Erdnüsse auf weißem Tisch (Bild: imago images/YAY Images)
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Interview l Erste EU-Zulassung - Was kann ein Medikament gegen Erdnussallergie?

Erdnüsse gehören zu den aggresivsten Allergenen. Die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) hat nun ein Medikament gegen Erdnussallergie zugelassen - Palforzia. Es enthält geringe Mengen Erdnusspulver und ist zugelassen für Kinder von 4 - 17 Jahren. Doch welche Vorteile bringt es, z.B. gegenüber klassischer Hyposensibilisierung? Fragen an Prof. Dr. Torsten Zuberbier, Leiter der Allergiefolgenforschung an der Berliner Charité.

Wer selbst eine Erdnussallergie hat oder jemanden damit kennt, weiß: größte Vorsicht ist angesagt, denn dieses Allergen führt zu heftigsten Folgen, die entweder sofort oder spätestens zwei Stunden nach dem Aufnehmen des Allergens auftreten. Während es bei vielen anderen Allergien stärker auf die Menge des zu sich genommenen Lebensmittels ankommt, reicht bei der Erdnuss schon eine winzige Menge im Mikrogramm-Bereich, um lebensbedrohliche Symptome hervorzurufen und zum anaphylaktischen Schock zu führen. Deshalb gehört die Erdnuss auch zu den Top-Auslösern von Anaphylaxien bei Kindern.

Das Problem: Erdnüsse oder wenigstens Spuren davon tauchen auch in der Lebensmittelindustrie vielfach auf, wenn auch nur in Spuren.
 
Gut also, wenn man gerade Kindern und Jugendlichen allergische Reaktionen ersparen könnte. Nur was bringt das erste zugelassene Medikament gegen Erdnussallergie wirklich?

Herr Prof. Zuberbier, Palforzia ist ein neues Medikament gegen Erdnussallergie. Könnten Sie erklärenen, warum es genau für dieses Nahrungsmittel ein Medikament gibt?

Erdnuss ist grundsätzlich eines der aggressivsten Nahrungsmittelallergene. Insbesondere deshalb, weil auch bereits geringe Mengen Erdnuss manchmal zu schweren, ja teils lebensbedrohlichen Reaktionen und sogar Todesfällen führen können. Solche geringen Mengen kommen häufig als Verunreinigungen in verarbeiteten Nahrungsmitteln vor oder auch in der Küche, wenn zum Beispiel auf der einen Seite der Küche etwas mit Erdnüssen zubereitet wird und auf der anderen Seite dann eine andere Mahlzeit. Schon das reicht, dass sich Erdnussstaub über das andere Essen legen kann.
 
Nahrungsmittelallergiker müssen daher die Auslöser meiden. Andererseits gibt es agrundsätzlich in der Allergologie die Möglichkeit der Hyposensibilisierung. Das heißt, die Hyposensibilisierung ist das Wiederherunterfahren der eigentlichen allergischen Reaktion. Denn das Immunsystem ist plastisch.
Bei der Allergie ist im Grunde genommen ein gesundes, intaktes Immunsystem versehentlich hinter "dem Falschen" her. Eigentlich sollte das Immunsystem natürliche Erreger bekämpfen und aus Versehen sind Pollen, Hausstaubmilben, Tierhaare und Nahrungsmittel in den Fokus geraten und werden bekämpft.
 
Da hängt es dann immer von den einzelnen Stoffen ab, wie stark das Immunsystem reagiert. Bei der Erdnuss reagiert es eben besonders stark und das kann lebensbedrohlich sein. Routinemäßig angewendet, mit zugelassenen Präparaten, gibt es die Hyposensibilisierung bisher jedoch nur für Atemwegsallergene und Insektengifte.

Wie läuft eine Hyposensibilisierung grundsätzlich ab?

In der Hyposensibilisierung gibt es verschiedene Verfahren, die langzeitetabliert sind. Bei Pollen spritzt man etwas unter die Haut, steigert die Dosierung, bis das Immunsystem sich langsam daran gewöhnt. Die Therapie geht über drei Jahre.
 
Es gibt eine Alternative, sowohl für Pollen, wie auch für Hausstaubmilben und Tierhaare, nämlich dass man das Mittel als Tropfen unter die Zunge nimmt. Bei Nahrungsmitteln hingegen gibt es noch keine Form der Hyposensibilisierung, die wissenschaftlich etabliert ist.
Bei dem Medikament Palforzia ist es das erste Mal, dass ein Verfahren standardisiert und zugelassen für die Nahrungsmittelallergie geworden ist - allerdings nicht in der bisherigen Form sondern als orale Immuntoleranz-Therapie.
 
Orale Immuntoleranz bedeutet, dass man das Allergen nicht spritzt, sondern in kleinen Dosierungen Menschen zu schlucken gibt. Die Toleranz des Immunsystems wird dann über den Magen-Darmtrakt erreicht. In immer steigenden [Allergen-]Dosierungen werden minimale Mengen des Medikaments dem Patienten gegeben. Am Anfang unter ärztlicher Aufsicht und danach zuhause. Die Dosis wird dann regelmäßig, aber sehr, sehr langsam gesteigert.

Wie wurden Erdnussallergiker denn bisher behandelt?

Erdnussallergiker bekommen, wie alle Nahrungsmittelallergiker, schlicht die Beratung, das Allergen zu meiden. Wenn Sie jetzt beispielsweise auf Hummer allergisch sind, ist das vergleichsweise leicht, wenn Sie aber auf Erdnuss allergisch sind - überhaupt nicht leicht, weil es oft als Verunreinigung in Lebensmitteln vorkommt.

Was ist über die Wirksamkeit von Palforzia bekannt?

Man kann sichergehen, dass durch die Behandlung mit Palforzia die Schwelle der Auslösung angehoben wird. Das Risiko, durch eine Verunreinigung in eine Gefahr zu geraten, wird gesenkt.
 
Allerdings ist nicht zu erwarten, dass das Medikament jeden, der an einer Erdnussallergie leidet, heilt. So wird man auch nach einer Behandlung nicht fröhlich eine Tüte Erdnüsse essen können.
 
Entscheidend ist das Medikament aber für die Menschen, für die schon kleinste Erdnussspuren lebensgefährlich sein können. Das ist vor allem bei Kindern der Fall. Die können zum Beispiel noch nicht einschätzen, ob sie bei dem anderen aus der Brotdose zufällig etwas mitessen, was Erdnuss enthält.
Deshalb ist das Mittel auch zuerst für Kinder zugelassen worden und für sie ist es wirklich eine absolut ideale Therapie.

Kann man nicht mit Erdnüssen eine Desensibilisierung herbeiführen?

Die orale Immuntoleranz-Induktion kann auch direkt durch die Gabe der Lebensmittel erreicht werden, ist jedoch schwierig. Bei der Erdnuss hat man das auch in sehr, sehr wenigen Einzelfällen gemacht, aber immer mit Risiko, denn es ist praktisch kaum möglich solche geringen Mengen abzuwiegen. Bei Milch kann man zum Beispiel einen Tropfen relativ leicht dosieren, aber bei der Erdnuss fängt es im Milligramm-Bereich an.

Für wen ist das neue Medikament geeignet?

Zugelassen ist es bislang für Kinder und Jugendliche. Geeignet ist jedoch auch für Erwachsene, die eine Erdnussallergie haben. Dass es für Erwachsene nicht zugelassen ist, liegt aber nicht an der Wirkung des Medikamentes, sondern an den Zulassungsbedingungen, die europäische Zulassungsbehörden, wie die europäische Arzneimittelagentur EMA haben.
Man muss immer eine Studie für die entsprechende Altersgruppe vorlegen, also entweder Kinder oder Erwachsene.

Das heißt man darf jetzt also nur Kinder und keine Erwachsenen damit behandeln?

Zulassungsbedingt darf man nur Kinder behandeln. Bei Kindern wird die Behandlung auch von den Krankenkassen erstattet.
 
Natürlich darf ich als Arzt auch sogenannte Off-Label-Behandlungen machen. Das bedeutet, dass sie außerhalb der Zulassung sind, man darf sie aber durchführen. Allerdings hat man dann als Patient nicht das Recht darauf, dass die Kosten erstattet werden.
Wenn der Arzt zustimmt, kann ich als Patient sagen, dass ich das Medikament einnehmen und selbst bezahlen möchte. Es ist aber auch möglich einen Antrag bei der Krankenkasse für die Übernahme der Kosten zu stellen.

Bei einem Patienten, der 25 Jahre alt ist und schon drei Mal einen allergischen Schock gehabt hat, wäre dies beispielsweise berechtigt. Die Krankenkasse muss von Gesetzes wegen solche Anträge prüfen.

Hilft das Medikament wirklich - wie ist Ihre Einschätzung?

Ja, auf jeden Fall. Die Studienergebnisse sind sehr überzeugend. Das Prinzip ist etabliert, weil auch früher die orale Immuntoleranzbehandlung in Einzelfällen durchgeführt wurde, zum Beispiel mit Milch und Ei.
 
Man muss sich vorstellen, dass Allergiker das bessere - das gesündere - Immunsystem haben und rein versehentlich sind Sachen als gefährlich eingeschätzt worden, die es eigentlich gar nicht sind. Das Immunsystem ist lernfähig, in beide Richtungen.

Muss man bei der Einnahme etwas beachten?

Das Risiko ist grundsätzlich wie bei allen Immuntherapien - es können allergische Reaktionen auftreten. Im schlimmsten Fall ist das ein allergischer Schock. Deshalb wird der Beginn der Behandlung auch unter ärztlicher Aufsicht ausgeführt, genau wie die Dosissteigerung.

Herr Prof. Zuberbier, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Laura Will

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