Viele Haare in der Bürste (Quelle: imago/Panthermedia)
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Interview | Hilfe Haarausfall! - Was hilft gegen dünnes Haar?

Volles, glänzendes Haar - Nahrungsergänzungsmittel bringen es angeblich (zurück). Aber was bringen die Mittel wirklich? Was hilft bei anlagebedingtem, was bei Haarausfall in der Menopause? Dermatologin Prof. Dr. Ulrike Blume-Peytavi hat Antworten.

Frau Prof. Blume-Peytavi, warum werden Haare im Alter überhaupt dünner?
 
Ich erkläre das gerne am Beispiel eines Baumes: Ein junger Baum hat zunächst einen dünnen Stamm. Wächst er viele Jahre lang wird er im Durchmesser immer dicker, er bekommt immer mehr Wachstumsringe. Beim Haar heißt das: Das Haar wird immer kräftiger und dicker, umso länger die Wachstumsphase dauert.

Bei jungen Menschen hat ein einzelner Haarfollikel eine Wachstumsphase von vielleicht vier bis sechs Jahren. Mit dem Alter nimmt jedoch die Vermehrung der Zellen im Körper insgesamt ab, die Haare befinden sich im Alter manchmal nur noch 1-2 Jahre lang in der Wachstumsphase.
 
Beim normalen Alterungsprozess werden die Haare dünner, weil die Wachtstumsphasen der einzelnen Haarfollikel kürzer werden und damit auch das kontinuierliche Wachstum abnimmt. Das ist keine Krankheit, das ist ein normaler physiologischer Prozess.

Bei androgenetischer Alopezie, also anlagebedingtem Haarausfall, verkürzt sich die Wachstumsphase der Haare auch, es kommt zu einer Miniaturisierung der Haarfollikel. Statt dicker Haare wachsen zunehmend dünne, kurze Flaumhaare...
 
Altersbedingter Haarausfall und androgenetische Alopezie sind trotzdem nicht das gleiche. Zwar gibt es bei der androgenetischen Alopezie genauso eine Hemmung des Wachstums mit Miniaturisierung der Haare - jedoch unabhängig vom Alter und nur in den genetisch vorbestimmten Arealen, wie Geheimratsecken und die Tonsur.
 
Das heißt, die Androgene, also die männlichen Hormone, hemmen nur dort das Wachstum, da in diesen Arealen vermehrt Androgenrezeptoren - sogenannte Andockstationen - vorhanden sind. Nach dem "Andocken" hemmen die Androgene die Wachstumsaktivität des Haarfollikels, es kommt zu kürzeren Wachstumsphasen und Verkümmern, Miniaturisieren, der gebildeten Haare.

Zitat Prof. Blume-Peytavi zu Nahrungsergänzungsmitteln mit Soja (Bild: rbb)

Das heißt, wenn ich androgentische Alopezie habe, sind meine Haarfollikel genetisch bedingt empfindlicher gegenüber "männlichen Hormonen”, als das bei anderen Menschen der Fall ist?
 
Aber welche Rolle spielen Hormone denn im Alter für die Haare? Ich werfe mal das Stichwort "Menopause" ein. Bei Männern ist inzwischen nachgewiesen, dass die Haare auf die Androgene empfindlicher reagieren, eine höhere Dichte an Androgen-Rezeptoren im Haarfollikel haben, was aber bei Frauen nicht so zu sein scheint. In der Menopause nimmt die Östrogenproduktion bei der Frau ab, also die weiblichen Hormone werden weniger, gleichzeitig wachsen die Haare altersbedingt langsamer.
 
Aber in der Menopause verändert sich zusätzlich auch noch die Regulation der Gefäße, darum haben Frauen auch die "Flush-Symptomatik" mit Hitzewallungen. Es verändert sich auch die Talgproduktion: Fette werden weniger gebildet, die Haut wird z.B. trockener, es kommt zu sogenannten physiologischen Umstellungsprozessen in der Menopause.

Auch nach einer Geburt haben viele Frauen Haarausfall, weil sich der Hormonhaushalt wieder umstellt. Das pendelt sich aber meist von selbst wieder ein mit der Rückkehr zu einem physiologischen Hormonspiegel. Wie ist das bei der Menopause?
 
Da pendelt sich das leider nicht wieder ein, das heißt es kommt nicht zu einer Rückkehr zu jugendlichen Hormonwerten, sondern die weiblichen Hormonwerte pendeln sich auf ein konstant niediges Niveau ein.
 
Die exakten Ursachen und Mechanismen für den Prozess des Feinerwerdens, des Dünnerwerdens der Haare durch Eintritt in die Menopause kann man wissenschaftlich noch nicht richtig erklären. Was wir wissen: In der Menopause wird das Haarwachstum langsamer. Manche Haarfollikel gehen in die Ruhephase ein, ohne wieder jemals aktiv zu werden, d.h. die Haare fallen aus und es wird kein neues Haar in diesem Haarfollikel gebildet, er bleibt leer - durch kürzere Wachstumsphasen werden die Haare dann auch noch insgesamt feiner. Zumindest bei genetisch entsprechend veranlagten Frauen.
 
Es gibt auch Frauen, die in der Menopause kräftige Haare haben, aber bei der Mehrzahl der Frauen nimmt die Haarqualität und Dichte ab. Das lässt sich auch nicht mit einer Hormonersatztherapie ändern und geht auch nicht weg, wenn die Menopause vollkommen erreicht ist.

Wie ist das bei Männern?
 
Die hormonelle Umstellung im Alter ist bei Männern nicht so spektakulär. Männer haben weniger altersbedingten Haarausfall, dafür häufiger eine androgenetische Alopezie. Im Alter von 70 Jahren haben etwa 80 Prozent der Männer eine mehr oder minder ausgeprägte androgenetische Alopezie mit typisch männlichem Glatzenbild, das meist an den Geheimratsecken beginnt, auf die Tonsur übergreifen kann und eben nicht diffus verläuft.

Welche Rolle haben weitere Einflussfaktoren auf die Haare, wie z.B. Stress?
 
Stress kann insgesamt hemmend auf das Haarwachstum wirken. Denn Stress hat auch eine immun-regulatorische Funktion.
 
Und Sport?
 
Bei Haarausfall spielt der Sport ausnahmsweise keine Rolle.

Aber Ernährung!
 
Eine massive Ernährungsumstellung oder auch Mangelernährung kann zu Haarausfall und brüchigen Haaren führen.
 
Was postmenopausalen Haarausfall betrifft: Die Blutgefäßversorgung um den Haarfollikel herum ist in der Menopause schlechter. Daher wird der Haarfollikel schlechter mit Nährstoffen versorgt, selbst wenn Sie sich insgesamt gesund ernähren.
 
Man kann Haare daher unterstützen, indem man die Haarfollikel mit Nährstoffen versorgt. Sie brauchen Eiweiße und vor allem Aminosäuren, wie Cystein und L-Cystein, sowie Vitamine um das Haarmaterial, das Keratin, gut aufzubauen. Nahrungsergänzungsmittel können also die Haarqualität und -struktur positiv beeinflussen.
 
Gerade in der Menopause haben viele Frauen Mangel an Vitamin D, Vitamin B12, Kalzium und anderen Vitaminen und Mineralstoffen, was sich zusätzlich auf das Haarwachstum auswirken kann. Diese kann man dann substituieren.
 
Wenn Männer insgesamt feines Haar haben, können auch sie zu Nahrungsergänzungsmitteln greifen.

Lebensmittel wie Sojabohnen enthalten viele Phyto-Östrogene. Kann ich damit einen positiven Einfluss auf die Haare erzielen?
 
Es ist richtig, dass eine Reihe von Nahrungsergänzungsmitteln Soja enthalten, einige positive Aspekte sind beschrieben, aber wenn Sie jetzt sagen, ‘ich mache jetzt einen Exzess von Sojaprodukten und dadurch werden meine Haare schön’ – dazu gibt's keine Untersuchungen, die das belegen würden.

In Drogerie-Märkten gibt es sehr viele Produkte mit Nahrungsergänzungsmitteln für Haare zu kaufen. Kann ich mich da einfach selbst bedienen oder sollte ich mich vorher medizinisch durchchecken lassen?
 
Postmenopausaler Haarausfall kann leicht mit diffusem Haarausfall verwechselt werden. Letzterer kann viele Ursachen haben, wie z.B. Diabetes, Leber- oder Nierenerkrankungen, aber auch Eisenmangel, verschiedene Medikamente, einseitige Ernährung u.v.a.
 
Daher ist es wichtig vorab zu klären: Bin ich gesund? Liegt es an der Menopause, dass meine Haare schleichend anfangen dünner und feiner zu werden? Spielen Erkrankungen eine Rolle? Oder Medikamente? Ist es ein diffuser Haarausfall oder tritt der Haarausfall plötzlich und massiv auf?

Wann ist ein Haarausfall massiv und was ist noch normal?
 
Normalerweise verlieren wir etwa 80 Haare am Tag. Wenn ich jetzt dauerhaft 200 oder 300 Haare am Tag verliere über mehrere Wochen, sollte ich zur Dermatologin oder zum Hausarzt gehen. Dort kann ein Blutbild gemacht werden, das Aufschluss gibt, ob ich z.B. irgendwelche Mangelzustände habe.

Abgesehen von Nahrungsergänzungsmitteln: Mit welchen Medikamenten kann ich androgenetischer Alopezie, aber vielleicht auch altersbedingtem Haarausfall, etwas entgegensetzen?
 
Androgenetische Alopezie lässt sich bei Frauen wie Männern mit Minoxidil-Lösungen gut stabilisieren. Für Männer kommt außerdem das Medikament Finasterid infrage, das als Tablette eingenommen werden kann. Inzwischen ist aber auch eine lokale Finasterid-Lösung zugelassen, die jedoch noch nicht im Handel verfügbar ist.
 
Parallel laufen aktuell weitere Studien mit neuen Substanzen. Minoxidil kommt auch für postmonopausale Frauen infrage, weil es die Durchblutung des Haarfollikels verbessert.

Muss ich diese Medikamente selbst zahlen?
 
Produkte gegen androgenetische Alopezie oder altersbedingten Haarausfall werden auch als Lifestyle-Produkte bezeichnet und nicht von Krankenkassen übernommen. Warum? Weil androgenetische Alopezie keine Krankheit ist, sondern eine genetische Kondition.

Warum sind uns Haare eigentlich so wichtig?
 
Haare gehören mit zu den Kommunikationsorganen und durch unsere Kultur, durch Werbung, Mode und Medien haben wir ein bestimmtes Bild, wie Haare sein sollen. Gerade bei Frauen sind sie Symbol für Weiblichkeit und Attraktivität: Volles Haar gilt als schön und jugendlich.
 
Das ist in z.B. Asien oder Afrika nicht anders und auch der Leidensdruck betroffener Personen ist gleich - wenngleich androgenetische Alopezie dort insgesamt seltener vorkommt.

Vielen Dank für das Gespräch!
Das Gespräch führte Ariane Böhm

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