To Go Becher aus Bambus und Plastik (Bild: imago images/Jan Huebner)
Bild: imago images/Jan Huebner

Interview l Zusatzstoffe in Mehrweggeschirr - Bambusbecher & Co.: Schadstoffe to go?

Ob Coffee-to-go-Becher, robuste Kinderteller oder Campinggeschirr – Bambusgeschirr liegt im Trend. Klar: Es ist nachhaltig, das Material ist leicht und "Bambus" klingt nach natürlichem Material. Doch das Geschirr kann gesundheitsschädlich sein. Der Grund sind Zusätze, denn Bambusgeschirr besteht oft nicht aus reinem Bambus. Das Bundesinstitut für Risikobewertung warnt nun vor Bamboo-Bechern. rbb Praxis hat nachgefragt.

"Geschirr aus Bambusware nicht für heiße Getränke nutzen", mit diesen Worten warnt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Ende November per Pressemitteilung. Betroffen und gemeint ist Geschirr aus Melamin-Formaldehyd-Harz (MFH), das oft Bambusfasern als Fülstoff enthalte und darum "Babooware" oder Bambusware genannt wird. Besonders beliebt, weil leicht und doch bruchfest sind to-go-Becher für Kaffee oder Tee. Doch weil diese Getränke in der Regel heiß serviert werden, lauern hier besondere Gefahren, so das Bundesinstitut. Wir haben mit dem Leiter der Fachgruppe "Sicherheit von Lebensmittelkontaktmaterialien", Dr. Stefan Merkel, gesprochen.

Herr Dr. Merkel, welches Geschirr zählt denn genau zu den "Bambus-Produkten"?

Wir haben eine Risikobewertung zur Freisetzung von Melamin und Formaldehyd aus füllbaren Gegenständen, wie Becher, Tassen, Schalen aus Melamin-Formaldehyd-Harz (MFH) durchgeführt. Melamin-Formaldehyd-Harze sind Kunststoffe, die sehr hart und stabil sind. Deshalb wird daraus häufig Kinder- und Campinggeschirr hergestellt. Zudem werden auch Küchenutensilien wie Teller, Schüsseln, Becher oder Besteck aus MFH hergestellt.

Die Ausgangsstoffe für die Herstellung von MFH sind Melamin und Formaldehyd. Außerdem werden bei der Herstellung des Kunststoffs bestimmte Füllstoffe eingesetzt. In den letzten Jahren werden dabei zunehmend alternative Füllstoffe wie Bambusfasern verwendet. Die fertigen Produkte werden deshalb häufig als "Bambusware" beworben. Es handelt sich trotzdem um Kunststoffprodukte. Beschreibungen wie "besonders umweltfreundlich, biologisch abbaubar oder ausschließlich aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt" treffen nicht zu. MFH ist ein Kunststoff, der nicht biologisch abbaubar ist - auch dann nicht, wenn ihm alternative Füllstoffe zugesetzt sind.

Welche Risiken gibt es, wenn man Bambusprodukte benutzt?

Diese sogenannten Bambusprodukte sind Kunststoffe - ein Polykondensat - und dieser Kunststoff kann sich bei hohen Temperaturen wieder zersetzen und dann die Stoffe Melamin und Formaldehyd abgeben. Die landen dann im Lebensmittel beziehungsweise im Getränk.

Was heißt das für die Gesundheit? Welche Gefahren sehen Sie da?

Wenn Sie Melamin oder Formaldehyd über lange Zeit aufnehmen, kann es gesundheitliche Risiken geben. Im Tierversuch hat sich gezeigt, dass durch Melamin Nierenschädigungen auftreten können, beim Formaldehyd hat sich im Tierversuch gezeigt, dass es zu Verletzungen des Vormagens und des Magens kommt. Der Mensch hat keinen Vormagen, das heißt hier könnte es zu entzündlichen Veränderungen in der Speiseröhre kommen.

Woran erkenne ich, welchen Becher ich bedenkenlos benutzen kann?

Das ist das Problem - Sie sehen dem Becher nicht an, ob der viel Melamin oder Formaldehyd freisetzt. Wenn sie einen Bambusbecher nehmen, setzt der im Mittel laut unseren Daten mehr Melamin und Formaldehyd frei, als normales Melamin-Formaldehyd Harzgeschirr, welches nicht mit Bambus gefüllt ist.

Manchmal steht auf den Bechern "Harz" oder die englische Bezeichnung "resin", dann kann man im Grunde davon ausgehen, dass es Melanin-Formaldehyd-Harz ist. Aber: Eine Kennzeichnungspflicht gibt es nicht.

Ab welcher Temperatur ist die Verwendung überhaupt schädlich?

Bei heißen Temperaturen raten wir von der Verwendung ab. Heiß bedeutet in dem Fall, dass wir die Heißabfüllung getestet haben, also zwei Stunden bei 70 Grad. Das wäre zum Beispiel der Fall, wenn sie einen Kaffee draus trinken. Da haben wir festgestellt, dass oft zu viel Formaldehyd und Melamin freigesetzt wird.

Daher halten wir beispielsweis solche Coffee-to-go Becher für die Verwendung mit heißen Getränken nicht geeignet, für kalte oder lauwarme Getränke aber schon.

Warum dürfen die Becher frei verkauft werden, wenn sie schädlich sind?

Sie sind ja nicht per se schädlich. Es gibt eine Kunststoffverordnung, in der festgelegt ist, wie viel Melamin und Formaldehyd die Produkte ans Lebensmittel unter bestimmten Testbedingungen abgeben dürfen, so dass es nicht schädlich für die menschliche Gesundheit ist.

Es sind Grenzwerte festgelegt, sogenannte Migrationsgrenzwerte, und wenn die überschritten werden, kann es zum Risiko werden. Wenn die amtliche Lebensmittelüberwachung einen Becher prüft, der diese Grenzwerte überschreitet, müsste der vom Markt genommen werden.

Welche Alternativen zur Bambusware können Sie empfehlen?

Edelstahl, Glas oder Porzellanbecher sind für heiße Getränke und Flüssigkeiten eine gute Alternative.

Dr. Merkel, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Laura Will

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