Vollkornbrot neben einer Schale mit Haferflocken (Quelle: imago/McPHOTO/Kerpa)
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Interview l Optimal Fiber Trial (OptiFiT)-Studie - Können unlösliche Ballaststoffe helfen Diabetes zu vermeiden?

Diabetes mellitus gilt als Volkskrankheit moderner Gesellschaften. Etwa 95 Prozent leiden unter Diabetes Typ 2, also einer nicht angeborenen Form. Gesunde Ernährung gilt als ein Schlüssel, um selbst bei Vorstufen Diabetes noch zu verhindern und große Studien haben in diesem Zusammenhang immer wieder den Faktor Ballaststoffe ins Spiel gebracht. Doch was können Ballaststoffe wirklich? 

Mit der sogenannten Optimal Fiber Trial (OptiFiT)-Studie gingen Forscher des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (DIfE) in Potsdam-Rehbrücke der Frage nach. Sie präsentieren ihre Ergebnisse anlässlich der 4. Deutschen Hormonwoche, die gerade deutschlandweit und noch bis zum 21. September läuft. Wir haben mit dem Studienarzt Dr. Stefan Kabisch gesprochen.

Dr. Stefan Kabisch, was an den unlöslichen Ballaststoffen hat speziell Ihr Interesse geweckt?

Wir wissen seit langem, dass unlösliche Ballaststoffe sehr wahrscheinlich gut für die Gesundheit sind - nicht nur für das Risiko an Typ2-Diabetes zu erkranken sondern es gibt auch Hinweise, dass sie krebspräventiv sind und vor bestimmten entzündlichen Erkrankungen schützen. All diese Daten kommen aber aus großen Beobachtungsstudien, die nicht wirklich einen kausalen Zusammenhang herstellen können, weil Menschen, die sehr viele unlösliche Ballaststoffe essen, sich von Vollkornprodukten ernähren - das sind häufig auch Menschen, die sich mehr bewegen, weniger Alkohol trinken, weniger rauchen - sie leben insgesamt gesünder. Deshalb ist es knifflig herauszufinden, ob diese Beziehung tatsächlich mit den Ballaststoffen zusammenhängt oder einem anderen Faktor.

Um das wirklich Rauskitzeln zu können braucht es randomisiert kontrollierte Studien, die gezielt die unlöslichen Ballaststoffe testen und sich die Frage stellen: Kann man damit was am Diabetesrisiko ändern? Das war das Ziel der OptiFIT-Studie.

Wie sind Sie vorgegangen?

Für die OptiFIT-Studie haben wir Patienten mit Prädiabetes rekrutiert - das ist eine Art Vorstufe des Diabetes und diese Patienten haben etwa ein Risiko von 10 - 20 Prozent im nächsten Jahr selber Diabetiker zu werden. 180 von diesen Patienten haben wir in zwei Jahren untersucht. Alle Patienten erhielten ein Jahr lang ein Prädias-Coaching [Anm. d. Red.: Patientencoaching zu Ernährung und Lebensstil für Risikopatienten, dessen Wirkung wissenschaftlich belegt ist] und über einen Zeitraum von zwei Jahren sollten die Patienten täglich zweimal entweder unlösliche Ballaststoffe oder einen Placebo-Ersatzstoff einnehmen. 

Die Patienten und die Untersucher wussten nicht, wer was bekommt, auf diese Weise ist das rein methodisch eine sehr hochwertige Studie, die sehr genau sagen kann, ob die unlöslichen Ballaststoffe wirklich so eine Wirkung haben oder nicht. Wir haben Blutzuckerbelastungstests mit diesen Patienten gemacht und eine Reihe anderer Werte bestimmt, um abmessen zu können, ob sich da wirklich eine Verbesserung des Stoffwechsels abzeichnet.

Diabetes in Zahlen

Laut Deutschem Gesundheitsbericht Diabetes 2018 sind rund 6,7 Millionen Menschen hierzulande an Diabetes mellitus erkrankt. Etwa 95 Prozent leiden unter Diabetes Typ 2, also einer nicht angeborenen Form. Experten gehen außerdem davon aus, dass etwa 2 Millionen Menschen in Deutschland schon unter Diabetes leiden ohne es zu wissen. Die auch als "Zuckerkrankheit" bekannte Stoffwechselstörung schränkt nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen ein, sondern erhöht auch das Risiko für viele andere Krankheiten - von der Neuropathie, über Gefäßerkrankungen bis zu Herzinfarkt und Schlaganfall.

Was waren das genau für unlösliche Ballaststoffe, wie sah das für die Patienten genau aus?

Es handelte sich um ein Trinkpulver, das vor allem auf Hafer beruht [Anm. d. Redaktion: Das Pulver wurde für die Studie speziell hergestellt]. Die Patienten sollten das mit Wasser täglich zwei Mal anrühren und zu oder vor den Mahlzeiten trinken und das über zwei Jahre - da ist es auch wichtig, das so ein Stoff schon schmeckt. Da muss man im Vorfeld schon ganz schön dran feilen, damit das auszuhalten ist. Wir haben uns gezielt dagegen entschieden ein ballaststoffreiches Lebensmittel zu wählen, weil auch da nicht gut festzustellen ist, ob die Wirkung nun von den Ballaststoffen kommt oder es ein anderer Bestandteil, der mit den Ballaststoffen vergesellschaftet ist, Eiweiße, Minerale oder Vitamine zum Beispiel.

Und was können die Ballaststoffe? Was konnten Sie nachweisen - und was nicht?

Wir konnten nachweisen, dass sich über den Zeitraum von einem Jahr der Langzeitblutzuckerwert, der HbA1c, in der Placebogruppe verschlechtert hat und in der Gruppe mit den Ballaststoffen ist das nicht passiert. Und der Unterschied war tatsächlich signifikant, wie wir sagen. Wir haben außerdem die Blutzucker-Belastungstests ausgewertet: Da haben wir keinen signifikanten Unterschied gesehen, aber doch die Tendenz dazu, dass der Drink mit den Ballaststoffen wirksamer war. Wenn man isoliert nur die Frauen betrachtet war das sogar auch wieder statistisch signifikant.

Und die Frage war auch: Nimmt denn die Zahl der Probanden in den Gruppen ab, die am Ende Diabetiker werden? Auch da sieht man zwar rein von Zahlen her einen Unterschied, aber das ist statistisch verfehlt worden, also nicht signifikant. Insofern sieht der Effekt erst einmal klein aus, man kann ihn nicht hart bewerten und sagen: Da ist eindeutig ein großer  Nutzen drin, aber da braucht es Folgestudien. Die müssen größer sein, vielleicht nochmal anders designed sein. Aber es ist auf jeden Fall der erste Ansatzpunkt die Sache weiter zu verfolgen.

Es gab ja in Ihrer Studie sozusagen neben dem Ballaststoff- oder Placebodrink auch eine Prädias-Lebensstilberatung für alle Probanden. Welche Effekte haben Sie dadurch gesehen und wie haben Sie diese von denen des Drinks unterschieden?

Alle Patienten in beiden Gruppen haben dieses Prädias-Programm absolviert - dadurch kann man das sozusagen von allen Patienten ausrechnen und deshalb weiß man auch: Welcher Effekt kommt jetzt tatsächlich von den Ballaststoffen und welcher ist letztlich allein auf diese Beratung zurückzuführen. Wir haben gesehen, dass tatsächlich ganz viele der Patienten Gewicht verloren haben, viele haben ihre Ernährung qualitativ umgestellt, sich weniger von gesättigten Fetten ernährt, Alkohol reduziert, Zucker reduziert. 

Was sie größtenteils nicht getan haben war mehr Vollkornprodukte zu essen, obwohl auch das Bestandteil dieser Beratung war. Wir sehen also: Trotz der Beratung nimmt das Vollkornessen nicht zu und am besten kriegt man Ballaststoffe an die Menschen ran, wenn man es zusätzlich zuführt, eben als Supplement oder - was auch eine Möglichkeit wäre - das man Lebensmittel gezielt damit anreichert. Das passiert zur Zeit in Deutschland nicht und ich denke es ist auch zu früh zu sagen, dass jeder sowas einnehmen sollte. Da braucht es mehr Studien, damit wir wissen: Welcher Ballaststoff in welcher Dosis wäre richtig und für wen braucht es das überhaupt.

Wenn Leser sich aber nun gern ballaststoffreicher ernähren wollen, unabhängig von einem Produkt, wie in ihrer Studie verwendet, was eignet sich da am besten? Das gute alte Vollkornbrötchen?

Idealerweise greift man tatsächlich zu Vollkornprodukten, weil man da nicht nur die Wirkung der Ballaststoffe drin hat, sondern man hat zusätzlich eine bessere Versorgung mit Mineralien, man hat einen höheren Eiweißanteil da drin, man hat ein bisschen mehr Vitamine im Vollkornprodukt, als in Weißmehlprodukten. Auf Ergänzungsmittel sollte man sich nicht festlegen - die haben ohnehin den Nachteil, dass man dann andere Möglichkeiten der gesunden Ernährung eher vernachlässigt, weil man meint: An der Stelle kann ich sündigen, das andere kann ich mit dem Supplement wieder gut machen. Das sollte nicht der Ansatz sein.

Und ohnehin haben wir, auch in unserer Studie, gesehen, dass Vollkornprodukte gut verträglich sind: Vollkornprodukte haben ein sehr großes Nutzenpotential. Wie groß es ist, muss die Forschung weiter klären.

In welchem Zusammenhang würden Sie persönlich gerne noch mehr mit Ballaststoffen forschen?

Es ist ja noch relativ unklar, warum Ballaststoffe überhaupt wirken. Bisher haben wir nur festgestellt: Die scheinen einen Effekt zu haben und auch in dieser Studie sehen wir - da ist ein Nutzen. Aber wir können nicht wirklich gut erklären, womit der zusammenhängt. Es kann letztlich sein, dass diese Ballaststoffe bestimmte Hormone im Darm anregen, es kann sein, dass sie eine spezielle Wirkung auf die Darmflora haben - die bisherigen Studien dazu waren nicht aussagekräftig, da könnte man weiter forschen. 

Und es kann auch durchaus sein, dass Ballaststoffe nur in Kombination mit bestimmten anderen Nährstoffen ihre Wirkung entfalten - mit Kohlenhydraten oder Eiweißen. Das braucht eigenständige Studien. Es gibt aus einer Vorläuferstudie, die auch bei uns am Institut gelaufen ist, Hinweise, dass die Kombination mit Protein einen ausschlaggebenden Punkt macht. Eiweiße werden im Darm in Aminosäuren umgewandelt, davon gibt es 20 verschiedene und eine kleine Subgruppe davon begünstigt eher Diabetes. Es spricht einiges dafür, dass die Ballaststoffe an dieser Stelle irgendwie ansetzen - das müsste man in Folgestudien weiter replizieren und untersuchen, aber es ist ein interessanter Ansatzpunkt. 

Dr. Kabisch, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Lucia Hennerici 

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