Frau hört Musik via Kopfhörer (Bild: imago images/Westend61)
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Interview l Psychische Gesundheit - Mit Musik gegen den Corona-Blues

Die Italiener machen es uns vor: Mitte März begann eine landesweite Verabredung zum Singen auf dem Balkon. Sie singen "Abbracciame – umarme mich" oder "Volare", ein Lied das auch über die Grenzen Italiens hinaus bekannt ist. Musik kann in diesen schweren Zeiten helfen, die Krise besser zu bewältigen. Warum das so ist und wie auch bislang wenig musikalische Menschen die Kraft der Musik nutzen können? Antworten von Prof. Alexander Schmidt. Der Neurologe und ausgebildete Pianist leitet das Berliner Centrum für Musikermedizin der Charité.

Welche Wirkung kann Musik auf den Menschen haben?
 
Musik kann der Herzschlag des Menschen verändern. Je nachdem, ob sie schnelle oder langsame Musik hören, wird der Herzschlag beschleunigt oder verlangsamt. Musik kann den Blutdruck und die Atemfrequenz erhöhen oder senken. Auch die Muskelspannung kann durch das Hören von Musik verändert werden.

Auf psychischer Ebene kann Musik jegliche Form von Emotionen hervorrufen, von Freude, über Trauer; sie kann Ängste wecken, aber auch lindern. Man denke nur an den Effekt von Filmmusik in Krimis oder Horrorfilmen, beziehungsweise in Naturdokumentationen oder in Liebesfilmen.

Welche Musik sollte man derzeit hören, wenn man sich eher entspannen und beruhigen möchte?
 
Das ist natürlich eine sehr individuelle Entscheidung, die stark von persönlichen Vorlieben abhängt. Wichtig ist, dass man die Musik als angenehm empfindet und sie einen positiv emotional berührt. Das wird bei den meisten eher ruhige und harmonische Musik sein. Hilfreich ist auch, wenn einen die Musik an bestimmte Ereignisse im Leben erinnert, mit denen man angenehme Emotionen verbindet.

In welchen Bereichen der Medizin kann Musik heilende Wirkung haben?
 
Es gibt viele Studien, die zeigen, dass Musik schmerzlindernd wirken kann. Vor allem die Musik, die die Betroffenen emotional  berührt oder sie an schöne Ereignisse in ihrem Leben erinnert. Diesen Effekt macht man sich auch zunutze, wenn es um die Behandlung von Ängsten und depressiven Verstimmungen geht.
 
Dann wird Musik auch in der Behandlung von Demenzerkrankungen eingesetzt. Musik wirkt bei diesen Menschen oft wie ein Tor zu ihren Emotionen. Zudem können sie sich häufig noch gut an Musik erinnern, zum Beispiel an Lieder oder Musikstücke aus ihrer Kindheit oder Jugend. Die können sie zum Teil noch vollständig wiedergeben, obwohl sie an andere Ereignisse in ihrem Leben gar keine Erinnerung mehr haben.

Auch bei Schlaganfallpatienten, denen ihre Lieblingsmusik regelmäßig vorgespielt wurde, zeigte sich in Studien, dass sie ein besseres "Outcome" hatten. Outcome heißt hier, dass sie weniger motorische Defizite oder Lähmungen hatten. Das gilt auch für Parkinson-Patienten, bei denen die Bewegungen im Laufe der Erkrankung regelrecht "einfrieren". Bei ihnen wird Musik genutzt, um bestimmte Bewegungen zu aktivieren.
 
Das finde ich als Neurologe ganz eindrücklich, weil Musik ja eine ganz einfache Methode ist, um Menschen zu behandeln. Eine Methode, die auch keine Nebenwirkungen hat und die aus meiner Sicht eine zunehmende gesellschaftliche Bedeutung haben wird - beziehungsweise haben sollte.

Kann Musik direkt die Stressverarbeitung im Körper beeinflussen?
 
Musik kann emotionale Zentren im Gehirn aktivieren und die Freisetzung bestimmter Botenstoffe bewirken. So wird beim Hören angenehmer Musik zum Beispiel das "Belohnungshormon" Dopamin vermehrt ausgeschüttet. Bei Hitchcock-Filmen wird Musik zum Beispiel ganz bewusst zur Erzeugung von Spannung und Stress eingesetzt. Umgekehrt funktioniert das natürlich auch und sollte in diesen Zeiten vielleicht eher genutzt werden.

Ist es ein Unterschied, ob ich Musik nur höre oder sie aktiv ausübe?
 
Das ist ein großer Unterschied! Beim aktiven Musizieren ist der ganze Körper beteiligt. Das bildet sich im Gehirn auch ab; dort sind dann nicht nur die Anteile aktiv, die beim Hören von Musik eine Rolle spielen, sondern auch Areale, die zum Beispiel für motorische Steuerung zuständig sind.

Ein weiterer Effekt ist, dass Musik ja häufig in Gruppen ausgeübt wird und es somit eine soziale Interaktion gibt. Wenn ich in der Gruppe musiziere, muss ich aufeinander hören und darauf achten, was die andern tun. Wenn ich singe, kommt hinzu, dass ich dabei ja den eigenen Körper als Instrument einsetze. Da werden dann noch weitere Areale im Gehirn aktiviert, wie etwa sensorische und motorische Sprachareale.

Welche Rolle kann die Musik spielen, wenn es darum geht, zum Beispiel mit den Auswirkungen einer häuslichen Quarantäne umzugehen?
 
Ich glaube, da kann Musik eine wichtige Rolle spielen. Denn durch Musik habe ich die Möglichkeit, selbst positive Emotionen hervorzurufen. Hinzu kommt: wenn man ein Instrument spielt, singt oder Musik hört, dann konzentriert man sich in der Regel ganz darauf und damit kann es gelingen, das Tagesgeschehen einfach mal zu vergessen.
 
Wenn man die Möglichkeit hat in der Familie oder mit den Menschen, mit denen man einen Haushalt teilt, gemeinsam zu musizieren, dann fördert das zudem den sozialen Zusammenhalt. Es ist schade, dass man solche positiven Effekte der Musik erst entdeckt, wenn eine Krisensituation auftritt. Aber das ist genau der Grund, warum gemeinsames Musizieren und Singen schon in der Schule eine wichtige Rolle spielen sollte.

Die Italiener stellen sich auf ihre Balkone und singen. Mit "Ode an die Freude" haben das auch viele Deutsche probiert. Ist das also übertragbar?
 
Die Italiener haben da schon eine besondere Gabe, ihr Lebensgefühl musikalisch auszudrücken und auch ein volkstümliches Liedgut, das viele kennen. Ich glaube schon, dass das auch übertragbar ist auf Deutschland. Das haben wir ja auch am Sonntagabend beobachten können, als in ganz Deutschland Menschen gemeinsam "Freude schöner Götterfunken" gesungen oder auf verschiedenen Instrumenten gespielt haben.

Wie gehen die Musiker, die Sie kennen, mit der "Sozialen Distanzierung" um?
 
Ich habe jetzt schon häufiger gehört, dass Musiker per Skype Unterricht nehmen oder geben. Da fehlt natürlich der Körperkontakt, den wir ja alle gerade vermeiden sollen - mit dem man im normalen Unterricht aber zum Beispiel die Haltung beim Musizieren korrigiert.
 
Was schwieriger ist, ist ein Zusammenspiel über solche Kanäle, weil der Ton immer etwas zeitversetzt ankommt. Leichter umsetzbar ist, dass jemand zuhause spielt oder singt und das dann im Internet streamt. Das erleben wir ja gerade immer häufiger. Der Pianist Igor Levit streamt zum Beispiel regelmäßig Hauskonzerte auf Twitter [Anm. d. Red.: Täglich um 19 Uhr].

Wenn ich jetzt lange keine Musik gespielt oder gehört habe, was kann ich dann tun, um mich der Musik wieder anzunähern?
 
Beim Hören von Musik würde ich je nach Vorliebe empfehlen, mit bekannten "Evergreens" im nicht klassischen oder klassischen Bereich zu beginnen. Also, zum Beispiel mit dem "Türkischen Marsch" von Mozart.
 
Wenn man mal ein Instrument gespielt hat, muss man einfach die Noten herausholen und sich wieder hinsetzen und dann kommt die Freude mit dem Tun, da bin ich sicher. Zumindest bei denjenigen, die das Musizieren halbwegs mit Freude und nicht nur mit Zwang verbinden.

Herr Prof. Schmidt, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Ursula Stamm

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