Ohrenärztin untersucht Patienten (Quelle: Colourbox)
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Interview | Ohrenlaufen - Was steckt hinter juckenden und nässenden Ohren?

Wer schwimmen war, kennt das Gefühl, dass Flüssigkeit im Ohr ist. Meist ist das nur Wasser, dass mit der Zeit verdunstet oder vorsichtig mit einem Handtuchzipfel abgetrocknet werden kann. Wenn aber jenseits von Schwimmbad & Co. plötzlich Flüssigkeit aus dem Ohr läuft, ist das meist etwas anderes.

Was die Ursachen von Ohrenlaufen sein können und was dann zu tun ist, darüber sprach rbb Praxis mit Hals-Nasen-Ohrenärztin Dr. Kathrin Ernst aus Berlin-Charlottenburg.

Welche Flüssigkeiten können aus dem Ohr herauslaufen?

Das hängt davon ab, was die Ursache des Ohrenflusses, der so genannten Otorrhö, ist. Wenn eine bakterielle Entzündung dahintersteckt, ist der Ausfluss eher dickflüssig und eitrig. Bestimmte Bakterien, die Pseudomonas aeruginosa, sorgen auch dafür, dass der Ausfluss unangenehm riecht. Viral bedingter Ausfluss ist häufig eher dünnflüssig und kann mit Blut vermischt sein. Und wenn eine Schädelfraktur durch ein Schädel-Trauma dahintersteckt, dann kommt direkt Blut und Rückenmarksflüssigkeit – umgangssprachlich auch Hirnwasser genannt - aus dem Ohr. Das hängt damit zusammen, dass der Gehörgang durch die Schädelbasis verläuft.

Was können die Ursachen für das Ohrenlaufen sein und wie häufig kommt das in Ihrer Praxis vor?

Ich habe täglich Patienten und Patientinnen in meiner Sprechstunde, die über Ohrenlaufen klagen. Allerdings sehe ich das im Sommer öfter, weil es dann durch das häufigere Schwimmen zur so genannten Bade-Otitis kommt. Die entsteht, wenn Wasser im Gehörgang verbleibt, was häufig passiert, weil das Ohrenschmalz einen Pfropf bildet, hinter dem sich das (oft unsaubere) Wasser ansammelt.
 
Häufige Ursachen von Ohrenlaufen sind Mittelohrentzündungen (Otitis media) sowie Gehörgangsentzündung (Otitis externa). Mittelohrentzündungen entstehen oft im Rahmen von Erkältungsinfekten, die mit einer unzureichenden Belüftung des Mittelohrs einhergehen. Hinter dem Trommelfell im Mittelohr sammelt sich dann Sekret an, welches oft Bakterien oder Viren enthält. Steigt durch diese Flüssigkeitsansammlung der Druck auf das Trommelfell weiter an, reißt das Trommelfell und die eitrige oder leicht blutige Flüssigkeit tritt aus. Die starken Schmerzen, unter denen die Betroffenen vorher gelitten haben, gehen dann schlagartig weg und das Trommelfell heilt meist von allein wieder zu.
 
Es gibt auch Patienten und Patientinnen, die unter einer chronischen Mittelohrentzündung leiden. Da kann es dann alle paar Wochen und Monate zu Ausfluss aus dem Ohr kommen. Diejenigen haben ständig ein Loch im Trommelfell, durch welche Flüssigkeit abläuft, wenn die Entzündung aktiv ist.
 
Gehörgangsentzündungen können durch Bakterien, Viren und Pilze entstehen. Dabei sind meist kleinste Verletzungen in der Gehörgangswand vorhanden, durch die Keime eindringen können. Das passiert zum Beispiel, wenn man sich im Ohr kratzt und durch die unsauberen Finger gleich die Keime "mitliefert". Eine andere Ursache sind Fremdkörper. Das sehe ich häufig, wenn kleine Kinder sich winzige Gegenstände wie eine Perle ins Ohr stecken, die dann eine Entzündung hervorrufen. Auch Allergien auf Haarwaschmittel und Hörgeräte können eine Otitis externa auslösen.
 
Eine weitere Ursache der Otorrhö, des Ohrenlaufens, kann auch ein Furunkel im Ohr sein, das sehr schmerzhaft ist. Wir haben im Gehörgang auch Haare - und ein Furunkel entsteht, wenn sich der Haarfollikelausgang entzündet. Auch Herpesviren können zu Bläschen in der Ohrmuschel und im Gehörgang führen (Zoster oticus). Das tut extrem weh und kann auch eine Hörminderung und Schwindel verursachen. Die Bläschen entleeren sich irgendwann - diese Flüssigkeit ist dann allerdings eher dünnflüssig und klar.
 
Eine sehr seltene Ursache von Otorrhö sind Tumore im Mittelohr oder in der Gehörgangswand. Meistens entzündet sich das Gewebe um den Tumor und auch das kann zu Flüssigkeitsabsonderungen führen.
 
Auch eine Schädelverletzung, bei der das Felsenbein, in dem sich das Innenohr befindet, verletzt wird, kann mit Ohrenlaufen verbunden sein. Dann tritt direkt Hirnwasser aus dem Ohr.

Welche Symptome treten häufig gemeinsam mit dem Ohrenlaufen auf und geben erste Hinweise auf die Ursache?

Oft geht die Otorrhö mit Schmerzen einher. Das ist zum Beispiel bei der Mittelohrentzündung der Fall, aber auch bei einer Entzündung der Gehörgangswand. Bei der Mittelohrentzündung kommen die Schmerzen meist sehr schnell und heftig. Bei der Entzündung des Gehörgangs eher langsamer. Bei einer Mittelohrentzündung tritt auch oft Fieber auf. Bei einer Gehörgangsentzündung juckt das Ohr häufig. Viele Betroffene mit einer solchen Entzündung leiden auch unter einem Ekzem am Eingang zum Gehörgang, also einer trockenen schuppenden Hautstelle.
 
Schwindel und Hörverlust deuten eher auf eine Mittelohrentzündung hin; das sind aber auch leider Symptome einer Schädelfraktur.

Kann falsche Ohr-Hygiene Ohrenlaufen hervorrufen?

Wer seine Ohren mit Wattestäbchen reinigt, schiebt das Ohrenschmalz häufig nur weiter nach hinten. Und wenn dann das Wattestäbchen nicht ganz steril ist oder zusätzlich verunreinigtes Wasser ins Ohr kommt, dann bleibt das Wasser hinter dem Ohrenschmalz lange stehen. Dann bildet sich dort quasi eine feuchte, warme Kammer und das sind ideale Bedingungen für Bakterien, die eine Gehörgangsentzündung auslösen können.

Wie entfernt man Ohrenschmalz denn dann?

Wer viel Ohrenschmalz produziert und merkt, dass sich da ein Pfropf gebildet hat, der sich nicht von allein löst, sollte zum Hals-Nasen-Ohrenarzt gehen und sich das Ohrenschmalz entfernen lassen. Auf keinen Fall sollte man auf eigene Faust mit irgendwelchen Gegenständen versuchen, das Ohrenschmalz zu entfernen, weil man sich im Gehörgang sehr schnell verletzen kann. Da können dann sogar kleine Blutergüsse entstehen, die dazu führen, dass man aus dem Ohr blutet.

Wie wird Ohrenlaufen behandelt?

Das ist immer abhängig von der Ursache. Bei der Gehörgangsentzündung reinigt man zunächst den Gehörgang. Dann kann man einen Abstrich machen, um festzustellen, welche Keime zu der Entzündung geführt haben. Sind Bakterien die Ursache der Entzündung, behandelt man mit einer antibiotischen Salbe oder antibiotischen Tropfen. Gegen Pilze helfen Antipilzmittel, die ebenfalls getropft werden können. Ist die Ursache viral, dann reinigt man ebenfalls den Gehörgang und behandelt mit Wasserstoffperoxid-Tropfen. Bei Allergien sollte man den allergenen Stoff finden und dann möglichst meiden. Die akuten Beschwerden lindert eine Kortisonsalbe. Antibiotika als Tabletten gibt man dann, wenn die Gehörgangsentzündung auf die Ohrmuschel übergeht und den Knorpel mitbefällt. Oder auch, wenn die Ohrmuschel extrem zugeschwollen ist und das lokale Antibiotikum nicht wirkt.
 
Eine Mittelohrentzündung behandelt man ebenfalls mit einem oralen Antibiotikum und mit Nasentropfen, um die Belüftung des Mittelohrs zu gewährleisten. Eine chronische Mittelohrentzündung führt häufig dazu, dass auch die Gehörknöchelchen sich entzünden. Das kann man mit Hilfe einer Computertomografie feststellen. Dann folgt meistens eine Operation, bei der das entzündliche Gewebe entfernt, die Gehörknöchelchen ersetzt und das Trommelfell verschlossen wird.

Gibt es wirksame Hausmittel gegen Ohrenlaufen?

Bei einer beginnenden Gehörgangsentzündung, die mit einer Ekzembildung verbunden ist, kann eine Propolis- oder Calendulasalbe (Ringelblumensalbe) helfen. Das wirkt auch vorbeugend, denn wenn ich ein Ekzem im Ohr habe, ist die Haut dort trocken und juckt. Das provoziert, dass ich mit dem Finger kratze und dabei die Haut des Gehörgangs verletze.
 
Bei Mittelohrentzündungen gebe ich vor allem Kindern häufig homöopathische Mittel, sofern keine Hörminderung vorhanden ist. Warme Zwiebelsäckchen, die auf das Ohr gelegt werden, sorgen bei einer Mittelohrentzündung dafür, dass das Sekret sich verflüssigt und abläuft. Das geschieht durch die Kombination aus Wärme und den ätherischen Ölen der Zwiebel.

Bei welchen Anzeichen muss ich mit Ohrenlaufen unbedingt zum Arzt?

Im Grunde sollte man mit jedem Ohrenlaufen die Hals-Nasen-Ohrenärztin aufsuchen. Regelrechte Alarmzeichen für ernsthafte Ursachen sind Hörminderung, Schwindel, starke Schmerzen und Fieber. Dann sollte man auch nicht lange zögern, bevor man den Arzt aufsucht.

Vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Ursula Stamm.

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