Wirkstoffpflaster auf Arm einer Frau (Bild: imago images/ingimage)
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Medikamente zum Aufkleben - Wirkstoffpflaster: Informationslücken im Beipackzettel

Aufreißen, aufkleben - fertig! Die Anwendungsvorteile von Wirkstoffpflastern machen sie bei vielen Ärzten und Patienten beliebt und sie werden vielfach eingesetzt: z.B. zur Schmerztherapie, Verhütung, Raucherentwöhnung oder auch im Kampf gegen Parkinson. Doch auch in den Pflastern stecken hoch wirksame Medikamente, die Neben- und Wechselwirkungen hervorrufen können. Infos dazu sollte man im Beipackzettel finden - doch oft fehlen die, wie eine Studie belegt.

Kein Magengrummeln durch Tabletten, kein ekeliger Geschmack durch Säfte und die kontinuierliche Medikamentenabgabe regelt sich für eine Zeit lang über die Haut sozusagen von selbst - Wirkstoffpflaster haben viele Vorteile für Patienten.  Ein Grund, warum sie so vielfach eingesetzt werden, auch im verschreibungspflichtigen Bereich: neben der Schmerztherapie beispielsweise auch gegen neurodegenerative Erkrankungen wie Parkinson oder bestimmte Formen der Demenz, aber auch zur Verhütung oder bei Wechseljahresbeschwerden, um nur einige Beispiele zu nennen.

Auch wenn viele Menschen Wirkstoffpflaster aus dem verschreibungsfreien Bereich, z.B. der Zigarettenentwöhnung kennen, können sie hoch wirksame und darum als "erklärungsbedürftig" bezeichnete Medikamente enthalten und die gelangen über die Haut direkt ins Blut. Für den richtigen Einsatz der sogenannten transdermalen therapeutischen Systeme (TTS) brauchen Patienten darum vor allem Informationen zur Aufbewahrung, Anwendung und Wechsel- oder Nebenwirkungen. Diese Infos könnten u.a. die Beipackzettel der Medizinprodukte liefern, doch wie eine Studie an der Universität Heidelberg von 2019 zeigt, sind diese Informationen oft gefährlich lückenhaft.

Wenn wichtige Hinweise fehlen

Die Forschergruppe um Anette Lambert von der Abteilung Klinische Pharmakologie und Pharmakoepidemiologie untersuchte Packungsbeilagen aller in Deutschland verfügbaren TTS hinsichtlich ihrer Anwendungshinweise und definierte zunächst 28 wichtige Anwendungshinweise als Mindestanforderung für Informationen, die sich in den Informationsblättern finden sollten. Anschließend wurden 81 Packungsbeilagen daraufhin untersucht, ob und wieviele der wichtigen Hinweise sie enthielten. Unter anderem waren Klebe-Arzneien mit den Opioiden (Substanzen, die morphinartige Eigenschaften aufweisen und an Opioidrezeptoren wirken) Buprenorphin, Fentanyl oder Granisetron unter die Lupe genommen.

Das Ergebnis: Keine der Packungsbeilagen enthielt alle 28 als wichtig identifizierten Hinweise sondern, je nach Wirkstoff, nur 14-24 davon. Die Wissenschaftler kamen zu dem Schluss: "Gerade auf die Besonderheiten der TTS wie etwa die Art der Wirkstoffaufnahme, Überwachung der Anwendung, Lagerung und Entsorgung wurde unzureichend eingegangen."

Auch die Unterschiede bei wirkungsgleichen Klebe-Arzneien unterschieden sich erheblich - all das macht die Anwendung für Patienten besonders schwer einschätzbar. Die Studienautoren forderten deshalb: "Langfristig sollten jedoch standardisierte, Darreichungsform-spezifische Anwendungshinweise in die behördlichen Vorlagen für die Packungsbeilagen aufgenommen werden."

Die Heidelberger Wissenschaftler haben 28 Tipps zum Umgang mit Wirkstoffpflastern aus ihrer Untersuchung abgeleitet. Was Sie wissen müssen, haben wir hier zusammengefasst:

Mit Fingerspitzen: Vorbereitung des Pflasters

Auch wenn es manchmal etwas mühsam sein kann, die Folie vom Pflaster zu kriegen: keine Scheren oder Ähnliches verwenden! Wenn das Pflaster beschädigt wird, kann sich das z.B. auf die Klebeleistung auswirken - und das beeinflusst dann, wie gut oder eben schlecht der Wirkstoff über die Haut ins Blut abgegeben wird. Bei Membran­pflastern (auch Depotpflaster genannt) besteht sogar die Gefahr, dass der ganze Wirkstoff fast auf einmal freigesetzt wird, wenn sie beschädigt sind, denn unter der Folie liegt im Inneren ein Reservoir, statt unterteilter Felder. Stecken z.B. Opioide im Pflaster, kann das dann schlimmstenfalls lebensbedrohlich werden und Atemstillstand drohen.

Auch für schon beim Öffnen der Packung beschädigte Pflaster gilt: nicht verwenden!

Am richtigen Fleck: Wahl der Klebestelle

Wichtig bei der Wahl der Klebestelle ist, dass sie wenig Reibung, z.B. durch scheuernde Kleidung ausgesetzt ist und dass das Pflaster keine "Gelegenheit" hat mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen, denn wenn es sich löst, kann so auch der Wirkstoff von der Haut des anderen aufgenommen werden. Wer gern mit Kindern oder Partner kuschelt, sollte sich darum z.B. nicht den Nacken zum Kleben aussuchen. Klassiker unter den guten Stellen sind der obere Rücken, der obere Brustbereich, Ober­arm, Hüfte oder Oberschenkel.

Die Haut unter dem Pflaster sollte unbehaart (aber nicht rasiert, dabei können Reizungen und kleine Wunden entstehen), nicht gereizt oder verletzt, trocken und sauber sein. Aber: Bitte nur mit Wasser reinigen! Seife oder andere Pflegeprodukte können die Aufnahme des Wirkstoffes behindern oder verändern. Stark behaarte Menschen können an anvisierter Stelle übrigens mit einer Schere vorsichtig "stutzen" - die Haut nicht verletzen.  

Bei mehrfacher Anwendung gilt: Dieselbe Stelle erst nach 7 Tagen wieder nutzen, denn das Pflaster kann Hautreizungen bewirken, auch durch den Klebstoff. Außerdem kann die Haut durch das Pflaster etwas schlechter atmen (Wasser kann weniger gut verdunsten) und sollte sich an der benutzten Stelle dann erholen können.

Endlich Hautkontakt: Aufkleben

Das Pflaster sollte laut Experten mindestens 30 Sekunden mit der flachen Hand aufgedrückt werden. Beim Aufkleben selbst sollten Sie darauf achten die Innenfläche des Pflasters nicht zu berühren - das schadet dem Kleber und Wirkstoffe können so auf die Finger gelangen. Sollte es doch passieren: unbedingt Hände waschen, um keine Wirkstoffe über die Hände zu verbreiten.

Wichtig: In den meisten Fällen wird nur ein Pflaster auf einmal eingesetzt, es sei denn das ist ausdrücklich mit  dem Arzt anders besprochen oder vom Hersteller so vorgesehen (Beipackzettel). Das gilt auch, wenn der Nutzer erst einmal keine direkte Wirkung verspürt, denn wichtig zu wissen ist, dass die Wirkung, je nach Pflaster, nicht sofort einsetzt. Beispiels­weise kann bei Fentanyl-Schmerz­pflastern die Wirkung sogar erst nach 24 Stunden beur­teilet werden.

Leben mit Pflaster: Während der Nutzung

Wichtig zu wissen: Die Umgebungstemperatur beeinflusst, wie schnell oder langsam der Wirkstoff aus dem Pflaster aufgenommen werden kann und ins Blut gelangt. Bei Wärme geht’s schneller (und es kann zu  Überdosierungen kommen), bei Kälte dauert es länger. Darum sollten Sie während der Nutzung der Klebe-Arzneien für eine konstante Temperatur zumindest rund um die Klebestelle sorgen - Wärmflaschen, Sonnenbäder oder der Saunabesuch scheiden darum genauso aus, wie die Kältepackung.

Auch bei Fieber, wenn sich der ganze Körper aufheizt, kann es zu einem vermehrten Austritt des Wirkstoffes aus dem Pflaster kommen. Darum: Sicherheitshalber beim behandelnden Arzt nachfragen, ob die Nutzung des Pflasters kurzzeitig ausgesetzt werden muss.

Scheiden tut (nicht) weh: Pflaster entfernen und wechseln

Gerade bei Menschen, die über längere Zeit  Wirkstoffpflaster nutzen (wollen) gilt: Überblick ist wichtig! Damit also nicht doch irgendwo ein altes Pflaster übrig bleibt und Restwirkstoffe abgibt: Machen Sie es sich zur Routine erst das alte Pflaster zu entfernen, bevor ein Neues auf die Haut kommt - das gilt auch für helfende Angehörige und Pflegekräfte.

Wenn das Pflaster über mehrere Tage im Einsatz ist: Am besten Aufklebedatum notieren - aber nicht auf dem Pflaster, das kann es beschädigen. Wer unbedingt das Wechseldatum immer am Patienten tragen will: auf ein normales Heftpflaster schreiben und daneben kleben. Alternativ bietet sich auch die Pflasterverpackung für die Notizen an.

Und wie oben bei der Wahl der Klebestelle schon beschrieben: Bei Anwendung mehrerer Pflaster sollte dieselbe Stelle erst nach 7 Tagen wieder genutzt werden, damit sich die Haut erholen kann. Übrigens: Je haarärmer die Klebestelle vorher ausgesucht war, desto weniger schmerzhaft wird es beim Entfernen des Pflasters.

Weg damit: Entsorgung

Abgelaufene oder schon verwendete Wirkstoffpflaster können noch Reste von Arzneimitteln enthalten. Solche Pflaster sollten deshalb so entsorgt werden, wie es die jeweilige Region in der Müllverordnung vorsieht. Wichtig bei benutzten Pflastern: erst mit der wirkstoffhaltigen Innenseite zusammenfalten, damit ein zufälliger Kontakt ausgeschlossen wird und dann, für Kinder oder Haustiere unzugäng­lich, in einem geschlossenen Behälter extra entsorgen.

Und nach dem erfolgreichen "Abkleben": Hände waschen, damit auch kein Wirkstoff daran haften bleibt. Seife und Wasser genügen dazu.

Aufbewahrung: "Das war ja noch eins …"

Arzneistoffpflaster enthalten zum Teil hoch wirksame Medikamente - sie sollten darum getrennt von "normalen" Heftpflastern gelagert werden, um Verwechslungen zu vermeiden und: fernab von Orten, an denen Kinder sie erreichen können. Um den Überblick zu behalten, was im Pflaster steckt und vor allem auch, mit was der Wirkstoff in Wechselwirkung treten kann und wann das Produkt abgelaufen ist: unbedingt die ganze Verpackung mit aufbewahren.

Kurze Infos zur Anwendung kann man sich z.B. auf einem Klebezettel an die Verpackung heften. Und: in den Pflastern stecken "echte Arzneimittel", die Anwendung sollte darum mit dem behandelnden Arzt abgesprochen sein und die Pflaster nicht an andere Personen weitergereicht werden, wenn die eine ähnliche Symptomatik haben.

Beitrag von Lucia Hennerici

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