Ärztin zeigt einem Herzkranken seine EKG-Auswertung (Quelle: colourbox)
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Diabetiker besonders gefährdet - Der stumme Herzinfarkt

Während der Corona-Pandemie sind die Zahlen für Herzinfarkte zurückgegangen. Doch die Fachgesellschaften warnen: Der Schein trügt – vermutlich haben die Menschen einfach seltener um ärztliche Hilfe ersucht. Besonders hoch dürfte die Rate der unerkannten Infarkte unter Diabetikern sein. Sie erleben deutlich häufiger einen stummen Infarkt – bei dem gar keine oder keine eindeutigen Herzinfarkt-Symptome auftreten.

Was Menschen mit erhöhtem Risiko für einen stummen Infarkt tun können, erklärt Chefarzt der Kardiologie Prof. Cemil Özcelik vom Helios Klinikum Emil von Behring.

Prof. Özcelik, wie hat sich die Zahl der Herzinfarkte bei Ihnen in der Klinik in den vergangenen Monaten entwickelt?

Tatsächlich hatten wir in den ersten Monaten der Corona-Pandemie deutlich weniger Herzinfarkte zu verzeichnen. Ich schätze, im Vergleich zu der Zeit vorher waren es im April und Mai 25 Prozent weniger Herzinfarkt-Patienten. Langsam nehmen die Zahlen wieder zu, aber wir liegen immer noch deutlich unter dem Niveau vom Vorjahr.

Hat Corona die Herzen Ihrer Patienten geschont?

Vermutlich ist eher das Gegenteil der Fall. Corona ist vielmehr ein Stressfaktor, der Herzinfarkte begünstigt. Ich gehe davon aus, dass die Patienten zurückhaltender waren und es sich zwei Mal überlegt haben, ob sie bei fraglichen Anzeichen für einen Herzinfarkt in eine Klinik gehen. Die mediale Präsenz von Corona mit überlasteten Krankenhäusern und vermeintlich erhöhter Ansteckungsgefahr hat dazu geführt, dass Patienten ihre Infarktsymptome, vor allem solche, die nicht ganz typisch ausfielen, häufiger nicht ernst genommen haben.

Manche Menschen spüren wohl ohnehin nicht die typischen Anzeichen wie Brustschmerzen, die in den Arm ausstrahlen.

Das stimmt. Eine Studie aus dem Jahr 2016 legt nahe, dass jeder zweite Patient mit einem Herzinfarkt diesen nicht bemerkt. Diese Menschen werden entsprechend später und seltener therapiert.

Was ist der Auslöser?

Die Auslöser des stummen Infarkts sind die gleichen wie beim herkömmlichen Infarkt: verstopfte Herzkranzgefäße. Stress, Rauchen, mangelnde Bewegung und Übergewicht begünstigen die Verkalkungen der Gefäßwände. Menschen mit einem stummen Infarkt sind häufig Diabetiker. Der erhöhte Blutzucker schädigt ihre Blutgefäße und Nerven, sodass sie Schmerzen und andere Symptome weniger spüren. Auch ältere Patienten mit depressiven Verstimmungen oder Demenz sind weniger schmerzempfindlich.

Frauen sollen ebenfalls häufiger stumme Infarkte haben.

Wir wissen, dass Frauen bei einem Herzinfarkt eher untypische Symptome zeigen wie Übelkeit, Erbrechen, Bauchweh oder Rückenschmerzen. Was die Schmerzen anbelangt, scheinen Frauen diese öfter zu verdrängen und weniger empfindlich dafür zu sein. In der bereits genannten Studie aus dem Jahr 2016 waren dennoch Männer etwas häufiger von stummen Infarkten betroffen.

Sind stumme Infarkte denn weniger gefährlich?

Im Gegenteil! Menschen mit stummen Infarkten verschleppen ihren Infarkt häufiger und werden dadurch später oder gar nicht behandelt. In einer Studie, in der man die Prognose von behandelten mit unbehandelten stummen Infarkten vergleichen hatte, erlitten Patienten ohne Behandlung häufiger Komplikationen wie Herzschwäche und starben früher. Lebensgefahr besteht übrigens schon während des Infarkts selbst; hier können Herzrhythmusstörungen auftreten. Schon kleine Infarkte können dadurch lebensbedrohlich sein.

Gibt es überhaupt eine Chance, einen stummen Infarkt zu erkennen?

Hinweise auf einen Herzinfarkt können Luftnot oder Schwindel, Schwitzen oder Panik sein. Ganz ohne vorherige Symptome entdeckt der Haus- oder Betriebsarzt einen stummen Infarkt dann oft nur zufällig bei einem Routine-EKG. Bei Diabetikern liegt diese zufällige Entdeckungsrate immerhin bei vier Prozent! Schließlich können auch Folgen eines Infarktes wie Luftnot, Gewichtszunahme und geschwollene Beine infolge einer Herzschwäche die Patienten zum Arzt führen. Im schlimmsten Falle machen Herzrhythmusstörungen eine Reanimation notwendig.

Typische und untypische Anzeichen für einen Herzinfarkt

  • Schmerzen in der Brust, unter dem Brustbein, die in den linken Arm ausstrahlen
  • Schmerzen, die in den rechten Arm und/oder den Unterkiefer ausstrahlen
  • Schmerzen, die in den Rücken und/oder die Schultern ausstrahlen
  • Übelkeit, Erbrechen, Oberbauchschmerzen
  • starker Schwindel, Luftnot bis hin zu Bewusstlosigkeit
  • Beklemmungs- oder Engegefühl
  • Angstgefühl bis hin zu Panik
  • kalter Schweiß und blasse Haut
Wie kann der Arzt einen zurückliegenden Infarkt diagnostizieren?

Hinweise gibt das EKG. Sollte das nicht eindeutig ausfallen, wird es wiederholt. Wir haken bei Patienten mit einem Verdacht ganz gezielt nach Anzeichen einer Durchblutungsstörung am Herzen nach. Ansonsten finden wir im Herzultraschall entsprechende Signale.

Lässt sich ein stummer Infarkt vermeiden?

Keine Tablette hilft so gut wie ein gesunder Lebensstil: ohne Rauchen, mit gesunder Ernährung, wenig Alkohol und viel Bewegung. Bluthochdruck, Rauchen, Diabetes und hohe Blutfettwerte fördern dagegen die Arteriosklerose, bei der sich die Herzkranzgefäße verengen oder komplett verschließen.

Wie therapieren Sie einen stummen Herzinfarkt?

Die Behandlung des stummen Infarktes unterscheidet sich nicht von der eines Infarktes mit klinischen Zeichen: Wir verschreiben Medikamente wie Beta-Blocker, Kalzium-Antagonisten oder Nitrate, welche die Herzkranzgefäße erweitern. Sind die Herzkranzgefäße stark geschädigt, müssen wir operieren: Mit Hilfe des Herzkatheters können wir das Gefäß mit einem kleinen Ballon an der Engstelle aufdehnen und ein Röhrchen einlegen, um es dauerhaft offen zu halten. Ist das Herzkranzgefäß über eine längere Strecke verschlossen, nutzen wir Arterien oder Venen von anderer Stelle, um Engen zu überbrücken.

Was wird sich zukünftig in der Diagnostik und Therapie des stummen Infarktes verändern?

Wir setzen hier auf neue biochemische oder molekulare Diagnosemöglichkeiten, mit deren Hilfe wir Herzinfarktvorstufen erkennen. Denkbar wäre ein neuer Marker, der beispielsweise bereits bei geringen Durchblutungsstörungen des Herzens – und damit einem drohenden Herzinfarkt – ins Blut freigesetzt wird. Ein solcher Marker könnte ein Entzündungsbotenstoff sein. Ich könnte mir auch vorstellen, dass Risikopatienten eine Art Smartwatch tragen. Bei herzinfarkttypischen Brustschmerzen oder auch weniger typischen Beschwerden macht diese dann auf Knopfdruck eine EKG-Analyse und verständigt vielleicht sogar einen Notarzt.

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Özcelik!
Das Interview führte Constanze Löffler.

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