Symbolbild: Gesunde Ermährung bei Diabetes (Quelle: Colourbox)
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- Diabetes Typ 2 – Wege aus der Zuckerkrankheit

Wer an Diabetes erkrankt ist, braucht umfassende Beratung, nicht nur, um seine Zuckerwerte zu senken. Auch Folgeprobleme an den Augen oder den Füßen müssen am besten verhindert, zumindest aber rechtzeitig therapiert werden. Welche Fortschritte es in der Behandlung gibt und was Diabetiker selbst tun können.

Knapp acht Millionen Menschen sind in Deutschland an Diabetes erkrankt, darunter rund zwei Millionen, die noch nichts von ihrer Erkrankung wissen. Mit Hilfe des vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) entwickelten Risiko-Tests kann jeder sein persönliches Risiko ermitteln, das er hat, innerhalb der nächsten fünf Jahre an einem Typ-2-Diabetes zu erkranken. Erfragt werden Bauchumfang, Ernährungsgewohnheiten und sportliche Aktivitäten. Fünf Minuten, 20 Fragen – dann kennt man sein persönliches Diabetes-Risiko.

Allein zwischen 2014 und 2019 ist die Zahl der Diabetiker um fast eine Million auf 7,7 Millionen Menschen hierzulande gestiegen. 500.000 neu Diagnostizierte kommen jedes Jahr dazu. Der überwiegende Teil der Patienten, etwa 95 Prozent, leidet an Typ-2-Diabetes. Ihre Körperzellen sprechen immer weniger auf Insulin an. Das Bauchspeicheldrüsenhormon ist notwendig, um den Blutzucker in die Zellen zu schleusen. Wenn dies nicht mehr funktioniert, ist der Blutzucker erhöht. Häufigster Grund für die nachlassende Insulinwirkung, auch Insulinresistenz genannt: Fehlernährung, Bewegungsmangel und Übergewicht – alles Faktoren, die zum sogenannten metabolischen Syndrom führen. Dabei treten gemeinsam mehrerer Krankheitsbilder auf:
• Übergewicht insbesondere im Bauchraum,
• erhöhte Nüchternblutzucker- und Blutfettwerte sowie
• Bluthochdruck.

Wann habe ich einen Diabetes? Und wie wird Diabetes diagnostiziert?

Zunächst entwickeln Menschen einen Prädiabetes, eine gestörte Glukosetoleranz, die Vorstufe von Diabetes. Bei Betroffenen ist der sogenannte Nüchternblutzuckerwert erhöht – wenn sie nichts gegessen haben. Prädiabetiker haben ein relativ hohes Risiko innerhalb kurzer Zeit tatsächlich zum Diabetiker zu werden – innerhalb eines Jahres sind das bis zu 30 Prozent. Fachgesellschaften definieren dafür Grenzwerte zwischen 110 und 125 Milligramm pro Deziliter (5,6 und 6,9 mmol/l). Bei Werten darüber, also ab 126 Milligramm pro Deziliter (7 mmol/l), spricht man bereits vom Diabetes.
Eine weitere Diagnosemöglichkeit ist der Zuckerbelastungstest. Dafür trinkt der Patient eine stark zuckerhaltige Lösung. Innerhalb von zwei Stunden wird bei ihm dreimal der Blutzucker gemessen. Bei Werten bis 140 Milligramm pro Deziliter ist der Blutzucker normal, zwischen 140 und 199 Milligramm pro Deziliter spricht man von einer gestörten Glukosetoleranz, ein Prädiabetes. Werte ab 200 Milligramm pro Deziliter gelten als krankhaft, dann liegt bereits ein Diabetes vor.

Was passiert, wenn der Diabetes nicht behandelt wird?

Diabetiker, die ihren erhöhten Blutzucker zehn oder zwanzig Jahre nicht bemerken und nicht behandeln, müssen auf Dauer mit gesundheitlichen Problemen rechnen. Der Grund: Die Zuckermoleküle lagern sich überall im Körper ab – vorzugsweise in feinsten Gefäßen, den Kapillaren. Die Gefäße verengen dadurch. Nerven, die von den feinen Blutgefäßen versorgt werden, erhalten nicht mehr ausreichend Sauerstoff und Nährstoffe. Nervenimpulse werden nicht mehr richtig weitergeleitet. Alles zusammen führt zu zahlreichen Folgeerscheinungen wie Empfindungsstörungen an den Füßen, nachlassende Sehkraft oder Nieren, die nur noch eingeschränkt arbeiten. Allerdings dauert es viele Jahre, bis es soweit ist. Diabetes ist kein Schicksal: Nahezu jeder Betroffene mit Typ-2-Diabetes hat selbst die Möglichkeit, seine Zuckerwerte zu beeinflussen – durch Änderungen seines Lebensstils und eine konsequente Medikation.

Was ist ein diabetischer Fuß?

Durch den dauerhaft erhöhten Blutzucker sind Nerven weniger empfindlich; Diabetiker nehmen dadurch Verletzungen oder Druckstellen an Füßen und Unterschenkeln schlechter wahr. An den offenen Hautstellen können Keime leichter eindringen und sich ungehindert ausbreiten. Infolge einer begleitenden Arterienverkalkung sind die Beine schlechter durchblutet, Wunden heilen nur schwer ab. Die Folge: das sogenannte offene Bein. 15 bis 25 Prozent der Diabetes-Patienten entwickeln im Laufe ihres Lebens ein diabetisches Geschwür, genannt Ulkus. Viele dieser Geschwüre heilen nicht ab, so dass Teile des Fußes oder sogar der ganze Fuß amputiert werden müssen. Pro Jahr sind rund 50.000 Diabetiker betroffen. Die Hälfte der Amputationen gilt als vermeidbar.

Welche Medikamente kommen bei Diabetes zum Einsatz?

Insulinspritzen und blutzuckersenkende Tabletten reduzieren den Zuckerspiegel, allerdings ohne dabei der Ursache entgegenzuwirken: Übergewicht, mangelnde Bewegung und die damit einhergehende nachlassende Insulinempfindlichkeit des Gewebes.

Metformin: Der Dauerbrenner Metformin hat bei übergewichtigen Diabetikern Vorteile: Er verzögert die Aufnahme von Kohlenhydraten im Darm. Zweitens bremst das Medikament die Zuckernachschub in der Leber, sodass weniger frischer, vom Körper selbst hergestellter Zucker zur Verfügung steht. Drittens sprechen die Zellen damit besser auf das Insulin an, insbesondere in Leber und Muskeln, sodass sie wieder besser Zucker aufnehmen und verstoffwechseln.
 
GLP-1-Rezeptoragonisten: Sie imitieren die Wirkung des Darm-Hormons Glucagon-like Peptide 1, kurz GLP-1. Genau wie die Bauchspeicheldrüse steuert das Hormon aus dem Darm den Blutzucker, indem es die Freisetzung von Insulin ankurbelt. Zusätzlich verhindert GLP-1, dass die Leber neuen Zucker bildet. Zudem senkt es Blutdruck und Cholesterin, verlangsamt die Magenentleerung und reduziert den Appetit.

SGLT2-Hemmer: Eine weitere Gruppe von Wirkstoffen, die erhöhte Zuckerwerte und das Gewicht senken kann, sind die Sodium-Glucose-Transporter-2, kurz SGLT2-Hemmer (Natrium-Glukose-Kotransporter 2). Sie sorgen an den Nieren dafür, dass vermehrt Zucker über den Urin ausgeschieden wird. Normalerweise verhindert ein ausgeklügelter Mechanismus in den Nieren, dass dem Körper Zucker als wichtiger Energielieferant verloren geht. Den setzen die Mittel außer Kraft.

Insulin: Das Hormon ist so umstritten wie wirksam: Einerseits senkt es extrem effektiv den Blutzucker. Es sorgt aber auch dafür, dass der Blutzucker schnell sinkt und wir Heißhunger verspüren, noch mehr essen, weiter zunehmen und noch mehr Insulin brauchen. Außerdem blockiert es den Fettabbau. Auf Dauer bilden Insulin, Diabetes und Gewicht eine unheilvolle Einheit. Für die Patienten, die wegen ihres Übergewichts einen Diabetes entwickelt haben, bewirkt eine Insulintherapie also genau das Gegenteil von dem, was gewünscht ist.

Was kann ich selbst gegen meinen Diabetes tun?

Das wichtigste: Den Lebensstil verändern, sprich gesünder essen, Gewicht reduzieren, sich mehr bewegen. Menschen, die in Studien zwischen zehn und 15 Kilogramm Gewicht verlieren, schaffen es, in 50 bis 80 Prozent der Fälle den Diabetes wieder umzukehren. Ihre Zuckerwerte normalisieren sich, sie können ihre Medikamente absetzen oder zumindest die Dosis reduzieren und die Insulinresistenz umkehren, so dass das körpereigenen Insulin wieder effektiv wirkt. Das gelingt in der Regel durch Bewegung und eine bewusste Ernährung, die Ballststoff- und eiweißreich, aber kohlenhydratarm ist. Als Initialzündung für eine Ernährungsumstellung hilft es, für einige wenige Wochen ganz auf herkömmliche Nahrung zu verzichten und sich mit einer kalorienreduzierten Formula-Diät zu ernähren. Andere Experten empfehlen als Booster, für zwei Wochen komplett auf Nahrung zu verzichten und zu fasten. Beides – fasten und Formuladiät – sollten nur unter ärztlicher Aufsicht angewendet werden, um die Medikamente rechtzeitig zu reduzieren und Unterzuckerungen zu verhindern.

Was, wenn ich es alleine nicht schaffe abzunehmen?

Wem es trotz Lebensstiländerung nicht gelingt, das Gewicht zu reduzieren und seinen Diabetes Typ 2 zu behandeln, dem kann eine Magen-OP helfen: Mit einem Magenbypass gelingt es in den meisten Fällen, die Blutzuckerwerte deutlich zu senken. Viele Patienten müssen nach der Operation kein Insulin mehr spritzen. Das Risiko für gefährliche Diabetes-Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Augen-, Gefäß- und Nierenleiden sinkt. Die Gewichtsreduktion beim Magenbypass wird durch zwei Mechanismen erreicht. Zum einen ist das Volumen des Magens deutlich kleiner, so dass er weniger Nahrung aufnehmen kann und man schneller satt ist. Zum anderen wird der Verdauungsprozess verändert: Die Verdauungssäfte kommen nicht, wie normalerweise, kurz hinter dem Magen zum Verdauungsbrei, sondern treten nun erst im weiteren Verlauf des Dünndarms ein. Dies bedeutet, dass der Organismus weniger Zeit und Strecke hat, um die Nahrung zu verdauen und aufzunehmen. Der Eingriff sollte allerdings wohlüberlegt sein, da er zur dauerhaften Veränderung des Körpers führt und teilweise mit Nebenwirkungen und Komplikationen verbunden ist.

Infotext: Constanze Löffler