Interview l Biorhythmus - Bluttest enthüllt die innere Uhr des Menschen

Wie genau bei jedem Menschen die "innere Uhr" tickt, war bislang unmöglich zu bestimmen. An der Charité in Berlin ist jetzt ein Bluttest entwickelt worden, der individuell sagen kann, wo die innere Uhr eines Menschen steht. Priv.-Doz. Dr. Dieter Kunz, Leiter der Klinik für Chronomedizin am Sankt Hedwig-Krankenhaus war an der klinischen Durchführung der Studie beteiligt.

Herr Dr. Kunz, was ist überhaupt die "innere Uhr" und womit beschäftigt sich die so genannte Chronobiologie?

Die Chronobiologie ist ein einfaches und altes Gebiet: Wir wissen seit Jahrhunderten, dass Pflanzen, aber auch Tiere eine innere Uhr haben. Als dann vor 50 Jahren bekannt wurde, dass auch der Mensch über eine innere Uhr verfügt, war das eine Sensation. Diese Erkenntnisse sind dann zunächst in der Medizin nicht umgesetzt worden, weil man die zugrunde liegenden Parameter wie zum Beispiel die "Phasenlage" der inneren Uhr beim Patienten nicht einfach bestimmten konnte. Das heißt für den klinischen Alltag hatte man nichts, woran man sicher feststellen konnte, ob jemand gerade nach New York- oder Moskauzeit lebt oder ob er in Schicht arbeitet.

Das hat sich jetzt mit dem neuen Bluttest zum "Ablesen der inneren Uhr" grundlegend geändert?

Ja, auf jeden Fall. Wir können jetzt mit dem neuen Bluttest genau sagen, wo ein individueller Mensch mit seiner inneren Uhr gerade steht. Das geht weit über die bislang übliche Bestimmung von Früh- oder Spät-Typen hinaus. Daran angepasst können wir medizinische Therapien verabreichen - das ist personalisierte Medizin vom allerfeinsten.

Der Bluttest ist zwar noch nicht beim Hausarzt um die Ecke zu bekommen, aber er wird in den nächsten Jahren die Medizin grundlegend verändern. Mit dem Bluttest bestimmt man die Aktivität zweier Gene, die verlässlich die innere Uhr anzeigen. Fünf Wissenschaftler haben ein Jahr lang daran gearbeitet, die entsprechenden Daten bei zwölf Probanden zu erheben, die die Grundlage des Tests sind. Ich gehe sehr davon aus, dass dieser Test auch für alle anderen Menschen funktioniert.

Auch wenn es da vielleicht noch Rückschläge geben wird, wir haben da jetzt eine Tür aufgeschlagen, die aus meiner Sicht nie wieder zugeschlagen werden wird. Wir verfügen mit dem Bluttest über ein diagnostisches Mittel, das der Chronomedizin Schub geben wird. Das spiegelt sich auch in der Forschungslandschaft wider. Schließlich hat es den Nobelpreis für Humanmedizin 2017 für eine Arbeit über Chronobiologie gegeben.

Welche Bereiche der Medizin sollten sich nach der "inneren Uhr" des Menschen richten?

Aus meiner Sicht: alle Bereiche. Wenn sie zum Beispiel Blut abnehmen, dann bestimmen sie dort Parameter, also Messerwerte, die in Abhängigkeit der inneren Uhr schwanken. Das kann um den Faktor zwei schwanken, aber beim Cortisol, einem Stresshormon, variiert der Messwert innerhalb von 24 Stunden um den Faktor 20. Bislang hat man sich immer damit geholfen, dass man gesagt hat, man muss den Cortisol-Spiegel morgens messen. Wenn aber jemand gerade aus der Nachtschicht kommt, ist diese Regel sinnlos.

Ich glaube, dass in Zukunft dieser Test bei jeder Blutentnahme eingesetzt werden wird, um damit den Faktor "innere Uhr" mit einzubringen. Das Gleiche gilt für Untersuchungen der Aktivitäten des Gehirns. Wenn ich zum Beispiel eine funktionelle Kernspintomographie mache, dann muss ich auch berücksichtigen, dass die Rezeptoren und Aktivität der Nervenzellen im Gehirn im 24-Stunden- Rhythmus variieren. Wir alle wissen doch, dass unsere Gehirne morgens und abends unterschiedlich funktionieren.  Wenn man hier den Faktor "innere Uhr" und den 24-Stunden-Rhythmus mit hineinbringt, wird man die Ergebnisse solcher Untersuchungen sehr viel mehr verfeinern können.

Inwiefern sollte sich die Medikamenten-Einnahme nach diesem inneren Rhythmus des Patienten richten?

Was die Therapie angeht, geht es dann darum herauszufinden, welches Medikament zu welchem Zeitpunkt im 24-Stunde-Rhythmus die beste Wirkung hat. Was aber wahrscheinlich noch viel wichtiger ist: die geringste Nebenwirkung. Würde das beides zusammenkommen, könnte man nicht nur vielen Menschen besser helfen, sondern auch viel Geld für die Therapie von Krankheiten einsparen.

Die Idee ist ja nicht neu: Es gab vor 30 Jahren zwei Lehrstühle für Chronopharmakologie, die sich genau um diese Fragestellung gekümmert haben. Nicht zuletzt weil ein spezifischer Ansatz für den einzelnen Patienten fehlte, sind die Erwartungen nicht erfüllt worden und der Ansatz wurde nicht weiter verfolgt.

Das war vorschnell: In jeder Fachrichtung gibt es Symptome, die über den Tag variieren. Rheuma-Patienten zum Beispiel, haben morgens zwischen drei und sechs Uhr die meisten Beschwerden. Blutdruck, Schmerzempfinden, psychische Störungen, Ansprechen auf Chemotherapie bei Tumorerkrankungen sollten eine Anpassung der Therapie an diese 24-Stunden Rhythmen erhalten -  zum Wohl der Patienten.

Wie unterschiedlich sind wir Menschen in Bezug auf unsere "innere Uhr"?

Der Mensch an sich ist ja ein tagaktives Wesen und das System aller inneren Uhren steht nachts auf Schlaf und Regeneration. Aber wann für wen die Nacht anfängt, hängt zum Beispiel davon ab, ob jemand ein Spät- oder Früh-Typ ist. Zehn Prozent der Normalbevölkerung sind eher Frühtypen, 20 Prozent sind eher Spättypen, der Rest ist irgendwo in der Mitte. Das ist aber nur der Anfang, also wie wir genetisch gebaut sind.

Das Zweite und Interessantere ist, wo wir gerade stehen: Wenn ich den ganzen Tag in biologischer Dunkelheit gelebt habe, wie die meisten von uns das tun, durch ihre Arbeit in geschlossenen Räumen, dann verschiebt sich die innere Uhr. Vor allem dann, wenn man abends noch mit dem Handy spielt oder Fernsehen schaut. Das Licht aus diesen Quellen hält einen länger wach. Das heißt, der biologische Rhythmus wird durch solche Einflüsse verschoben und mit dem neuen Bluttests kann ich genau bestimmen, wo die innere Uhr gerade steht.

Wie hat man denn bisher versucht die "innere Uhr" zu messen?

Der bislang beste Marker für den 24-Stunden-Rhythmus eines Menschen ist Melatonin, das so genannte Dunkel- oder Schlafhormon. Dessen Wert ist enorm robust und verändert sich nur unter Lichteinfluss und der Gabe von Betablockern. Das heißt, der Anstieg am Abend, war bislang die zuverlässigste Methode zur Messung der Phasenlage des Systems, also des 24-Stunden-Rhythmus.

Wie kann der neue Bluttest bei der Analyse von Schlafstörungen helfen?

Ich kann überhaupt erstmal feststellen, ob der Schlafrhythmus durcheinander ist. Wir untersuchen seit 20 Jahren bei Patienten im Schlaflabor über die ganze Nacht die Körperkerntemperatur, die eng mit der inneren Uhr zusammenhängt. Diese Messung ist sehr störanfällig und geht auch nur über acht Stunden. Den Bluttest zur inneren Uhr werden wir demnächst bei allen unseren Patienten im Schlaflabor einsetzen und ich bin ganz sicher, dass wir in Bezug auf Schlaf-Wachstörungen noch ganz neue Dinge finden werden, an die wir bisher gar nicht gedacht haben.

Herr Dr. Kunz, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Ursula Stamm

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