Frau steht angstvoll am fenster mit Mundschutz auf (Quelle: imago/MiS)
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Interview | Auswertung einer Studie - Krankheitsangst in der Corona-Pandemie

Von Hamstern über Verunsicherung bis hin zu Nachbarschaftshilfe - jeder geht anders mit der Corona-Pandemie um. Während die einen in Panik verfallen und zu Hypochondrie neigen, reagieren andere gelassen. Wie genau Menschen auf das Virus und die damit womöglich entstehenden Probleme reagieren, das hat Stefanie Jungmann durch eine aktuelle Online-Befragung herausbekommen.

Stefanie M. Jungmann, Juniorprofessorin am Psychologischen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ist Leiterin des Behandlungsschwerpunkts "Hypochondrie und Krankheitsangst" an der Poliklinischen Institutsambulanz für Psychotherapie.  Vor wenigen Tagen hat Sie eine Studie zum Thema "Angst in Zeiten von Corona" abgeschlossen. Die RBB-Praxis spricht mit ihr als Erste exklusiv über die Ergebnisse.

Inwiefern ist die aktuelle COVID-Pandemie für Sie als Wissenschaftlerin interessant?

Seit einigen Jahren beschäftige ich mich sowohl wissenschaftlich als auch psychotherapeutisch mit Krankheitsängsten. In Zeiten von Virus-Epidemien oder Pandemien sind Krankheitssorgen weitverbreitet. Aus Studien wissen wir, dass z. B. bis zu über 50 Prozent der Menschen während Pandemien unter Krankheitssorgen leiden, die sehr belastend sein können. Im Kontext von Pandemien versuchen wir besser zu verstehen, welche Faktoren zur Entstehung von Krankheitsängsten beitragen, diese verstärken und aufrechterhalten. Eine Rolle können Persönlichkeitsmerkmale, Medienberichte oder auch eine exzessive gesundheitsbezogene Internetnutzung, eine Cyberchondrie, spielen.

Was versteht man unter Cyberchondrie?

Das ist eine wiederholte und/oder exzessive gesundheitsbezogene Internetrecherche, die zu Ängsten und einer emotionalen Belastung führen kann. Eine Studie hat gezeigt, dass in Zeiten einer Pandemie die Menschen häufig im Internet nach Informationen suchen und sich somit rückversichern (z. B. hinsichtlich eigener Symptome). Einige Sicherheitsverhaltensweisen können allerdings, wenn sie z. B. übermäßig ausgeführt werden, nachteilig sein.  Auch im Rahmen von Virus-Pandemien zeigen Studien, dass die Art und Menge an Information, die wir über die Medien konsumieren eine relevante Rolle für deren Funktion spielt. Zum Beispiel können übertrieben emotionale und ungenaue Informationen Sorgen verstärken, korrekte und verständliche Informationen können dagegen dazu beitragen, dass präventive Maßnahmen (z. B. Abstand halten) in der Bevölkerung umgesetzt werden.

Vor wenigen Tagen haben Sie eine Online-Befragung zum Thema 'Wie gehen Sie mit der Coronavirus-Pandemie um?' durchgeführt. Was haben Sie dabei untersucht und gibt es bereits Ergebnisse?

In dieser Studie haben wir die Zusammenhänge von Krankheitsangst, Mediennutzung sowie der Angst vor dem Virus untersucht. Zusätzlich haben wir uns angeschaut, wie die Menschen mit der aktuellen Situation umgehen (d.h. präventive Maßnahmen, Sicherheitsverhaltensweisen und Bewältigungsstrategien). An der Studie nahmen über 1.600 Personen aus der Allgemeinbevölkerung teil. Etwa die Hälfte der Befragten gab eine mittlere bis starke Angst vor dem Virus an. Das Gefühl, ausreichend über bestimmte Bereiche zur Pandemie informiert zu sein, unterschied sich zwischen den Bereichen (z.B. Übertragungswege, Symptome, medizinische Versorgung). Zum Beispiel fühlen sich ca. 75 Prozent zu den Übertragungswegen gut informiert, bei den Informationen zur medizinischen Versorgung und ob diese ausreichen, waren die TeilnehmerInnen verunsicherter. Hinsichtlich der Verhaltensweisen im Zusammenhang mit der Pandemie gaben z. B. 85 Prozent an, regelmäßig Informationen im Internet zu suchen, 23 Prozent gaben an in größeren Mengen als üblich Lebensmittel einzukaufen und 2 Prozent gaben an, Hygieneartikel aus Einrichtungen etc. entwendet zu haben. Zudem fanden wir heraus, dass je höher die vorbestehenden Gesundheitssorgen sind und je höher das Ausmaß an Cyberchondrie ist, desto höher ist die aktuelle Angst vor dem Virus (zum Erhebungszeitraum 15.-22. März).

Gibt es bestimmte Merkmale oder Persönlichkeitsfaktoren, die im Zusammenhang mit den Ängsten stehen?

In unserer Studie haben wir  heraus gefunden, dass die Zunahme der Angst von Dezember bis März bei Menschen stärker war, die bereits vorher eine höhere Ausprägung an Ängstlichkeit und Krankheitsängstlichkeit hatten. Das heißt, unsere Studie weist darauf hin, dass Menschen, die allgemein ängstlicher sind oder sich allgemein häufig Sorgen um die Gesundheit machen, in Zeiten einer Virus Pandemie durchschnittlich stärkere Ängste und eine höhere Belastung entwickeln. In unserer Studie fanden wir keine Zusammenhänge zwischen dem Alter der Personen und den mit SARS-Cov-2 verbundenen Ängsten. Während bisherige Studien eher zeigten, dass Frauen stärkere Ängste in Pandemien entwickeln, fanden wir heraus, dass Männer tendenziell mehr Ängste angaben. Allerdings ist dieses Ergebnis vorsichtig zu interpretieren, da unsere Stichprobe hinsichtlich der Geschlechterverteilung nicht repräsentativ ist.

Was können Menschen tun, psychisch belastbarer zu sein oder besser mit Pandemien umzugehen?

In unserer Studie fanden wir auch heraus, dass positive Strategien zur Emotionsregulation einen günstigen Effekt haben können. Zum Beispiel sind das ein positives Planen der Zukunft oder eine Umdeutung der Situation. Bei der Behandlung von pathologischen Krankheitsängsten versuchen wir  auch mit den PatientInnen Situationen umzudeuten (flexibler in der Denkweise zu sein) und für eine Körperempfindung alternative Erklärungen zu finden. Wenn ein/e Betroffene/r beispielweise ein schnelleres Atmen bemerkt und damit eine ernsthafte Erkrankung in Verbindung bringt, versuchen wir gemeinsam alternative Erklärungen für diese Beschwerde zu finden. Das Ergebnis ist meist, dass harmlosere Erklärungen für die Körperempfindung eine wahrscheinlichere Erklärung sind (zur Erklärung: Die PatientInnen mit pathologischer Krankheitsangst wurden im Vorhinein der Psychotherapie auch medizinisch untersucht). Im Hinblick auf die Internetrecherchen ist zu empfehlen hier auf seriöse Quellen zurück zugreifen und die Internetrecherche (falls übermäßig) versuchen, zu reduzieren. Und daran mit einem Zettel am Bildschirm zu erinnern.

Diese Studie ist bereits abgeschlossen. Bleiben Sie an dem Thema dran?

Unsere Abteilung führt aktuell, bis etwa Mitte April, eine weitere Studie zum Thema "Psychologische Auswirkungen von physischer Distanzierung und Quarantäne" durch. Diese Online-Umfrage beschäftigt sich mit der Frage, welche Erfahrungen Menschen derzeit mit den Maßnahmen zur Eindämmung und Verlangsamung der Corona-Virus-Pandemie haben. Hier interessieren uns insbesondere die Bereiche von sozialem bzw. physischem Abstandhalten ("social/physical distancing") und einer möglichen Quarantäne. Welche Auswirkungen haben diese Maßnahmen auf  Denken, Fühlen und Verhalten, z.B. im Bereich der Nutzung von sozialen Medien. Jeder kann daran online teilnehmen.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Jungmann.
Das Interview führte Pia Kollonitsch.

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