Baby maacht Mund für einen Löffel Brei auf (Bild: imago images/Westend61)
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Interview l Kindliches Immunsystem - Beikoststudie: Wie kann man Kinder vor Allergien schützen?

Unsere Welt ist voller potentieller Allergene. Eigentlich kein Problem, wenn das Immunsystem ab dem ersten Tag auf der Welt lernt, mit ihnen umzugehen. Ein Forscherteam der Berliner Charité untersucht, wie man mit der richtigen ersten Nahrung, der Beikost, Nahrungsmittelallergien verhindern kann. rbb Praxis hat mit Studienleiterin Prof. Dr. Kirsten Beyer gesprochen.

Prof. Beyer, Sie führen gerade an der Charité eine Studie mit Säuglingen durch, die unter Entzündungen der Haut leiden und die Beikost beginnen, also anfangen feste Nahrung zu sich zu nehmen. Was ist das Ziel der Studie und warum interessiert Sie gerade diese Gruppe von Kleinkindern?

Wir wissen, dass Kinder mit Neurodermitis, also mit einem juckendem Ekzem, ein deutlich erhöhtes Risiko haben Nahrungsmittelallergien zu entwickeln. Deswegen fokussieren wir uns gerade auf diese Kinder, um zu untersuchen, ob wir durch eine besondere Beikosteinführung Nahrungsmittelallergien verhindern können.

Es gibt schon einige Studien, die durchgeführt wurden – unter anderem in England, Australien, aber auch bei uns. Aufbauend auf diesen Studien planen wir, gleich mit Beginn der Beikost zu intervenieren, da es Hinweise gibt, dass das am Besten wirkt. Wenn Familien Interesse haben: Wir suchen Säuglinge im Alter von 4-6 Lebensmonaten mit Ekzem.

Warum haben Kinder mit Neurodermitis ein erhöhtes Risiko für eine Nahrungsmittelallergie?

Kinder mit Neurodermitis haben eine gestörte Barrierefunktiong der Haut. Man geht heute davon aus, dass diese Kinder durch die gestörte Barrierefunktion und die vielen Entzündungszellen in der Haut eine "falsche" Immunantwort erhalten, wenn sie über die Haut Kontakt mit Nahrungsmittelallergenen haben. Sie bilden Allergieantikörper (IgE-Antikörper).
 
Normalerweise lernt der Körper: Wenn wir Nahrungsmittel zu uns nehmen, dass diese nicht gefährlich sind und er sich dagegen nicht wehren muss. Wenn die Säuglinge mit Ekzem aber Allergieantikörper gebildet haben und anschließend das Nahrungsmittel zu sich nehmen, können sie allergisch reagieren. Häufig kommt es dann zu einer Urtikaria, auch als Nesselsucht bekannt, zu Lippenschwellungen oder Erbrechen. Die Reaktionen können auch lebensbedrohlich sein und mit Atemnot oder Blutdruckabfall einhergehen. Das ist etwas, das wir verhindern wollen.

Nun könnte man sich ja fragen: Wenn die Kinder erst mit der Beikost beginnen, wo kommt denn dann der "Erstkontakt" zu den Nahrungsmitteln her, auf die sich das Immunsystem einschießt? Den braucht es ja, damit das Immunsystem beim nächsten Kontakt "Alarm schlägt".

Überall wo wir essen, hinterlassen wir Spuren, das heißt wir finden Nahrungsmittelproteine. Wir finden diese Nahrungsmittelproteine jedoch nicht nur in der Küche, wo wir gegessen haben, sondern auch in den Betten der Kinder. Wenn man zum Beispiel vor dem Fernseher Erdnussflips isst, findet man innerhalb von zwei Tagen vermehrt Erdnussproteine auch in den Betten der Kinder.
 
Das heißt: Die Kinder mit Neurodermitis schlafen in ihrem Bett, in dem sich die verschiedensten Nahrungsmittelproteine verteilt haben - je nachdem, was die Familie so isst. Beim Schlaf kann das junge Immunsystem Allergieantikörper bilden und wenn die Kinder das Nahrungsmittel dann später essen, können sie allergisch reagieren.

Sie geben den Kindern nun eine spezielle erste Beikost mit verschiedenen Allergenen in kleinen Dosen und später in höheren Dosen. Was ist das Ziel dahinter?

Wir wollen die Kinder mit geringen Mengen mit allergenen Nahrungsmittel frühzeitig "bekannt machen". Wir haben dafür die häufigsten Nahrungsmittel, die bei Kindern zu allergischen Reaktionen führen, ausgewählt. Das sind: Kuhmilch, Hühnerei, Erdnuss und Haselnuss. Ziel ist, dass das Immunsystem frühzeitig lernt: Das ist nichts Gefährliches - bevor eine falsche Immunantwort erfolgt. Nach einiger Zeit steigern wir dann die Menge dieser Nahrungsmittel.

Gibt es Vorbildstudien, in denen Kinder so "immunisiert" werden konnten, an denen Sie sich orientieren?

Zum einen haben wir vorher schon eine Studie zu Hühnerei gemacht, in der wir zeigen konnten, dass viele Kinder mit 4-6 Monaten bereits diese Allergieantikörper haben. Es waren vor allem Kinder mit Neurodermitis. Des Weiteren hat eine Studie aus Japan gezeigt, das bei Hühnerei genau dieses Vorgehen zu einer Verhinderung der Hühnereiallergie führt. Selbst Säuglinge, die bereits Allergieantikörper hatten, haben keine Allergie entwickelt. Deshalb verwenden wir jetzt auch diese ganz kleinen Mengen in unserer Studie, um zu untersuchen, ob wir das auch hier, in der deutschen Population bestätigen können und ob sich das auf andere Allergene übertragen lässt.

Es gibt auch Studien zur Erdnuss aus England, die zeigen konnten, dass durch die frühzeitige Gabe von Erdnussprodukten eine Erdnussallergie verhindert werden konnte. In der einen Studie wurde große Mengen an Erdnuss verwendet, allerdings wurden Kinder, die bereits einen Hinweis hatten allergisch zu sein, nicht in die Studie eingeschlossen. Es sollte dadurch verhindert werden, dass ein Kind, das bereits Allergieantikörper hat, reagieren würde. Aber gerade auch bei diesen Kindern wollen wir die Allergie verhindern. Deswegen verwenden wir bei unserer Studie nur kleine Mengen, weil wir davon ausgehen, dass die Immunantwort auch mit kleinen Mengen funktioniert, ohne dass es zu allergischen Reaktionen kommt. [Anm. d. Red.: In dieser Studie werden Kinder mit bereits vorhandenen Antikörpern - die aber noch keine allergische Reaktion hatten - nicht ausgeschlossen.]

Auch wenn wir davon ausgehen, das die Säuglinge keine allergische Reaktion haben werden, treffen wir trotzdem Vorsichtsmaßnahmen: Das erste mal wird unser Beikostprodukt bei uns gefüttert. Außerdem sind wir während der gesamten Studie ständige Ansprechpartner für die Eltern.

Nun haben Sie ja schon beschrieben, dass Allergene überall sein können und tatsächlich sind sie ja jeden Tag um uns herum - der gesunde Körper weiß, dass da keine Gefahr droht und das Immunsystem "bleibt cool". Welche Rolle bei der Allergieentwicklung spielt denn familiäre Vorbelastung?

Familiäre Vorbelastung hat auch einen Einfluss auf allergische Erkrankungen, das wissen wir - die Kinder haben bei einem Elternteil ein erhöhtes Risiko, wenn beide Eltern Allergien haben, ist das Risiko noch einmal erhöht. Also ja, familiäres Risiko spielt schon eine große Rolle.

Könnte man sagen die Beikost, die Sie den Kindern geben, funktioniert wie eine Hyposensibilisierung?

Was wir machen ist eine Prävention, also eine vorbeugende Maßnahme, denn wir wissen ja noch nicht, ob die Kinder mit Neurodermitis eine Nahrungsmittelallergie entwickeln.

Wie motivieren Sie die Eltern (und den Rest der Familie des kleinen Probanden) bei der Beikost zu bleiben?

Also erst einmal haben wir sehr engen Kontakt zu den Eltern - was auch ganz gut ist für die Eltern, weil sie immer etwas fragen können, auch wenn sie Probleme haben bei der Beikosteinführung usw. - da sind wir einfach direkte Ansprechpartner. Das finden viele Eltern sehr schön. Und umgekehrt rufen wir die Familien auch regelmäßig an, nachdem sie bei uns waren und fragen, ob alles gut klappt.

Nach dem ersten Treffen, bei dem es die Beikost auch erstmalig für das Kind zu essen gibt, wie geht es dann weiter?

Wir fangen, wie gesagt, mit ganz kleinen Mengen an und sehen die Kinder dann nach jeweils 2-3 Monaten zur Steigerung der Menge der vier Nahrungsmittel. So soll das Immunsystem langsam auch an größere Mengen herangeführt werden.

Basis ist immer ein zuckerfreies zwiebackähnliches Gebäck, das auch als Pulver in den Brei gerührt werden kann. Es ist eine Plazebo-kontrollierte Studie, bei der ein Drittel der Kinder diese Nahrungsmittel nicht in der Beikost bekommt, das heißt die Kinder erhalten das gleiche zwiebackähnliche Gebäck ohne Erdnuss, Haselnuss, Kuhmilch oder Hühnerei - die Eltern wissen auch nicht, in welcher Gruppe ihre Kinder sind. So können wir ganz objektiv vergleichen, welche Art der Beikosteinführung besser ist.

Zum Schluss noch die Frage: Was erhoffen Sie sich?

Wir hoffen, das wir einen Weg zur optimalen Beikosteinführung für Kinder finden, die ein hohes Risiko haben Nahrungsmittelallergie zu entwickeln. Wenn das klappen sollte, ist das, denke ich, wirklich ein großer Schritt vorwärts zur Vermeidung von Nahrungsmittelallergien. Wie gesagt, Eltern, die Säuglinge im Alter von 4-6 Monaten mit Ekzem haben, können sich gerne bei uns melden.

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Beyer!
Das Interview führte Lucia Hennerici

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