Kleinkind wird von Zahnärztin untersucht (Bild: imago images/Panthermedia)
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Kein Schutz vom Zahnschmelz - Zähne, die wie Kreide bröckeln

Die Fachgesellschaften schlagen seit einigen Jahren Alarm: Kinder leiden statt an Karies vermehrt an Kreidezähnen. Mit der richtigen Behandlung lässt sich der fortschreitenden Anomalie aber Einhalt gebieten

Verena Antes* ist erschrocken: Sohn Jasper hat heute einen gelben Zettel von Schulzahnarzt mitgebracht. Dingender Verdacht auf Kreidezähne, heißt es da. Sie solle mit dem Erstklässler baldmöglichst einen Zahnarzt aufsuchen. "Dabei habe ich doch gut darauf geachtet, dass Jasper seine Zähne gründlich putzt", sorgt sich die 36-Jährige. Sicher, die gelblichen Verfärbungen hatte sie bemerkt – aber dass die Zähne ihres Sprösslings in Gefahr sind, war ihr nicht klar gewesen.

Keine Frage der Hygiene

Kreidezähne haben nichts mit mangelnder oder unzureichender Mundhygiene zu tun, beruhigt Sebastian Paris, wissenschaftlicher Direktor der Abteilung für Zahnerhaltung und Präventivzahnmedizin an der Charité Berlin: "Sie sind vielmehr eine Entwicklungsstörung, die ihren Ursprung in den ersten Lebensjahren hat."

Häufiger als Karies

Etwa jedes siebte Kind hierzulande leidet Studien zufolge an Kreidezähnen. Europaweit sind es zwischen 3 und 22 Prozent. Die betroffenen Zähne haben weißlich-gelbliche Flecken, sind weich und porös und bröckeln sprichwörtlich wie Kreide. Experten bezeichnen die Anomalie mit dem komplizierten Begriff der Molaren-Inzisiven-Hypomineralisation, kurz MIH.
 
Mit anderen Worten: Schneide- und Backenzähne lagern nicht genügend Mineralien ein. Vor allem ältere Kinder würden mittlerweile häufiger darunter leiden als unter Karies, schlägt die Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde (DGKiZ) Alarm.
Die genaue Ursache für die bröckelnden Zähne ist bislang nicht final geklärt. Experten gehen von einem multifaktoriellen Geschehen aus, bei dem mehrere Ursachen zusammenkommen müssen. Mit der richtigen Behandlung, so Experte Paris, lassen sich die vorgeschädigten Beißer stabilisieren – und Füllungen und Kronen verhindern. Dafür sollten Eltern und Zahnärzte eng zusammenarbeiten.

Mögliche Ursachen von Kreidezähnen

Experten diskutieren ein multifaktorielles Geschehen, doch die präzisen Ursachen der Kreidezähne sind bislang ungeklärt. In Frage kommen:
- erbliche Veranlagung
- Infektionserkrankungen, zum Beispiel Windpocken
- Antibiotika
- (in der Muttermilch) enthaltenen Dioxine
- Weichmacher in Kunststoffen
- Erkrankungen der oberen Luftwege
- Schwangerschaftskomplikationen
- Hohes Fieber im Kindsalter
- Vitamin D-Mangel

Zu wenig Kalzium und Phosphat

Kreidezähne betreffen überwiegend die bleibenden Zähne, die zwischen Schuleintritt und dem Beginn der Pubertät durchtreten. Das eigentliche Problem beginnt aber viel früher: Im Kiefer versteckt entwickeln sich die bleibenden Zähne etwa ab Geburt bis zum vierten Lebensjahr. In dieser Phase lagern die Zähne Kalzium und Phosphat ein, die den Zahnschmelz aushärten.
 
Normalerweise sorgen die Kristalle dafür, dass Zahnschmelz die härteste Substanz im Körper ist. Nicht so bei Kreidezähnen: Aus noch ungeklärter Ursache nehmen die betroffenen Zähne weniger Mineralien auf. Das macht sie porös und instabil. Auf der aufgerauten Oberfläche setzen sich leichter Bakterien fest, so dass betroffene Kinder häufiger Karies haben.
 
Vor allem aber sind die Zähne sehr empfindlich. "Weil die Zähne so porös sind, führen Säure, Süße oder Kälte dazu, dass der Zahnnerv die ganze Zeit leicht entzündet ist", sagt Zahnmediziner Sebastian Paris. Und das bereitet den Kindern Schmerzen.

Ursache der Kreidezähne ungeklärt

Studien unterstützen die Hypothese, dass MIH mit unseren heutigen Lebensbedingungen zusammenhängen könnte. "Bis heute kennen wir die genauen Ursachen von Kreidezähnen jedoch nicht", sagt Zahnarzt Paris. Neben Erkrankungen der Mutter während der Schwangerschaft diskutieren Experten auch Infekte der Kinder. "Es wird beispielsweise ein Zusammenhang mit fieberhaften Infekten in der frühen Kindheit vermutet", so Paris.
 
Umwelteinflüsse wie Dioxine - giftige Verbindungen, wie wir Menschen hauptsächlich über tierische Lebensmittel aufnehmen - stehen ebenso in der Diskussion wie Antibiotika oder Weichmacher in Plastik. Wirklich erwiesen ist bisher nichts. Die Crux: Solange man die genauen Ursachen nicht kennt, lassen sich Kreidezähne nicht verhindern. Der Schwerpunkt liegt bislang auf der Therapie.

Zähne stärken und putzen

Dabei geht es zum Einen darum, die Zähne zu schonen. Besonders süße und saure Speisen, heiße oder kalte Getränke sollten die Kinder meiden. "Die meisten betroffenen Kinder verzichten ganz automatisch auf bestimmte Lebensmittel", sagt Experte Paris. Des Weiteren sollten die Zähne gestärkt und so vor weiteren Schäden geschützt werden.
 
Zentrales Mittel in der Kariesprophylaxe: Fluorid. Das Spurenelement fördert die Mineralisation und beugt weiteren Zahnschäden vor, stabilisiert den Zahnschmelz und kann so Karies verhindern. Dafür sollten betroffene Kinder ihre Zähne gründlich mit einer fluoridhaltigen Zahnpasta putzen. "Wegen der Überempfindlichkeit der Zähne tut oft auch das Putzen weh und die Kinder vermeiden die Zahnpflege der betroffenen Zähne", betont Paris. "Eltern sollten daher darauf achten, dass die Zahnpasta wirklich an die betroffenen Stellen gelangt."

Zusätzlich kann der Zahnarzt regelmäßig hochkonzentrierte Fluoridlacke und andere Substanzen auf die geschädigten Zähne aufbringen. Sie schützen die Zähne vor Karies und sorgen dafür, dass sie weniger empfindlich sind. Fissuren, feinste Spalte und Risse in den Zähnen, lassen sich versiegeln, so dass Kariesbakterien hier nicht eindringen können. Sind die Zähne sehr marode, muss der Zahnarzt den Zahn mit einer Füllung versehen, überkronen oder ganz entfernen.

Fluoridieren, aber richtig

Fluoridierung kann Karies effektiv verhindern sowie eine beginnende Karies zum Stillstand bringen.
Kinder ab 1. Zahn bis 2. Geburtstag: 2x tägliche Anwendung von Kinderzahnpasta (erbsengroß, Fluoridgehalt 500 ppm oder reiskorngroß Fluoridgehalt 1000 ppm)
Kinder 2. bis 6. Geburtstag: 2x tägliche Anwendung von Kinderzahnpasta (erbsengroß, Fluoridgehalt 1000 ppm)
Ab dem 6. Geburtstag: zwei Mal täglich Erwachsenenzahnpasta (1.500 ppm Fluorid)
Zusätzlich: fluoridiertes Speisesalz, sobald das Kind an den Familienmahlzeiten teilnimmt

MIH lässt mit dem Alter nach

Vollständig heilen lassen sich Kreidezähne nicht, da der Zahnschmelz strukturell geschädigt ist. Betroffene haben dennoch gute Chancen auf weitgehend gesunde Zähne: Indem sie die Anweisungen des Zahnarztes befolgen, zu Hause gut putzen und die Zähne regelmäßig mit Fluorid versorgen.
 
Die gute Nachricht: Mit dem Alter lassen die Beschwerden in der Regel nach. Weil sich die Zähne durch den Mineralgehalt des Speichels ein Stück weit selbst stabilisieren und härter werden. Und weil die sorgfältige Pflege zu Hause und beim Zahnarzt die weitere Zerstörung stoppt. "Erwachsene mit Kreidezähnen haben in der Regel keine Beschwerden mehr", sagt Zahnmediziner Paris. "Sie fallen uns eher durch Füllungen und Kronen an ungewöhnlichen Stellen auf, die normalerweise nicht unbedingt von Karies befallen sind." Manch einer wünsche eine kosmetische Behandlung wegen der Verfärbungen auf den Zähnen. Ihnen kann die Zahnmedizin mit modernen Methoden heute gut helfen.

Für Verena Antes sind diese Aussichten beruhigend. Bis es soweit ist, wird sie Sohn Jasper und sein fragiles Gebiss im Auge behalten: "Jetzt, wo ich weiß, dass das Putzen eine weitere Zerstörung der Zähne aufhalten kann, werde ich noch mehr darauf achten."

* Name von der Redaktion geändert
Ein Beitrag von Constanze Löffler

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