Frau wägt Obst gegen Fastfood ab (Quelle: Colourbox)
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Interview l Abnehmen ist Kopfsache - "Das Gehirn nimmt sich, was es braucht"

Für den Hirnforscher Achim Peters von der Universität Lübeck haben Dicke einen Vorteil: Sie sind vor Stress besser geschützt. Im Interview erklärt der Neuroendokrinologe seine Theorie vom egoistischen Gehirn und warum dicke Menschen nicht unbedingt kranker sind als schlanke.

rbb Praxis: Prof. Peters, Sie sind Adipositas- und Diabetesforscher – womit beschäftigen Sie sich genau?

Ich interessiere mich vor allem für den Energiestoffwechsel im Gehirn. Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass etwa zwei Drittel des Blutzuckers ins Gehirn gehen und nur ein Drittel dem Körper zur Verfügung steht. Wenn man aufgeregt und gestresst ist, steigt der Anteil fürs Gehirn sogar auf bis zu 90 Prozent. Ich wollte verstehen, wie dieses nur ein Kilo schwere Organ seine hohe Energieaufnahme steuert.

Und wie funktioniert das genau? Haben Sie es rausgefunden?

Es gibt zwei Verbindungen: Zum einen kümmert sich die 'gestresste' Nervenzelle selbst, indem sie ihrer sogenannten Versorgerzelle entsprechende Signale gibt. Die zweigt den Zucker und damit die Energie aus dem Blut ab.

Aber auch das Gehirn als Ganzes meldet erhöhten Bedarf an, wenn man Ärger mit dem Chef hat oder eine Präsentation halten muss. Dadurch hört die Bauchspeicheldrüse auf Insulin auszuschütten. Das Hormon sorgt normalerweise dafür, dass sich die Zellen öffnen und dort Zucker und Fette gespeichert werden. Doch in Stresssituationen schwimmt der Zucker weiter im Blut, so dass ihn das Gehirn aufnehmen kann. Das Hirn drängelt sich quasi vor. Wir nennen diesen Mechanismus "Selfish-Brain" oder "egoistisches Gehirn".

Können Sie diesen Egoismus an einem Beispiel deutlich machen?

Wenn Menschen in Notsituationen verhungern, verlieren alle Organe rund 40 Prozent ihres Gewichts: Herz, Leber, Niere, selbst der Hoden des Mannes. Nur das Gehirn nimmt maximal ein Prozent ab. Es holt sich also bis zur letzten Minute das, was es braucht, und organisiert die Energieversorgung des Körpers so, dass seine Bedürfnisse gedeckt werden.

Sie sagen, Menschen sind dick, weil sie gestresst sind. Oder besser: Damit der Stress sie nicht fertig macht, müssen sie essen.Wie meinen Sie das genau?

Wir unterscheiden drei Reaktionen auf gravierenden Stress - wie z.B. Scheidung oder Kündigung. Da sind zum einen die Menschen, die Stress meistern. Die können wir hier außen vor lassen.

Von den verbleibenden Leuten regen sich 50 Prozent auf, sprich: sie schütten Stresshormone aus, wenn sie das erste Mal Ärger mit dem Chef haben. Beim zweiten Mal haben sie sich schon an die Nervensäge gewöhnt. Tatsächlich sprechen wir in der Forschung auch von Habituation oder Gewöhnung. Diesen Menschen kann der Stress gesundheitlich nichts anhaben, weil die Stresshormone schnell versiegen. Aber wie immer im Leben – nichts ist umsonst.

Wie meinen Sie das?

Weil diese Menschen weniger Stresshormone ausschütten, wird bei ihnen das Insulin nicht gedrosselt. Also speichert der Körper mit Hilfe des Bauchspeicheldrüsenhormons vermehrt Kohlenhydrate und Fette in den Zellen. Den Energiestau im Fettgewebe nennen wir Übergewicht. Wenn sich die Energie im Blut in Form von Zucker staut, hat man einen Typ 2-Diabetes.

Aber nicht alle gestressten Menschen sind auch dick.

Die andere Hälfte der Menschen gewöhnt sich einfach nicht an den Stress. Bei ihnen steigen Adrenalin und Kortisol bei jeder nervigen Situation erneut an. Sie laufen ständig auf Hochtouren. Ihr Gehirn verbraucht immense Mengen an Energie und Zucker, um dem Stress standzuhalten.

Bei wem jahrelang erhöhte Mengen von Kortisol im Blut zirkulieren, der erleidet sogenannten toxischen Stress. Die Folge sind Herzinfarkte, Schlaganfälle und Depressionen; diese Menschen versterben früher. Infolge des Stresses nimmt diese Gruppe übrigens eher ab als zu.

Die gängige Theorie lautet ja, dass fettleibige Menschen einfach zu viel essen und sich zu wenig bewegen – also in Summe zu viele Kalorien zu sich nehmen. Wie argumentieren Sie dagegen?

Die konventionelle Ernährungsmedizin geht davon aus, dass zu viel Essen dick macht. Unsere Forschungsergebnisse zeigen aber, dass wir bedarfsgerecht essen, also genau so viel zu uns nehmen, wie das Gehirn braucht. Wenn es weiterhin Energie braucht, essen wir eben weiter – auch wenn der Körper schon gesättigt ist.

Es gibt eine klare Priorität: Erst kommt das Gehirn, dann der Körper. Habituierte oder stressgewöhnte Menschen müssen relativ viel essen. Bei ihnen lässt der Mangel an Stresshormonen das Insulin nach oben schnellen. Alles was sie essen, schaufelt das Hormon direkt in die Körperzellen. Sie müssen also viel zu sich nehmen, damit genug Energie vorhanden ist, um das Gehirn zu sättigen.

Und die genetische Komponente? Viele gehen davon aus, dass die Tendenz zum Übergewicht vererbt wird. Wie passt das zu Ihrer Theorie vom egoistischen Gehirn?

Es ist genetisch festgelegt, ob man sich an Stress gewöhnt oder nicht. Die Gewöhnung ist ein komplexer Lernprozess im Frontalhirn. Eine wichtige Rolle spielen dabei Cannaboid- und Kortisolrezeptoren. Sind sie empfindlich, dann adaptiert man besser an Stress – und nimmt zu. Unempfindliche Rezeptoren führen dazu, dass man sich nicht daran gewöhnt. Das erklärt den großen Einfluss der Genetik auf das Gewicht.

Schenkt man Ihrer Theorie glauben, purzeln die Pfunde, wenn die Leute relaxen. Gibt es dafür Nachweise?

Das habe ich auch eine Weile gehofft. Leider ist es nicht so einfach. Große Studien haben gezeigt, dass die Leute trotz Achtsamkeitstraining und Mediation nicht abgenommen haben. Die Gewöhnung ist ein komplexer Lernprozess, bei dem Gedächtnis gebildet wurde. Die bisherigen Daten sprechen dagegen, dass dieser Lernprozess umkehrbar ist.

Man ist also machtlos gegen das Übergewicht?

Aus aktueller Sicht ja. Das Einzige, was in einer Studie half, war ein 12-wöchiges Yoga-Training. Außerdem gibt es gesellschaftliche Maßnahmen, die positiv wirken. In den USA beispielsweise durften Frauen, die in Armut lebten, in ein besseres Wohnviertel umziehen. Nach 15 Jahren waren sie deutlich seltener krankhaft übergewichtig als jene, die im Armutsviertel geblieben waren.

Eine wichtige Frage ist aber auch: Muss man zwingend abnehmen?

Zumindest nicht, um gesund zu sein. Das hat die große LOOK-AHEAD-Studie von 2013 gezeigt. Eine Gruppe hatte für die Studie mit Hilfe von Diät und Sport abgenommen. Nach einem Jahrzehnt war klar, dass die ganz Quälerei eigentlich nichts bringt: Sie lebten keinen Tag länger als die Leute, die ihr Leben unverändert fortgeführt hatten. Man kann abnehmen, aus sozialen oder ästhetischen Gründen – aber es hat keine Effekte auf die Lebensdauer.

Dank vieler Studien wissen wir heute, dass Dicksein nicht in jedem Fall mit Kranksein einhergeht. Früher hat man nur den Body-Mass-Index (BMI) gemessen. Je höher der war, desto höher war auch die Sterblichkeit. Ein statistischer Fehler, wie sich herausgestellt hat. Heute weiß man, dass ein hoher BMI nicht zwangsläufig krank macht – im Gegenteil, mäßig dicke Menschen sind gesünder als schlanke.

Wenn es nicht der BMI ist, was beeinflusst dann die Gesundheit?

Neue Studien berücksichtigen das Bauchfett, also das innere Fett. Wenn der Bauchumfang wächst, steigt das Gesundheitsrisiko linear an. Warum? Unter dem Dauereinfluss des Stresshormons Kortisol teilen sich die Bauchfettzellen. Der Bauch zeigt also an, wie viel Stress ein Mensch in den letzten 20 bis 40 Jahren gehabt hat.

Die dünnen Menschen mit Bauch sterben als erstes. Die dicken mit Taille haben eine super Lebenserwartung. Ein hoher BMI ist ein Schutzfaktor, der Bauchumfang ein Risikofaktor für die Gesundheit.

Welchen Fragen gehen Sie aktuell nach?

Im Moment widme ich mich mit zwei bekannten Hirnforschern aus den USA und aus Groß Britannien der Frage, wie Unsicherheit sich auf den Körper auswirkt, wer davon dünn oder dick wird. Unsicherheit ist die eigentliche Ursache von Stress. Wir suchen nach Faktoren, die zu Unsicherheit führen. Kann man sie selbst vermeiden – und damit das Übergewicht? Oder sind es eher gesellschaftliche Faktoren wie soziale Ungleichheit, bei denen die Politik handeln muss? Das wird uns noch die nächsten Jahre beschäftigen.  

Herr Prof. Peters, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Constanze Löffler

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