Defibrillator am Rand eines Fußballfeldes (Bild: imago/sportfotodienst ANP)
Bild: imago/sportfotodienst ANP

Interview l Herzprobleme im Sport - Implantierter Defibrillator: Retter per Stromstoß

Im EM-Spiel gegen Finnland 2021 hatte der dänische Spieler Christian Erikson einen lebensgefährlichen Zusammenbruch. Wahrscheinliche Ursache: Herzkammerflimmern. Dank Defibrillator konnte sein Leben gerettet werden. Eine implantierte Variante kann künftig den Herzstillstand verhindern. Wie ein "Defi" das Leben von Profi- wie Breitensportlern verändert, haben wir PD Dr. Matthias Krüll gefragt, medizinischer Direktor des BMW Berlin Marathon.

Aufmerksamkeit: Herzrhythmusstörungen im Sport

Herr. Dr. Krüll, durch den Zusammenbruch des dänischen Fußballprofis Christian Eriksen hat das Thema Herzrhythmusstörungen im Sport neue Aufmerksamkeit bekommen. Ist Ihnen das als medizinischer Betreuer von Sportlern und Sportlerinnen eigentlich recht?
 
Das, was Christian Eriksen passiert ist, ist ja nichts ganz Neues; es hat aus der Szene keinen wirklich überrascht. Solche und ähnliche Ereignisse haben wir bei unseren Sport-Großveranstaltungen mehr oder weniger regelhaft.
Es sind natürlich immer tragische und dramatische Situationen, vor allem, wenn das so medienwirksam abläuft und dann im Verlauf so hochgepuscht wird, mitunter auch ins Negative.

Weiß man zuverlässig, was die Ursache für den Zusammenbruch bei Christian Eriksen war?
 
Das wird man mit Sicherheit wissen, sonst hätte man ihm den Defibrillator nicht implantiert. Die Entscheidung einen implantierbaren Defibrillator (ICD) einzusetzen ist ja schon eine Entscheidung für’s Leben und keine unerhebliche.
 
Eine häufige Ursache für so einen Zusammenbruch ist das so genannte Kammerflimmern, eine lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung bei der die Herzkammern sich nicht mehr regelmäßig zusammenziehen, sondern nur noch sehr schnell und unkoordiniert zucken, ohne Blut zu transportieren.
 
Die Tatsache, dass der Einsatz des Defibrillators bei ihm erfolgreich war, spricht dafür, dass er Kammerflimmern oder eine vergleichbar schwere Herzrhythmusstörung hatte. Denn wenn das Herz [erstmal] stehen bleibt, ist eine Behandlung mit dem Defibrillator selten erfolgreich.

Kammerflimmern

Was können Ursachen eines solchen Kammerflimmerns sein?
 
Es gibt typischerweise bei jungen Männern eine Reihe von Herzerkrankungen, die damit einhergehen können, dass die elektrische Erregungsleistung im Herzen nicht geordnet abläuft - ausgelöst vor allem durch extreme körperlicher Belastung.
 
Dahinter stecken häufig Herzerkrankungen, die man unter dem Begriff "primäre angeborene Kardiomyopathien" zusammenfasst. Das Brugada-Syndrom und das Long-QT-Syndrom sind die häufigsten Beispiele dafür. Solche Störungen führen dazu, dass das Herz in gewissen Situationen nicht geregelt elektrisch erregt wird, sondern dass es in Extremsituationen zu einer ungeordneten Erregung kommen kann. Das heißt: Das Herz flimmert oder flattert dann.
 
Auch eine unerkannte Herzmuskelentzündung kann als Ursache eines plötzlichen Kammerflimmerns in Frage kommen. Diese wird man nicht per se mit einem Defibrillator versorgen, weil sie durch eine richtige Behandlung meist abheilt und in der Regel nicht wieder auftritt.
 
Anders ist das bei den angeborenen Kardiomyopathien als Ursache des Kammerflimmerns: Diese [Rhythmusstörungen] können jederzeit wieder auftreten und das will man mit dem ICD unterbinden.

Implantierter Defi

Wie funktioniert der implantierte Defibrillator in diesem Fall?
 
Der Defibrillator misst, wie die elektrische Versorgung im Herzen ist. Das heißt, das Gerät prüft, ob eine regelmäßige Herzfrequenz vorhanden ist oder ob die Herzkammern zum Beispiel flimmern. Wird ein Kammerflimmern registriert, gibt der ICD einen Elektroschock ab, sodass das Herz wieder auf "reset" gesetzt, also zurückgesetzt wird.
 
Genau das gleiche macht auch ein externer Defibrillator, wie er in Notfällen eingesetzt wird.

Hätte der Zusammenbruch von Christian Eriksen verhindert werden können?
 
Solche angeborenen Kardiomyopathien, wie zum Beispiel das Brugada-Syndrom, sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Das hängt damit zusammen, dass davon oft jüngere Männer betroffen sind, die häufig keinerlei Symptome haben.
 
Hinzu kommt, dass man diese Störungen oft weder im normalen EKG noch im Belastungs-EKG erkennen kann. Werden dann sportliche Extremleistungen gebracht, kann es leider unerwartet zu solchen Vorfällen kommen.
Wir erleben das immer wieder beim Marathon, aber auch bei Fußballturnieren und anderen Wettkämpfen. Diese Sportler und Sportlerinnen sind dann sportmedizinisch nicht unbedingt alle schlecht betreut, sondern es ist extrem herausfordernd, dass im Vorfeld wirklich zu erkennen.

Leistungssport & Defibrillator - wie passt das zusammen?

Prinzipiell passen Leistungssport und Defibrillator zusammen. Allerdings haben wir lange Zeit gedacht, das wäre nicht so: Bis ungefähr 2015 wurde Sportlern mit Defibrillator konsequent abgeraten, Leistungssport zu betreiben.
 
Doch basierend auf Registerdaten aus Amerika von circa 400 Athleten mit ICD zeigte sich, dass diese keine höheren Komplikationsraten oder gar Todesraten haben, als formal gesunde Nicht-ICD-Träger und dass sie auch genauso leistungsfähig sind.

Wird das überall so akzeptiert - im Profi-Fußball beispielsweise?
 
Was den Profi-Fußball angeht, wird dies unterschiedlich gehandhabt. Die italienische Profiliga schließt es zum Beispiel kategorisch aus, dass ihre Spieler einen ICD tragen.
Die Deutsche Fußball Liga nicht. Der Fußballer Daniel Engelbrecht ist zum Beispiel ein Profi-Fußballer, der mit einem Defibrillator gespielt hat. Inzwischen spielt er allerdings nicht mehr aktiv.

Sport mit ICD - was geht, was nicht?

Was müssen Leistungssportler:innen mit einem ICD beachten?
 
Es gibt ein paar Sachen, auf die sie achten sollten. Das sind vor allem Aspekte, die damit zu tun haben, dass der Defibrillator unter die Haut gesetzt wird und von dort Drähte direkt zum Herzen führen.
Bei Sportarten wie Tennis oder Golf, wo man extreme Belastungen im Oberkörper hat, kann es sein, dass die Elektrode verrutscht. Das gilt auch für Kontaktsportarten wie zum Beispiel Judo oder Taekwondo. Und wenn jemand beim Fußball den Ball auf die Brust bekommt, dann kann der ICD auch mal kaputt gehen. Aber was die eigentliche Leistungsfähigkeit angeht, ist das prinzipiell kein Thema.
 
Wir wissen allerdings, dass ein Defibrillator auch mal auslösen kann, ohne das eine Herzrhythmusstörung vorliegt. Und wir wissen auch, dass das bei Leistungssportlern deutlich häufiger geschieht als bei Menschen, die keinen Leistungssport betreiben und die die gleiche Erkrankung haben.
 
Aber die Geräte retten Leben und prinzipiell kann man damit durchaus Leistungssport machen.

Welche Sportarten sind für Träger und Trägerinnen eines ICD besonders geeignet?
 
Wir wissen, dass moderater Ausdauersport für ICD-Träger eher hilfreich ist, als dass er schadet. Sich aus Angst vor Überlastung oder einem Fehlalarm des Geräts nur noch auf’s Sofa zu setzen, ist wenig sinnvoll. Vor allem Sportarten wie Radfahren, Wandern, Nordic Walking und Schwimmen sind hier gut geeignet.

Sport nach Implantierung - wie nun weiter?

Was sollten ICD-Tragende tun, die nach der Implantation wieder Sport machen wollen?
 
Wichtig ist zu wissen, was die Ursache für das Kammerflimmern war. Auch wenn es nicht so einfach ist, so kann man diese angeborenen Kardiomyopathien doch diagnostizieren. Wenn dann klar ist, dass es sich um eine solche Störung handelt, dann muss man die Betroffenen darüber aufklären - vor allem auch über die Möglichkeit, dass der Defibrillator auslösen kann, denn das ist ein recht heftiges Ereignis, welches viele ICD-Träger beim ersten Mal schockieren kann.
 
ICD-Träger müssen zudem engmaschig kontrolliert werden. Man muss schauen, ob das Gerät gut eingestellt ist. Das Gerät darf nicht zu früh anspringen, es muss aber sicher immer dann anspringen, wenn es notwendig ist.
Der Batteriestand des Defibrillators muss regelmäßig kontrolliert werden, ebenso wie der Sitz der Elektroden. Dies erfordert eine regelmäßige fachkardiologische Mitbetreuung.

Defi vs. Herzschrittmacher

Was unterscheidet einen Defibrillator von einem Herzschrittmacher?
 
Ein Herzschrittmacher ist ein kleines Gerät, welches regelmäßig einen elektrischen Impuls abgibt und damit die regelmäßige Kontraktion, also das Zusammenziehen des Herzmuskels, auslöst.
Der Defibrillator kann das auch. Zudem kann ein Defibrillator unterscheiden, ob eine hohe Herzfrequenz - von zum Beispiel 160 - durch Sport, also durch körperliche Aktivität zustande kommt oder durch eine "durcheinander geratene" elektrische Aktivität und Kontraktion des Herzmuskels. Wenn letzteres der Fall ist, dann gib er eben einen Stromstoß ab und "resetet" das Herz damit wieder.
 
Menschen, die einen Herzschrittmacher tragen, können ebenfalls problemlos Sport machen. Allerdings muss man sagen, dass dies typischerweise doch eher ältere Menschen sind, die zum Beispiel eine koronare Herzerkrankung haben. Hier kommt Leistungssport eher nicht mehr infrage bzw. diese Personengruppen sollten eher im Rahmen einer Herzsportgruppe Sport betreiben.

Defis beim BMW Berlin Marathon

Sie sind Medizinischer Direktor des BMW Berlin Marathon und bald stehen ja wieder große Laufveranstaltungen an. Wie bereiten Sie sich auf die Versorgung von Menschen mit Herzproblemen vor?
 
Die Auswertungen von weltweiten Marathonveranstaltungen der letzten Jahre zeigen, dass bei circa 40.000 Teilnehmern mit einer schweren kardialen Komplikation mit Kammerflimmern oder Herzstillstand und nachfolgender Reanimation zu rechnen ist. Einen Großteil dieser Komplikationen könnte man durch gründliche Vorsorgeuntersuchungen vorbeugen.
 
Unser großes Ziel ist es daher, im Vorfeld aufzuklären. Das heißt, wir wollen die Menschen motivieren, sich vorab sportmedizinisch untersuchen zu lassen. Wir wissen aus eigenen Daten, dass ungefähr 80 Prozent der Herz-Stillstände auf klassische Herzmuskel- oder Herzgefäßerkrankungen zurückgehen und nicht auf die viel selteneren angeborenen Kardiomyopathien
 
Ein wichtiges Instrument ist hierbei immer noch das Belastungs-EKG (Ergometrie). Wichtig ist bei der Ergometrie jedoch, auf eine maximale Belastung des zu Untersuchenden zu achten und nicht bereits bei 80 Prozent der zu erreichenden Herzfrequenz abzubrechen.

Für den Fall der Fälle: Wie viele Defibrillatoren haben Sie beim Marathon dabei?
 
Beim Berlin-Marathon halten wir zwischen 60 und 80 externe Defi’s bereit. Neben unseren klassischen Einsatzkräften aus dem Rettungsdienst, finden sich zusätzliche so genannte Defi-Trupps der Berliner Feuerwehr. Diese stehen überall auf der Strecke bereit, um bei einem plötzlichen Herzstillstand einzugreifen. Auf den letzten zehn Kilometern ist etwa alle 500 Meter ein Defi-Trupp positioniert.

Herr Dr. Krüll, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Ursula Stamm

FAQ: Defibrillator

  • Richtiger Zeitpunkt für eine Implantation

  • Wie lange "hält" ein Defibrillator?

  • Was passiert, wenn die Batterie des ICD leer ist?

  • Gibt es unterschiedliche "Defi-Modelle"?

  • Neue Generation von Defibrillatoren

  • Spüren Tragende den ICD?

  • Was ist mit: MRT, Handy, Kochfeld & Flughafenkontrolle?

  • Autofahren mit ICD

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