Braunes Auge mit geplatzten Äderchen (Bild: Colourbox)
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Interview l Augengesundheit - Augenverletzungen – was tun?

Ein kleiner Squash-Ball, ätzendes Putzmittel oder Feuerwerk – all das kann ins Auge gehen und leider noch mehr. Wie schützt man sich? Was tun im Notfall? Wann braucht es einen Arzt? Und was ist heute in der Chirurgie möglich, um ein Auge zu behandeln? Antworten von Dr. Ameli Gabel-Pfisterer, Oberärztin für Augenheilkunde am Potsdamer Ernst-von-Bergmann-Klinikum.

Dr. Gabel-Pfisterer, welche Situationen im Alltag, bei der Arbeit und beim Sport sind
besonders riskant für die Augen?

 
Riskant sind alle Situationen, bei denen man mit Werkzeugen nah am Auge hantiert oder wenn Werkstücke oder Werkzeuge unerwartet mit hoher Energie in Bewegung kommen. In der Werkstatt gibt es die klassischen Hammer-Meißel-Verletzungen. Das sind Verletzungen, bei denen man mit einem harten Gegenstand auf harten Untergrund schlägt, dabei kleine scharfkantige Splitter abspringen, die dann tief ins Auge eindringen können. Kritisch sind natürlich auch spitze oder scharfe Geräte wie z.B. Dart-Pfeile.

Bälle führen eher zu stumpfen Verletzungen. Klassisch sind Verletzungen durch Squash-Bälle, die so klein sind, dass sie nicht von den Orbitalknochen abgehalten werden und in die Augenhöhle eindringen können, wo sie zu schweren Verformungen des Augapfels mit Gewebeeinrissen führen.

Aber beim Squash, wenn ich mit einer Motorsense oder Hammer & Meißel hantiere, kann ich meine Augen sehr einfach mit einer Brille schützen. In welchen Situationen sollte ich noch Schutzbrille tragen?
 
Bei allen Arbeiten, bei denen sich kleine Partikel lösen können und mit hoher Geschwindigkeit weggeschleudert werden, wie zum Beispiel beim Sägen mit der Kreissäge oder beim Bohren von Löchern. Aber auch bei Arbeiten mit dem Schraubenzieher sollte man eine Schutzbrille tragen, da man schnell abrutschen und dabei das Auge verletzen könnte.

Eine ganz andere Situation: Wenn mir das Putzmittel runterfällt und die ätzende Flüssigkeit in mein Auge läuft …
 
Bei Verätzungen sehen wir Ärzt*innen zum einen oberflächliche Verletzungen, die zu Vernarbungen von Lidern, Bindehaut oder Hornhaut führen können. Es gibt aber auch Folgeschäden von Verätzungen, die erst mit einer gewissen Verzögerung problematisch werden und zum Beispiel zu Grauem oder Grünen Star führen.

Was kann ich bei Verätzungen als Erste-Hilfe-Maßnahme tun, in der Zeit in der ich auf den Krankenwagen warte?
 
Die Devise lautet hier: Spülen, spülen, spülen – um so viel wie möglich von den Chemikalien aus dem Bindehautsack wieder auszupülen! Da kann man im Prinzip alles nehmen, was an Flüssigkeit zur Verfügung steht – am liebsten natürlich Wasser oder spezielle Augenspüllösungen.
Aber wenn nichts anderes da ist, geht es auch mit Limonade oder Bier. Das Wichtigste ist, die schädlichen Chemikalien von der Augenoberfläche möglichst schnell wegzubekommen!

Warum ist es wichtig, Augenverletzungen und -verätzungen möglichst schnell von Fachärztinnen untersuchen zu lassen?
 
Nur wenn man die Patienten mit der Spaltlampe untersucht, erkennt man kleine Verletzungen, die man mit dem bloßen Auge nicht sehen kann. Unter Umständen können Verletzungen in der Tiefe entstanden sein, die man nur mit speziellen Untersuchungen und Geräten, wie zum Beispiel der Spaltlampe, bei Fachmann/frau diagnostizieren kann.

Welche Methoden gibt es, um schwierige Augenverletzungen zu behandeln?

Bei schwerwiegenden Augenverletzungen muss man zunächst differenzieren, welche Struktur des Auges betroffen ist: Ist hauptsächlich der vordere Augenabschnitt betroffen, kann man z.B. die Hornhaut mit feinen Fädchen nähen. Bei tieferen oder großflächigen Verletzungen der Hornhaut besteht die Möglichkeit eine dünne Membran zur Unterstützung des Heilungsprozesses über der Hornhaut zu fixieren.
 
Sind tiefere Strukturen wie die Augenlinse betroffen, kann man die verletzte oder verschobene natürliche Linse entfernen und durch künstliche Linsen ersetzen.
Wenn die Augapfelwand - die Lederhaut - eingerissen ist, muss diese mit feinen Instrumenten genäht werden, um den Augapfel wieder zu stabilisieren.
 
Ist die Netzhaut durch Netzhautrisse von der Unterlage abgehoben, muss man zügig operativ tätig werden, um die Nährstoffversorgung und somit die Funktionsfähigkeit der Netzhaut zu erhalten. Auch in diesem Bereich, der Netzhautchirurgie, haben wir durch immer kleinere Instrumente und neue Endotamponaden zum Auffüllen des Glaskörperraums in den letzten Jahren viele Fortschritte erlebt.

Welche Verletzungen des Auges sind aus Ihrer Sicht am schwierigsten zu behandeln?

Am unangenehmsten für uns Augenärzte sind schwere Verletzungen, die durch Feuerwerkskörper oder Knallkörper entstehen. Das sind oft sehr unschöne Kombinationsverletzungen aus thermischen, chemischen und mechanischen Schäden, die ziemlich unübersichtlich sein und viele Strukturen des Auges gleichzeitig betreffen können.
 
Trotz intensiver Therapie heilen schwere Oberflächenverletzungen, stumpfe Augenprellungen oder Zerreißungen des Augapfels häufig nur mit bleibenden Schäden ab.

In Ländern wie Schweden, den Niederlanden oder Finnland sind Feuerwerk und Böller teilweise oder ganz verboten – welchen Einfluss hat das auf die Anzahl an Unfällen, bei denen das Auge betroffen ist?
 
Es hat einen extrem großen Einfluss auf die Anzahl der Unfälle! Wir wissen aus großen Metastudien, dass die Anzahl von Feuerwerks-Verletzungen in Ländern, in denen privates Feuerwerk verboten ist, um den Faktor 90 zurückgeht.

Daher setzt sich auch die Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft ganz klar für sicheres Feuerwerk ein. Wir sind der Ansicht: Wenn Feuerwerk, dann sollte es aus der Hand von Profis kommen.

Gibt es noch etwas, das Sie unseren Leserinnen und Lesern mitgeben
wollen?

 
Uns Augenärzt*innen ist es wichtig, dass es künftig möglichst wenig oder am besten überhaupt keine Verletzungen durch Feuerwerkskörper mehr gibt. Kinder und Jugendliche sowie unbeteiligte Zuschauer oder Passanten sind viel zu häufig betroffen.
Schwere Feuerwerksverletzungen sind sind sehr komplex und heilen trotz intensiver Therapie nur mit Folgeschäden ab. Und es sind gleichzeitig die Verletzungen, die am leichtesten vermeidbar wären.

Vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Ariane Böhm

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