Frau sitzt vor Schimmel an einer Wand (Bild: imago images/Panthermedia)
Bild: imago images/Panthermedia

Interview l Lüften im Winter - "Corona sorgt für Schimmelbefall, weil wir alle viel zu Hause sitzen"

Auch in der Pandemie gilt: Winterzeit ist Schimmelzeit. Und da macht das Gebot "Lüften, lüften, lüften" dem einen oder anderen nicht nur Umstände, sondern auch Sorgen. Hilft oder schadet das gegen Schimmelbefall? Und wie beugt man Schimmel vor? rbb Praxis hat den Schimmelprofi und Sachverständigen Jürges Jörges gefragt.

Herr Jörges, in Ihrem Buch vertreten Sie die These, dass in 20% der Fälle von Schimmelbefall die Nutzer*innen und in 60 % der Fälle die Kombination aus Nutzer*innen und Bausubstanz einer Immobilie vor allem zum Schimmelbefall beitragen. Was sind denn so die schlimmsten Fehler, die Nutzer*innen einer Wohnung oder eines Hauses machen können?
 
Also ich möchte nicht von Fehlern sprechen - das sind mehr unbewusste Veränderungen, die sich in unser Leben geschlichen haben. Diese haben dann auf einmal Auswirkungen, die wir nicht wollen: nämlich Schimmel.

Was sich da verändert hat, wird dann immer wieder sehr schön deutlich oder auch transparent, wenn man sich fragt: Wie war das ein paar Jahre früher? Also ich bin als kleines Kind immer zum Heizkörper geschickt worden mit einer Gießkanne und da musste ich in einen Keramiktopf Wasser reinschütten, damit die Luft permanent befeuchtet wird, damit sie nicht so trocken ist. In den gleichen Wohnungen wohnen heute Familien und sagen: Wir kriegen die Luftfeuchtigkeit nicht mehr unter 65 Prozent – und da hängen keine Befeuchter. Jetzt hat sich das Haus hier nicht großartig geändert, aber das Verhalten der Nutzer hat sich geändert. Ein Teil ist zum Beispiel das Dusch- und Waschverhalten in den 70er Jahren: Der klassische Samstag als Badetag ist heute ersatzlos gestrichen worden, indem heute eigentlich jeden Tag ein Dusch- oder Badetag ist.
 
Und so kann es passieren, dass wir pro Person das 7 – 14-fache an Luftfeuchtigkeit in unsere Wohnung eintragen, nur aufgrund von einem geänderten Waschverhalten. Und unsere Häuser haben ja nicht so ein Riesen-Entwicklungsschritt gemacht, dass sie das jetzt einfach weg puffern können.

Weil Sie gerade von rund 65 Prozent Luftfeuchtigkeit gesprochen hatten: Was würden Sie sagen ist ein guter oder normaler Wert in einem Raum wie dem Wohnzimmer? Also nicht Bad oder Küche, wo es feuchter ist.
 
Also jetzt haben wir ja auch ganz viele DIN-Normen und Berechnungen in Deutschland. Und überall steht drin: 50 Prozent relative Luftfeuchtigkeit bei 20 Grad ist normal. Wenn ich in einem Altbau bin oder in einem älteren Gebäude mit vielleicht noch dem einen oder anderen Mangel, dann dürfen es auch gerne unter 50 Prozent Luftfeuchtigkeit sein.
 
Das Problem, das wir nicht auf dem Schirm haben: Was passiert, wenn wir etwas verändern? Ich mache es mal greifbar: Bei 20 Grad Raumtemperatur und 50 Prozent Luftfeuchtigkeit ist eine bestimmte Wassermenge in der Luft gebunden. Wenn ich nun sage: ‘20 Grad ist mir zu kalt‘ und erhöhe die Temperatur, dann bleibt die Menge an Feuchtigkeit im Raum erst mal gleich – logisch. Es heißt aber relative Luftfeuchtigkeit, weil das Speichervermögen der Luft immer im Zusammenhang mit der Temperatur zu sehen ist.

Schimmel im Schrank (Bild: Jürgen Jörges) Jürgen Jörges bei Schimmelanalyse (Bild: Privat)

Das heißt: 24 Grad warme Luft kann viel mehr Feuchtigkeit speichern, als 20 Grad warme Luft. Und so ist eigentlich der logische Schluss: Wenn ich aus 20 Grad in der Wohnung 24 Grad mache, muss die relative Luftfeuchtigkeit sinken, damit die Normwerte noch passen. Das ist Physik, das können wir nicht verändern.
 
Meistens gehen wir aber her und sagen: Wir machen aus den 20 Grad 24 und wenn aus den 50 Prozent eben mal 60 werden, wundern wir uns nicht groß – klingt ja erstmal ähnlich wie bei 20 Grad. Dabei haben wir eine ganz andere Wassermenge in der Luft. Das hinterfragt keiner. Aber das ist genau das Problem, was wir in der kalten Ecke und hinter dem Schrank dann haben [den Schimmel].

Also: An Stellen im Raum, die von der warmen Luft dann auch noch besonders wenig abbekommen, trifft noch mehr Luftfeuchtigkeit auf Temperaturen, die die Feuchtigkeit noch schlechter halten können …
 
Genau. Also ich spreche auch immer davon, dass in dieser Situation Physik und Biologie Hand in Hand gehen. Durch die Physik entsteht auf Grund bestimmter Bedingungen dann Kondensat an den Oberflächen. Und für die Biologie heißt das: Der Schimmel wächst, sobald er Feuchtigkeit hat.

Ich lese und höre da bei Ihnen auch eine gewisse Bewunderung oder wenigstens Respekt für das Lebewesen raus – richtig?
 
Ja, also der Schimmel zweifelt ja auch nicht: Soll ich jetzt lieber im Schlafzimmer wachsen oder lieber im Wohnzimmer? Und was, wenn ich da nicht richtig wachsen kann oder so? Sobald er die Chance hat, macht er das – gnadenlos.
 
Und wenn er sich mal angesiedelt hat, ist es ihm ja auch egal, ob es warm oder kalt ist - der ist relativ resistent: Viel Luft, wenig Luft, hell, dunkel - ist dem vollkommen Schnurz. Wenn er da ist, dann beginnt er sein persönliches Wachstum.

Es ist Winter und wir sollen SARS-CoV-2-bedingt viel lüften. Aber der Laie hat das Gefühl: Ich lasse doch diese feuchte, kalte Luft von draußen eigentlich erst recht hinein. Ein Trugschluss? Und wie lüfte ich richtig?
 
Genau, jetzt sind wir wieder auf der physikalischen Seite. Gerade weil die Luft kalt ist, ist ihr Wasserspeichervermögen relativ gering. Also ich war heute Morgen unterwegs draußen und hab gemessen: -1 Grad, 70 Prozent relative Luftfeuchtigkeit. Relativ heißt aber: Die Luft ist trockener als die, die Sie mit 60 Prozent und 20 Grad im Innenraum haben - es ist wesentlich mehr Feuchtigkeit gebunden, als außen.
 
Deswegen macht es auch Sinn, die Luft auszutauschen – die Wassermenge in der Luft von draußen bleibt ja und wenn ich diese Luft jetzt auf 20 Grad erhöhe, weil ich sie zu mir rein lasse, ist da nur wenig Wasser drin im Verhältnis. Es macht Sinn, im Winter mehrmals zu lüften.

Was heißt denn mehrmals? Und wie genau?
 
Erstmal ganz einfach: kippen ist kein Lüften. Ein gekipptes Fenster - mag mal sein, dass da ein bisschen Frischluft nachströmt, wenn in der Küche die Dunstabzugshaube für Unterdruck sorgt. Aber wenn ich einen Luftwechsel haben möchte, dann muss ich zusehen, dass ich die Fenster ganz aufmache – am besten so viele wie möglich, nach allen Himmelsrichtungen, für den Durchzug.
 
Mehrmals sollte man es vor allen Dingen dann machen, wenn man auch zu Hause ist. Corona sorgt für Schimmelbefall, weil wir jetzt alle so viel zu Hause sitzen. Mit jedem Atemzug produzieren wir CO2 und Luftfeuchtigkeit usw. und von daher reicht morgens und abends Lüften nicht mehr aus. Und wenn ich dann noch
 
Wäsche in der Wohnung trockne, müsste es eigentlich schon fast sieben Mal lüften sein. Also, da kann man auch mit Formeln mal ein bisschen hinterher rechnen, was bei einem Luftaustausch für Wassermengen abtransportiert werden und dementsprechend muss man das Lüftungsverhalten anpassen.

Wann kommen denn die Kunden in der Regel zu ihnen? Wann bemerken die einen Schimmelbefall?
 
Das ist sehr verschieden – manche kommen mit einem Verdacht: Da könnte was sein, aber man sieht nichts, riecht auch noch nicht mal etwas. Aber dann hat man die Möglichkeit, über die Luftkeimmessungen festzustellen, wie viele keimfähige Sporen sich jetzt gerade in der Innenluft im Vergleich zur Außenluft befinden. Bei einer Partikelkeimmessung saugt ein Gerät die Luftpartikel auf einen Klebefilm von einem Mikroskopier-Plättchen und dort kann man sie dann unter einem Mikroskop anschauen und auswerten.

Haben Sie durch die Pandemie mehr Aufträge? Kann man das sagen?
 
Nein, per se nicht. Prinzipiell ist es so: Winterzeit ist Schimmelzeit. Einfach aufgrund der klimatischen Bedingungen, innen ist es feucht und warm, an den Außenwänden aber kalt. Manche sparen dann noch an der Heizung, das heißt: die Wände werden noch kälter. Dann haben wir wieder einen Kreislauf und der Schimmel ist wieder da. Das haben wir sowieso jedes Jahr und verstärkt wird das Ganze jetzt mit den Familien im Homeoffice und mit Homeschooling – wir halten uns viel mehr in den Innenräumen auf.
 
Da kommt dieser Appell der Bundesregierung in Richtung Corona: Öfter das Fenster aufmachen, damit Aerosole aus der Luft nach draußen kommen. Das erzähle ich jetzt eigentlich schon seit 20 Jahren, weil nicht nur die Aerosole rausgehen, sondern auch die Luftfeuchtigkeit und Frischluft kommt gleichzeitig rein.

Gibt es denn Bausubstanzen, von denen Sie sagen: Das sind per se günstigere Voraussetzungen für Schimmelbefall?
 
Also so pauschal lässt sich das sehr schwer sagen. Wenn der Dämmwert nicht so gut ist, dann haben wir auch relativ schnell kalte Wände. Und wenn wir jetzt innendrin dann auch noch viel Luftfeuchtigkeit produzieren oder Wohnungen vielleicht zum Teil auch noch überhitzen, dann kann es in solchen Wohnungen natürlich auch relativ schnell zu einem Schimmelbefall kommen.
 
Dann kommen noch Faktoren dazu wie: Wurden zum Beispiel neue Fenster eingebaut? Gibt's Löcher irgendwo an den Rahmen, die nicht sauber ausgestopft wurden? Das kann alles dazu führen, dass wir niedrigere Oberflächentemperaturen haben.

Gibt es Zeichen, bei denen Sie sagen würden: Da sollte man sofort aufmerksam werden?
 
Beschlagene Fensterscheiben - Wenn nur unten die Ecken schon beschlagen sind, dass da so ein bisschen Wasser steht, dann ist das schon ein gutes und sicheres
 
Anzeichen dafür, dass der feuchte Luftanteil zu hoch ist. Gerade wenn es Isolierglasscheiben sind - da sollte gar kein Kondensat entstehen.

Herr Jörges, danke für das Gespräch!
Das Interview führte Lucia Hennerici

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