Frau mit Maske steht an Fenster (Bild: imago/Westend61)
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Interview l Long-COVID-Therapie - Forschung: Ein Herzmedikament gegen Long-COVID?

In der Medizin gibt's manchmal erstaunliche Zufallsentdeckungen: Ein 59-jähriger Patient mit schweren Long-COVID-Symptomen wurde in Erlangen mit einem Herzmedikament behandelt, das auch gegen hohen Augeninnendruck eingesetzt werden kann. Eine einmalige Infusion des Medikaments hat bis heute alle seine Long-COVID-Symptome beseitigt. Dr. Dr. Bettina Hohberger hat diesen ersten Heilversuch durchgeführt und forscht zur Therapie.

Es war eine besondere Meldung im Juli 2021: Forschende der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg hatten erstmals einen Long-COVID-Patienten "geheilt" - ausgerechnet mit einem Herzmedikament und an einer Augenklinik.
 
Hintergrund: Das Medikament wird sonst auch gegen den Grünen Star, also bei einer Glaukom-Erkrankung eingesetzt. Und eine Studie hatte zuvor gezeigt, dass sich eine COVID-19-Infektion auch auf die Durchblutung der Augen auswirken kann. Es fanden sich Autoantikörper, also Eiweiße, die man schon von der Glaukom-Erkrankung kannte.

Dr. Dr. Bettina Hohberger hat den ersten Heilversuch mit dem Medikament durchgeführt. rbb Praxis-Reporterin Ursula Stamm hat die Augenärztin und Molekularmedizinerin nach ihrer Forschung und den Perspektiven für Long-COVID-Betroffene befragt.

Frau Dr. Hohberger, Sie sind Augenärztin. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Patienten und Patientinnen mit einem erhöhten Augeninnendruck (Glaukom) mit einem Herzmedikament zu behandeln?
 
Glaukom-Patienten haben einen erhöhten Augeninnendruck, den wir schon länger mit Betablockern behandeln; Betablocker blockieren spezielle Rezeptoren im Körper. So kam damals die Idee, im Blut von Glaukom-Patienten nach Stoffen zu suchen, die dort "nicht hingehören" und die an diesen speziellen Rezeptor binden.
Dabei sind wir auf spezielle Autoantikörper gestoßen, die sich gegen Beta-2-Rezeptoren richten. Aus mehreren Studien wussten wir, dass diese Autoantikörper zu einem erhöhten Augeninnendruck führen und sich auch negativ auf die Durchblutung auswirken können.
 
Über den langjährigen Kontakt mit Dr. Gerd Wallukat vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin entstand die Erkenntnis, dass es ein Aptamer gibt, welches diese Autoantikörper binden kann. Aptamer sind Peptide, die ein spezifisches Molekül (in diesem Fall den Autoantikörper) über ihre 3D-Struktur binden können.
Diese Aptamer wurde ursprünglich dazu entwickelt, bei Patienten mit einer schweren Herzerkrankung, der dilatativen Kardiomyopathie, spezielle Autoantikörper unschädlich zu machen. Dieses Aptamer ist nun unter dem Namen BC 007 bekannt geworden.
 
Dieses Medikament befindet sich derzeit im Zulassungsverfahren für Herzpatienten.
Für Glaukom-Patienten steht diese Zulassung ebenfalls noch aus, weshalb wir unsere Patienten nur im Rahmen eines Heilversuchs damit behandeln konnten - und dies mit großem Erfolg.

Wie kam es dann zu der erfolgreichen Behandlung des 59-jährigen Glaukom Patienten mit Long-COVID?
 
Dieser Patient hat sich im Mai 2021 direkt an mich gewandt, mit Symptomen, unter denen viele Long-COVID-Patienten leiden: Eingeschränkte Belastbarkeit, Geschmacksstörungen, Konzentrationsprobleme, Gleichgewichtsstörungen und ein erhöhter Blutdruck.
 
Seinem Beruf konnte er in diesem Zustand kaum noch nachgehen; das galt auch für sein Hobby, das Wandern. Da wussten wir schon, dass sich die speziellen Autoantikörper, die wir von den Glaukompatienten kannten, auch im Blut von Long-COVID-Patienten befinden können.
 
Auf der Basis dieser Erkenntnisse entschloss sich der Patient, der Gabe das Medikaments BC 007 im Rahmen eines Heilversuches zuzustimmen. Die Behandlung sah dann so aus, dass er einmalig eine Infusion mit BC 007 bekommen hat und drei Tage bei uns auf der Station beobachtet wurde. Alle Long-COVID-Symptome, unter denen der Patient gelitten hat, sind kontinuierlich über Tage und Wochen verschwunden - bis heute.

Wenn dieses Medikament in so vielen Bereichen so erfolgreich ist, warum kann man es nicht verstärkt auch bei Long-COVID-Patienten und -Patientinnen einsetzen?
 
Das Medikament BC 007 ist noch nicht zugelassen. Das heißt, es muss noch die letzten Zulassungsstudien durchlaufen, bevor wir es unseren Patienten anbieten dürfen. Dies ist notwendig, um die Sicherheit der Patienten zu wahren.

Aber Sie wollen diesen möglichen Einsatz erforschen. Wie weit sind Sie da?
 
Wir haben uns jetzt im Rahmen einer Ausschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung um eine Finanzierung beworben, mit der wir einen ersten Teil dieser klinischen Studie durchführen könnten. Wenn wir die Förderung erhalten, könnten wir im Idealfall Anfang Oktober mit der Studie beginnen.
 
Was wir aktuell bereits anbieten können ist, dass wir bei Patienten und Patientinnen die Durchblutung der kleinsten Gefäße des Auges nach einer Corona-Infektion ansehen. Dies ist im Rahmen der reCOVer Studie möglich.
"Re" steht für Retina, "COV" für COVID und "-er" für Erlangen. Das können wir, weil wir seit ein paar Jahren eine neue Technik in der Augenheilkunde haben, die kontaktlos und schmerzfrei die Kapillaren, also die feinen Blutgefäße, darstellen kann (OCT-Angiographie). Diese Messungen stellen die Basis für die klinische Studie mit BC 007 dar.

Welche Fehlregulation liegt denn allen Erkrankungen zu Grunde, für die BC 007 demnächst vielleicht als Medikament zugelassen werden könnte? Und wie wirkt es?
 
Wir wissen, dass die Autoantikörper an so genannte G-Protein-gekoppelte Rezeptoren andocken und damit die "normalen" Peptide des Körpers nicht an diese Rezeptoren heranlassen. Sie sind quasi "fehlbesetzt".
Wir wissen auch, dass diese Rezeptoren auf den Blutgefäßen sitzen. Somit liegt der Schluss nahe, dass sie eine normale Durchblutung verhindern, sowohl im Auge, als auch im Herzen und in anderen Organen des Körpers, womit man wieder bei den Long-COVID-Symptomen ist.
 
Da die Autoantikörper im Blut schwimmen, kann man davon ausgehen, dass sie auch überall im Körper zu diesen Effekten führen. Das BC 007 sorgt dafür, dass die speziellen Autoantikörper aus dem Blut "herausgefischt" werden.
 
Es gibt insgesamt mehrere dieser Autoantikörper, die an G-Protein gekoppelte Rezeptoren andocken und wir wissen um ihre Bedeutung auch bei den Patienten mit einem chronischen Erschöpfungssyndrom (Fatigue).
Das passt wiederum dazu, dass wir sie auch im Blut von Long-COVID-Patienten gefunden haben, die ja auch häufig unter Fatigue leiden. Bei den Patienten mit Long-COVID finden wir - im Vergleich zu den Patienten mit chronischer Fatigue - allerdings deutlich mehr Typen dieser Autoantikörper. Das gibt es so noch bei keinem Krankheitsbild.

Frau Dr. Hohberger, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Ursula Stamm

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