Junge Frau hat Nackenschmerzen (Quelle: imago/Jochen Tack)
Bild: imago/Jochen Tack

Interview | Nackenschmerzen - Blockade lösen mit der Atlastherapie

Schwindel, Tinnitus, motorische Probleme – alles nur wegen einer Blockade des ersten Halswirbels, des Atlas? Kann sein. Im Interview erklärt Matthias Löcher, wie die Atlastherapie nach Arlen helfen kann, wie eine Behandlung aussieht und was Sie vorsorglich tun können, damit die Halswirbelsäule fit bleibt. 

Herr Löcher, zunächst die Frage: Was genau ist eine Atlasblockade?

Eine Atlasblockade ist eine Bewegungsstörung – landläufig auch Blockierung genannt – der sogenannten Kopfgelenke. Das ist die Gelenkverbindung zwischen dem Hinterkopf und dem ersten Halswirbel, der Atlas heißt. 

Wie fühlt sich das für Betroffene an?

In der Regel macht es keine Schmerzen, allerdings kann es durch eine begleitende Verspannung der kleinen Nackenmuskeln schmerzhaft werden. Meist löst eine Blockierung jedoch andere Folgesymptome und Beschwerden aus – von Schwindel über Tinnitus, bis hin zu koordinativ-motorischen Problemen ist das sehr breit gefächert. 

Wodurch wird eine Atlasblockade ausgelöst?

Die Ursache lässt sich nicht immer genau auf einen Auslöser zurückführen, da die Beschwerden mit einer zeitlichen Verzögerung eintreten. Es gibt Fälle, da wird die Blockade durch einen Auffahrunfall, ein Schleudertrauma, ausgelöst. Manchmal ist es ein Sturz oder auch nur, dass man sich nachts verlegen hat. Es kann auch schon bei Babys zu einer Atlasblockade kommen, verursacht durch die Geburt oder die Lage im Bauch. 

Wie können Sie eine Atlasblockade diagnostizieren?

Es ist eine Zusammenstellung aus den Beschwerden des Patienten, aus der Vorgeschichte und der Untersuchung. Es gibt spezielle Untersuchungstechniken in der manuellen Medizin oder Osteopathie, um eine Atlasblockierung zu erkennen: Weil man weiß, in welche Richtung sich die Gelenke typischerweise bewegen, lässt sich mit den Händen feststellen, ob eine Richtung gestört ist. Sprich, ob es da Bewegungseinschränkungen gibt. Daraus kann man dann ableiten, ob es sich um eine Blockierung im Bereich des Atlas handelt und auch auf welcher Seite und in welche Richtung eine Störung vorliegt. 

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es, wenn Bewegungseinschränkungen festgestellt worden sind?

Es gibt in der manuellen Medizin zum einen die sogenannte Manipulationsbehandlung, also das klassische Einrenken, bei dem es knackt. Das Problem beim Einrenken ist: Wenn jemand beispielsweise eine schwere Osteoporose hat, kann er dabei Schaden davontragen. Die Atlastherapie dagegen ist eine Impulsbehandlung. Weil sie viel sanfter ist, eignet sie sich auch für solche Patienten. Dabei ist die Atlastherapie in meinen Augen gleich effektiv. Es gibt außerdem Mobilisationsbehandlungen, die aber meist nicht so wirksam sind.

Wie sieht die Impulsbehandlung aus?

Die Atlastherapie ist eine Impulsbehandlung mit dem Finger über den Querfortsatz des ersten Halswirbels (Atlas), den man oben am Hals tasten kann. Da macht man mehrere kurze schnelle Impulse von einer bestimmten Seite, in eine bestimmte Richtung, die man vorher festlegt – und damit lässt sich eine Fehlfunktion korrigieren. 

Wie lange dauert eine einzelne Behandlung und wie viele Therapiesitzungen sind nötig, um eine Blockade zu lösen?

Die Einzelbehandlung selbst geht sehr schnell, so um die fünf Minuten. In der Regel sind drei bis fünf Sitzungen nötig, mit einem Abstand von ein bis zwei Wochen zwischen den einzelnen Behandlungen. Die Länge der Therapie richtet sich aber auch nach dem Untersuchungsbefund und nach den Beschwerden des Patienten. 

Welche Nebenwirkungen können bei oder nach einer Atlastherapie auftreten?

Die Nebenwirkungsrate ist extrem gering, schwerwiegende Komplikationen gibt es praktisch nicht. Zweimal ist es in meiner Praxis vorgekommen, dass Patienten am nächsten Tag leichte Kopfschmerzen hatten. Manche Patienten werden etwas müde danach. Das liegt daran, dass man über die Atlastherapie auch das vegetative Nervensystem, speziell den Parasympathikus erreicht, der etwas dämpfend wirkt. Aber viele empfinden das eher als eine angenehme Nebenwirkung. 

Für wen ist die Atlastherapie nicht geeignet?

Im Grunde ist sie für jeden geeignet, bei dem eine funktionelle Störung in der Region vorliegt. Zunächst müssen jedoch andere Ursachen für die Beschwerden ausgeschlossen werden: Schwindel kann zum Beispiel auch mit dem Innenohr zusammenhängen oder durch eine Durchblutungsstörung ausgelöst werden. Wenn eine angeborene Fehlbildungen in der Region oder - in seltenen Fällen - ein Tumor vorliegt, sollte die Atlastherapie nicht angewandt werden.

Die Atlastherapie ist eine private Leistung, die von den gesetzlichen Krankenkassen nicht übernommen wird, da die Methode wissenschaftlich nicht hinreichend belegt sei. Spielt denn ein gewisser Placebo-Effekt bei der Behandlung eine Rolle?

Es ist leider in der Medizin heute so, dass sich viele Patienten danach sehnen, bei der Untersuchung angefasst zu werden – stattdessen werden sie immer nur durch irgendwelche teuren Geräte geschoben. Wenn man also jemanden mit den Händen behandelt, somit dicht am Menschen dran ist, kommt das der Wirksamkeit der Behandlung sicherlich zugute.

Wobei ich sagen muss, ich habe auch viele Patienten, die primär nicht an die Effektivität der Atlastherapie glauben – weil die Methode an sich nicht so eindrucksvoll wirkt: es geht schnell, tut nicht weh, knackt nicht. Viele fragen nach dem ersten Mal: Ach, das war es jetzt schon?

Unter dem Strich ist es eine Methode, mit der man keinerlei Schaden anrichten kann, die vielen sehr gut hilft und dann kann da von mir aus auch ein kleiner Placebo-Effekt drin sein, der ist in der Medizin ja inzwischen weit verbreitet und akzeptiert.

Worauf sollte ich als Patient achten, um einen geeigneten Therapeuten zu finden?

Die Atlastherapie nach Arlen wird nur an Ärzte gelehrt, die vorher bereits eine abgeschlossene Ausbildung in manueller Medizin haben. Die Atlastherapie sollte daher nicht verwechselt werden mit der sogenannten Atlaskorrektur-Behandlung, die – ich sage es mal ketzerisch – jeder lernen kann. Obgleich ich viele Heilpraktiker und Physiotherapeuten hoch schätze, halte ich die Atlastherapie für eine ärztliche Aufgabe – auch weil es darum geht, zunächst differentialdiagnostisch festzustellen, bei wem mache ich das jetzt und bei wem nicht.

Kann ich vorbeugend etwas tun, damit es meinen Halswirbeln möglichst lange gut geht?

Ja, wobei ich die Halswirbelsäule da nicht aus dem gesamten Menschen ausblenden würde, alles hängt zusammen: Wenn die Lenden-Becken-Region nicht ausreichend durch die Tiefenmuskulatur stabilisiert wird, versucht die Schulter-Nacken-Region dies auszugleichen. Um die Aufgabe der Stabilisierung zu übernehmen wird sie fest – und damit auch der Hals. Um dem entgegenzuwirken oder vorzubeugen, eignen sich daher sportlich-gymnastische Ansätze, die auch die Tiefenmuskulatur trainieren, wie Pilates, Yoga, Spiraldynamik oder Feldenkrais. Dann bleibt es auch oben lockerer. Viele Krankenkassen übernehmen auch die Kosten für Präventionskurse.

Und wer viel am Computer sitzt, dem empfehle ich, sich mit dem Handy einen Alarm zu stellen und dann einmal pro Stunde für fünf Minuten ein paar Dehnungsübungen zu machen. Das hilft wunderbar.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Löcher.

Das Interview führte Ariane Böhm 

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