Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen (Quelle: imago/photothek)
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Alkohol bei Kindern und Jugendlichen - Kampf dem Komasaufen: Wissen ist Gesundheit

Alkohol ist hierzulande immer noch das beliebteste legale Rauschmittel. Laut Daten der Krankenkasse DAK 2016 tranken bundesweit rund 22.000 Kinder und Jugendliche so viel Alkohol, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten und gerade auf junge Gehirne wirkt sich Alkohol besonders schädlich aus. Die Wettbewerbs-Kampagne "bunt statt blau" macht Jugendliche deshalb selbst zu Botschaftern im Kampf gegen Alkohol.

Ein Glas Wein oder Bier zusammen trinken: Im WM-Sommer 2018 wird das wieder Standard sein. Doch schnell ist in der gemeinsamen Feierlaune das gesundheitlich unbedenkliche Maß überschritten. Nicht nur zu Fußballhochzeiten ist das besonders gefährlich für Kinder und Jugendliche, denn ihre Gehirne sind noch nicht ausgereift. Dieser Prozess endet erst im Alter von etwa 18-20 Jahren. Alkohol zerstört Gehirnzellen und hemmt ihr Wachstum - und im Gegensatz zum Erwachsenen kann das noch wachsende Hirn sich deutlich schlechter regenerieren - abgestorbene Hirnzellen sind sogar unersetzlich.

Eine gute Nachricht ist in diesem Zusammenhang, dass tendenziell der Alkoholkonsum bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland von 2012 bis 2016 zurück ging und das betrifft auch das sogenannte Komasaufen: Während 2012 noch über 26.000 Jugendliche deshalb ins Krankenhaus eingeliefert werden mussten, waren es 2016 gut 22.000, so Zahlen des statistischen Bundesamtes und der Krankenkasse DAK. In Berlin tranken sich demnach 2016 etwa 300 Kinder und Jugendliche in einen Rausch, der im Krankenhaus endete - dabei ist Berlin unter den Bundesländern noch weit vorn, was den Rückgang von Alkoholkonsum angeht. Experten sehen in dem tendenziell leichten Rückgang eine Chance, aber auf keinen Fall eine Entwarnung.

Wissen um die Gefahr: Gleichaltrige vermitteln am besten

Wie also kann man Kinder und Jugendliche weiter sensibilisieren? Was erreicht sie am besten? Mitmachen - davon ist auf jeden Fall die Krankenkasse DAK überzeugt und ruft jedes Jahr den Wettbewerb "bunt statt blau" aus. Kinder und Jugendliche entwerfen dafür Plakate (die sich auch als Social Media Posts eignen) um Gleichaltrige auf das Thema Alkohol und besonders Komatrinken & Binge-Drinking aufmerksam zu machen. Die Macher sind überzeugt: Gleichaltrige sind die besten Botschafter in der Sache. Das unterstützende Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung in Kiel (IFT-Nord) konnte diese Einschätzung mit wissenschaftlichen Umfragen bestätigen.

Schon 2014 gewann "bunt statt blau" einen PR-Preis, weil dahinter weder eine Agentur steckte, noch Anzeigen geschaltet wurden und die Kampagne trotzdem einen großen Teil von Schülerinnen und Schülern erreichte. 2018 waren über 95.000 Teilnehmer dabei.
 
Am 12. Juni wurden die Sieger von "bunt statt blau 2018" gekürt und auf Platz 1 steht diesmal die 17-jährige Berlinerin Nina Mitzschke. Ihr Motiv: Das durch blaue Flüssigkeit zweigeteilte Gesicht einer Frau. Die Quelle des blauen Stroms: ein realer Flachmann auf dem Plakat. 

Komatrinken in Berlin und Brandenburg

Bundesweit ist die Zahl der jugendlichen Rauschtrinker seit ein paar Jahren rückläufig - zum Glück. Doch im Detail sind die Zahlen trotzdem keinesfalls beruhigend und gerade zwischen Berlin und Brandenburg liegen beim Trend Welten zwischen den Zahlen: Während Berlin den größten Rückgang bei jugendlichen Komasäufern für 2016 verzeichnen konnte (6,3 Prozent), liegt Brandenburg auf den hinteren Rängen unter den Bundesländern und dort nimmt die Zahl der jungen Komatrinker sogar zu. So wurden 2016 in Brandenburg 503 Patienten zwischen 10 und 20 Jahren im Krankenhaus wegen Alkoholvergiftung behandelt - fast 100 mehr als noch im Jahr davor.

Besonders stark war dieser Anstieg bei der Altersgruppe der 15-20-Jährigen. Junge Männer liegen beim Komasaufen (weiterhin) deutlich vor jungen Frauen - der Anstieg bei männlichen Jugendlichen, die wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt wurden betrug sogar über 30 Prozent (Daten von 2016 im Vergleich zum Vorjahr).

Gelerntes Trinkverhalten?

Eine Langzeitstudie über neun Jahre bei Kindern und Jugendlichen in Sachsen Anhalt und Schleswig Holstein  konnte 2017 nachweisen, das insbesondere das Trinkverhalten der Eltern in Verbindung mit der Neigung zum Rauschtrinken der Kinder steht. Die Forscher befragten über 1.000 Jugendliche immer wieder - im Schnitt von ihrem 12. bis zum 21. Lebensjahr - und verglichen Faktoren wie Bildungsniveau, erste Erfahrung mit Alkohol oder eben auch das bei den Eltern wahrgenommene Trinkverhalten - und genau das hatte den größten Einfluss auf die eigene Wahrscheinlichkeit der Jugendlichen selbst zum Komasaufen zu neigen.

Zwei weitere, aber der Studie zufolge nur halb so wichtige Einflussfaktoren sind außerdem: "frühe Alkoholerfahrung" und "Besuch eines Gymnasiums". Demnach tendieren statistisch besonders die Gymnasiasten (44 Prozent) zum Rausch- und Komatrinken. Experten vermuten als Ursache auch den Einfluss von Stress und Leistungsdruck. Andere Zahlen legte dagegen die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2015 vor: demnach hatten Hauptschüler (11,3 Prozent) und Realschüler (10,8 Prozent) am häufigsten angegeben im Befragungsmonat mindestens einmal bis zum Rausch getrunken zu haben. Gymnasiasten lagen bei 8,6 Prozent, Gesamtschüler bei 3,5 Prozent.

Auf der Suche nach Ursachen: Werbung und Verfügbarkeit

Eltern, Forscher und Politiker stellen sich im Zusammenhang mit dem Alkoholkonsum Jugendlicher natürlich immer wieder die Frage: Warum? Doch das Zusammenwirken individueller Einflussfaktoren macht genau die Antwort auf diese Frage schwer. Familiensituation, der Freundeskreis, Stress usw. spielen in jedem Fall entscheidende Rollen, so Experten. Aber Studien deuten außerdem in eine andere Richtung: Werbung und Verfügbarkeit. Im europäischen Vergleich sind die Preise für Alkohol besonders niedrig und die "Affordability" also Erschwinglichkeit von Alkohol hat z.B. laut der RAND Europe Studie in den letzten zehn Jahren zugenommen - Jugendliche haben mehr Geld für Alkohol in der Tasche. Durch die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten in den letzten Jahren ist die Verfügbarkeit ebenfalls besser geworden und was viele Touristen an Deutschland und Berlin lieben - die Spätis, in denen man zu fast jeder Uhrzeit noch ein Bierchen bekommt - sehen Forscher als ein massives Problem, gerade im Kampf gegen Alkoholsucht.

In einer Studie zur Alkoholwerbung von 2015 konnte der Autor Matthis Morgenstern und seine Kollegen nachweisen, dass der Kontakt mit besagter Werbung bei Jugendlichen in direkter Verbindung zum Konsum steht: Unter jugendlichen Rauschtrinkern hatten auffällig viele intensiveren Kontakt mit Werbung für Alkohol gehabt, als in den Vergleichsgruppen. Doch es geht nicht nur um Werbung allein: Die Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) weist in ihrem Material zur Alkoholprävention darauf hin, dass die Produktmacher natürlich mit dem ganzen Design - Label, Kampagnen, Produktdesign, Platzierung in Märkten usw. - versuchen Kunden zu erreichen, auch junge Kunden.

Beitrag von Lucia Hennerici

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