Paar im mittleren Alter joggt durch den Wald (Bild: Colourbox)
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Interview l Fitness bei Vorerkrankungen - Herzschwäche: Wie Sport stark macht

Dank der medizinischen Forschung weiß man heute, dass Schonung bei Herzschwäche ein Irrtum ist: Studien zeigen, dass Sport die Leistungsfähigkeit bei Herzschwäche sogar um bis zu 25 Prozent verbessern kann. Wie das konkret funktioniert und worauf Betroffene dabei achten sollten, darüber sprach rbb Praxis mit Physiotherapeut und Herzsportgruppenleiter Leon Büschke von der Reha-Tagesklinik "herzhaus" in Berlin-Mitte.

"Schonen Sie sich und meiden Sie Sport", so lautete lange Zeit die Empfehlung für Menschen mit einer Herzschwäche. Je fortgeschrittener die Erkrankung war, umso häufiger sollten Betroffene Ruhepausen einlegen. Heute haben viele Studien gezeigt: Genau das Gegenteil ist richtig, vom richtigen Training können gerade Herzpatienten profitieren.

Herr Büschke, wie sieht die aktuelle Situation bei Ihnen in der Reha Tagesklinik aus?

Die Rehabilitation läuft mit reduzierter Personenzahl weiter. Alle Schutzmaßnahmen werden eingehalten, so dass wir Patienten auch unter den gegenwärtigen Umständen eine sinnvolle Therapie anbieten können. So haben wir die Gruppengröße auf eine maximale Teilnehmerzahl von acht Personen festgelegt, damit der Mindestabstand von eineinhalb bis zwei Meter eingehalten werden kann.

Bei Patienten über 70 Jahre entscheidet ein Arzt in Abhängigkeit von der Diagnose und den bestehenden Begleiterkrankungen, ob jemand in die Reha aufgenommen wird. Wir erfüllen als Rehaeinrichtung unseren Versorgungsauftrag. Der richtet sich zum Beispiel an Patienten nach einem Herzinfarkt, wo es nicht sinnvoll ist, wenn die zu Hause nur auf der Couch sitzen. Alle Sportangebote des Vereins, wie zum Beispiel der Herzsport, finden zurzeit nicht statt.

Lange hieß es, Menschen mit einer Herzschwäche sollten keinen Sport machen. Gilt das in irgendeiner Weise noch?

Heute sagt man im Grunde genau das Gegenteil, dass man mit Herzschwäche auf jeden Fall Sport machen sollte. Man muss natürlich immer gucken, wie belastbar der Patient ist. Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass Menschen mit einer Herzschwäche sich nicht einfach im Fitnessstudio anmelden und drauf los trainieren, sondern dass sie erstmal mit einem Arzt abklären, wie belastbar sie sind.

Ansprechpartner kann hier der Hausarzt sein oder der Hausarzt überweist an einen Kardiologen. Der macht dann verschiedene Untersuchungen, wie ein EKG, ein Belastungs-EKG und ergänzend ein Langzeit-EKG. Auf der Basis dieser Ergebnisse wird dann eine individuelle Trainingsfrequenz und -Intensität für den Patienten festgelegt.

Sehr empfehlenswert für Patienten mit einer Herzschwäche sind Herzsportgruppen, von denen es in Berlin eine ganze Reihe gibt. Dort ist immer ein Arzt anwesend und das Training wird von speziell geschulten Herzsporttrainern durchgeführt.

Bekommen die Patienten nach einer Untersuchung durch den Arzt eine konkrete Empfehlung, wie intensiv sie Sport machen dürfen?

Der Arzt macht ja das Belastungs-EKG und stellt dadurch fest: Wie belastbar ist der Patient? Was er für eine Pumpfunktion des Herzens hat und in welchen Situationen möglicherweise Probleme auftreten. Diese Ergebnisse setzen wir als Herzsportgruppenleiter dann mit den Patienten um.
Nimmt man zum Beispiel das Training auf dem Fahrradergometer, welches ja das gleiche Gerät ist, mit dem auch das Belastungs-EKG durchgeführt wird, dann fangen wir immer erstmal mit der Hälfte der erreichten Maximallast an. Wenn dann die maximale Pulszahl nicht wesentlich überschritten wird und der Blutdruck nicht zu sehr steigt, dann kann man die Wattzahl langsam steigern und dadurch erreicht man dann auch einen Trainingseffekt.

Außerdem orientieren wir uns an den Beschwerden der Teilnehmer: Das häufigste Symptom einer Herzschwäche ist Luftnot unter Belastung. Diese wird nach der New York Heart Association (NYHA) in vier Schweregrade eingeteilt. Patienten mit einer Einstufung zwischen I und III können ein moderates Training in den Herzsportgruppen mitmachen. Patienten mit einer Herzschwäche der Stufe IV, dürfen keinen Sport machen. Werden sie dann aber vom Arzt medikamentös behandelt und richtig eingestellt, kann darüber neu entschieden werden.

Welche Art von Sport eignet sich für Patienten mit einer Herzschwäche?

Die einfachste Übung, die jeder Patient auch außerhalb einer Herzsportgruppe machen kann, ist schnelles, gleichmäßiges Gehen. Da kann man erstmal mit ein paar Minuten beginnen und dann langsam steigern. Je nach Tempo liegt man dann bei einer Belastung von 25 Watt beim langsamen Gehen und mindestens 100 Watt, wenn man joggen würde. Man sollte unbedingt seine individuelle Belastungsgrenze kennen, die ja der Arzt festgelegt hat.

Eine andere Möglichkeit, sich außerhalb der Gruppe zuhause zu bewegen ist Gymnastik. Gymnastik ist eine gute Form der Bewegung, weil ich zum einen dieses Ausdauertraining habe, zum anderen aber auch die Beweglichkeit trainiere.
Früher hat man sich bei Patienten mit Herzschwäche nur auf das Ausdauertraining beschränkt. Mittlerweile weiß man, dass ein Wechsel aus Kraft- und Ausdauertraining ganz wichtig ist für Herzpatienten. Wichtig ist bei den gymnastischen Übungen, dass die Arme nicht zu lange über dem Kopf gehalten werden, dass man genügend Pausen mit einbaut und sich nicht zu schnell bewegt.

Welche positiven Effekte hat der Sport auf Menschen mit einer Herzschwäche?

Das Herz ist ja ein Muskel, den man trainieren kann und auch ein Herz mit Herzschwäche, wird trainiert. Ich darf natürlich das Herz nicht überlasten, aber ich muss ihm einen Trainingsreiz geben und mit einer gezielten, moderaten Belastung, kann die Pumpfunktion des Herzens wieder verbessert werden.

Wir haben in unserer Reha und in den Herzsportgruppen eine große Bandbreite von Patienten. Es sind nicht nur die Älteren, die unter einer Herzschwäche leiden, sondern es gibt auch jüngere Betroffene, die zum Beispiel nach einer Herzmuskelentzündung eine Herzschwäche entwickelt haben. Und ich kann sagen, dass ein Großteil wirklich davon profitiert. Dadurch können die Patienten auch ihren Alltag wieder leichter bestreiten. Denn, wenn ich mich gar nicht mehr bewege mit der Herzschwäche, dann wir ja alles nur noch anstrengender.
Wenn es aber gelingt, dass Patienten durch das Training zum Beispiel leichter Treppen steigen oder ihre Einkaufstüten besser tragen können, dann hat das Herz in dieser Situation auch weniger Belastung. Und damit verbessert sich natürlich auch ihre Lebensqualität und die Prognose der Erkrankung.

Was sollten Patienten mit einer Herzschwäche beim Sport eher vermeiden bzw. worauf sollten sie achten?

Es sollte darauf geachtet werden, dass in den Übungen nicht zu viel statische Anspannung besteht, dass nicht zu viele Muskelgruppen auf einmal arbeiten müssen und dass keine Übungen gemacht werden, wo eine Pressatmung provoziert wird. Auf die Atmung zu achten, ist bei Herzschwäche-Patienten ganz wichtig, damit der Körper mit ausreichend Sauerstoff versorgt wird. In der Phase der Anstrengung innerhalb einer Übung, sollte man immer ausatmen. Zum Beispiel, wenn man ein Gewicht hochhebt, dann sollte man ausatmen und wenn man es wieder ablegt, dann atmet man ein.

Ich als Herzsportgruppentrainer vermeide Übungspositionen, wo die Teilnehmer zu lange Haltepositionen einnehmen, wie etwa beim Unterarmstütz. Dadurch kann ein Blutdruckanstieg provoziert werden, der das bereits geschwächte Herz zusätzlich belastet.

Vermeiden sollten sie auch auf Schnelligkeit zu trainieren, also keine Belastung, die von Null auf Hundert geht, sondern es soll wirklich immer eine moderate Belastung bleiben.
Nicht ratsam sind auch Übungen, bei denen zum Beispiel die Beine auf einem Gymnastikball liegen. Denn dabei kommt es zu einem vermehrten Blutfluss zum Herzen und da das Herz von Herzschwäche-Patienten sowieso schon Mühe hat das Blut aus dem Herzen zurück zu pumpen, wird es in dieser Position leicht überfordert. Auch in der Physiotherapie lagere ich die Beine von Herzschwäche-Patienten nicht hoch.

Woran erkennen Sie als Herzsportgruppenleiter, dass einzelne Teilnehmer möglicherweise an ihre Leistungsgrenzen kommen?

Da gibt es verschiedenen Anzeichen. Neben der Atemnot, auch Zittrigkeit, Schwindel, aber auch eine Blaufärbung der Lippen oder der Finger. Dass sollte auf jeden Fall vermieden werden und das sollten auch Patienten, wenn sie zuhause allein trainieren, auf jeden Fall vermeiden.

Wenn wir in der Herzsportgruppe Ergometer-Training auf dem Fahrrad machen, dann wird bei jedem Patienten ein EKG geschrieben und der Blutdruck kontrolliert, so dass zum Beispiel sofort erkennen können, wenn es zu Herzrhythmusstörungen oder starken Blutdruckveränderungen kommt. Jeder Teilnehmer einer solchen Gruppe, hat einen individuellen Trainingspuls, der vom Arzt festgelegt wurde und der maximal zehn Prozent überschritten werden darf. Das wird auch während des Trainings immer wieder überprüft.

Ist es gerade jetzt, wo viele zu Hause bleiben müssen, sinnvoll dass Herzschwäche-Patienten auch dort allein üben?

Ich hoffe, dass "meine Sportler" alle zu Hause sind und Sport machen (lacht). Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen bekommen ja auch sonst Übungen mit nach Hause. Viele Patienten kommen ja nur einmal in der Woche zur Herzsportgruppe und deshalb sollten sie in jedem Fall auch zu Hause weiter üben. Die Empfehlung ist ja, mindestens dreimal die Woche zu trainieren und das schafft man dann nur, wenn man auch in Eigenregie Sport treibt.

Herr Büschke, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Ursula Stamm

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