Eine junge Frau liegt mit einer Wärmflasche auf dem Sofa (Quelle: imago/McPHOTO)
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Magen- & Darmgesundheit - Reizdarm, entspann dich!

Ist der Darm gereizt, zeigt er sich von seiner nicht charmanten Seite: mit Blähungen, Durchfall oder Verstopfungen – und Schmerzen. Was es mit dem Reizdarm-Syndrom auf sich hat, welche Rolle die Psyche spielt und wie Essen und Entspannung helfen können, darüber hat rbb Praxis hat mit Prof. Harald Matthes gesprochen.

Fast jeder von uns hatte irgendwann schon einmal eine schmerzhafte Verstopfung, Blähungen oder Durchfall. Sei es wegen Stress im Beruf, dem Streit mit der besten Freundin oder weil wir uns im Frankreich-Urlaub nur von Croissants ernährt haben.

Aktuell

Resilienz stärken

Auch die Corona-Pandemie und damit verbundenes Social Distancing bringen für sehr viele Menschen emotionalen Stress mit sich, der sich in Form von körperlichen Beschwerden bemerkbar machen kann, wie u.a. Herzklopfen, Schwindel, ein Engegefühl in der Brust – oder Magen-Darm-Beschwerden.

Was dagegen hilft? Einen resilienten Umgang mit der aktuellen Situation finden und die eigene psychische Gesundheit stärken. Das Leibniz-Institut für Resilienzforschung hat dazu einen Leitfaden erstellt – mit wissenschaftlichen Hintergründen und praktischen Tipps für den neuen Corona-Alltag. 

lir-mainz.de - Corona Pandemie - Empfehlungen zur Stärkung der psychischen Gesundheit

Was aber, wenn die Darm-Probleme kommen – und bleiben? Erst begleitet von heftigen Krämpfen, Bauchschmerzen und Verstopfung, vielleicht gefolgt von einer Phase mit starken Blähungen und Durchfall.

Wann ist es ein Reizdarm?

Von einer Reizdarm-Symptomatik sprechen Medizinerinnen und Mediziner dann, wenn die schmerzhaften Probleme der Stuhlentleerung, der -häufigkeit und -konsistenz über einen längeren Zeitraum immer wieder auftreten und die Lebensqualität der Betroffenen deutlich beeinträchtigen. Länger heißt: mindestens drei Monate lang und mindestens einmal pro Woche.

Außerdem müssen Ärztinnen und Ärzte andere Erkrankungen als Ursache ausschließen können, wie beispielsweise Krebs, Entzündungen oder Infektionen. Dazu werden u.a. Darmspiegelungen und andere diagnostische Verfahren eingesetzt.

"Früher dachte man, man könne unterschiedliche Reizdärme unterscheiden: Den vom Bläh-Typ, den vom krampfartigen Schmerz-Typ und den Diarrhoe-Typ. Studien haben aber gezeigt, dass die Typen ineinander übergehen", sagt Prof. Harald Matthes, Leiter der Abteilung für Gastroenterologie am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe.

Woher kommt der Reizdarm?

Zur Entstehung von Reizdarm gibt es viele Hypothesen. Als gesichert gilt, dass Reizdarm die Folge einer Magen-Darm-Infektion sein kann. Eine gestörte Darmbewegung (Motilitätsstörung) und eine erhöhte Durchlässigkeit oder Immunaktivität der Darmschleimhaut können ebenfalls Auslöser sein.

Ein besonders hoher Risikofaktor ist Stress: "Wir wissen inzwischen, dass Menschen, die frühkindlichem Stress ausgesetzt waren, Schmerzsignale auch im Erwachsenenalter anders verarbeiten", so Prof. Harald Matthes. Was man heute auch weiß: Eine gewisse Hypersensibilität der Darmschleimhaut spielt eine Rolle beim Reizdarmsyndrom.

Um zu testen, wie (über)empfindlich die Darmschleimhaut eines Menschen ist, haben japanische Wissenschaftler ein Gerät entwickelt: Eine Art Ballon wird in das Rektum geführt und dann langsam aufgeblasen, bis es schmerzhaft wird. "Bei Reizdarm-Patientinnen und -Patienten setzt der Schmerz bereits viel früher ein. Das heißt, die gleiche Dehnung des Darmes führt zu unterschiedlicher Schmerzwahrnehmung", sagt Prof. Harald Matthes.

Antibiotika versus Mikrobiota

Ein weiterer Risikofaktor sind Antibiotika: "Menschen, die vor dem dritten Lebensjahr Antibiotika bekommen haben, entwickeln häufiger ein Reizdarmsyndrom als andere", sagt der Gastroenterologe. Antibiotika greifen in die Zusammensetzung der Darmbakterien ein und sorgen für eine Verschiebungen der Darm-Mikrobiota. Eine vaginale Geburt und das anschließende Stillen können dagegen bei Säuglingen dazu beitragen, eine gesunde Mikrobiota zu entwickeln.

Wissen

Die Mikrobiota ist die Gesamtheit aller lebenden Bakterien, Pilze, Viren und Einzeller die symbiotisch mit, auf und im Menschen Leben. Das Mikrobiom ist die Gesamtheit aller Genome dieser Mikroorganismen. Die meisten Mikroorganismen leben im Darm, sie kommen aber auch auf der Haut und der Schleimhaut vor.

Eine gute Darm - Mikrobiota ist wichtig, denn die Darmbakterien wirken nicht nur lokal, sie können sogar Hirnfunktionen beeinflussen. "Die Diversität der Bakterien ist letztendlich auch verantwortlich dafür, wie fein das Immunsystem trainiert und sich differenzieren kann", so Prof. Harald Matthes. Und: Die meisten Immunzellen haben wir im Darm, nicht im Blut. Der Darm ist Prof. Matthes zufolge damit das größte immunologische Organ.

Was der Darm nicht mag

Fertiggerichte, Konserven, Frittiertes, Fastfood, Weißmehl, Zucker – die Ernährungsweise westlicher Industrieländer mit all den hoch verarbeiteten Lebensmitteln ist in jeglicher Hinsicht ungesund. Prof. Matthes zufolge ist sie auch so ziemlich das Schlechteste, was man seinem Darm antun kann: "Der Zucker wird durch die Bakterien gespalten, dadurch entsteht CO2-Gas und dadurch hat man dann einen Blähbauch", so Prof. Matthes weiter.

Gibt es noch mehr No-Gos für Menschen mit Reizdarm? "Diejenigen, die eher einen dünnen, flüssigen Stuhl haben, sollten mit Kaffee zurückhaltend sein, weil die Röstprodukte reizend auf den Darm und beschleunigend wirke", so Prof. Matthes.

Essen für die Darmflora

Durch Ernährung können wir unsere Mikrobiota in verschiedene Richtungen beeinflussen: "Eine sehr fettreiche Ernährung führt zu einem metabolischen Syndrom, Adipositas und auch zu einem vermehrten Reizdarm", so der Mediziner. Anders sieht es mit "guten" Fetten aus, die z.B. in kaltgepresstem nativem Olivenöl oder Nüssen vorkommen – diese haben einen positiven Effekt auf die Gefäße.

"Insbesondere die ungesättigten Fette, sollte man reduzieren, und umgekehrt sehr viel Laktobazillen und Bifidobakterien zu sich nehmen. Zum Beispiel gibt es Joghurts, in denen der Anteil an Bakterien besonders hoch ist", empfiehlt Prof. Matthes. Genauso wichtig ist eine abwechslungs- und ballaststoffreiche Kost mit viel Gemüse, Vollkorn, Hülsenfrüchten und Nüssen.

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Ballaststoffe sind Kohlenhydrate, die im Dünndarm nicht aufgeschlossen werden können. Sie landen unverdaut im Dickdarm und werden dort von Bakterien zersetzt. Dabei entstehen kurzkettige Fettsäuren, die über die Darmzellen in die Blutbahn gelangen – sie stärken das Immunsystem und können vor Bluthochdruck schützen.

Ein Monat – 15 verschiedene Gemüse

Gemüse ist gut, am besten viel und so bunt wie möglich: "Es wird empfohlen zehn bis 15 verschiedene Gemüsesorten pro Monat zu essen", sagt Prof. Matthes. Besonders gut ist auch Wurzelgemüse. Dabei gehe es weniger um das Wurzelgemüse als solches und viel mehr um die Bakterien, die daran hängen und dazu beitragen, die Mikrobiota weiter zu differenzieren, erklärt der Gastroenterologe.

Das gilt für Menschen mit Reizdarm-Symptomatik gleichermaßen wie für alle anderen. "Heute sind wir weg von der Vermeidung, wir wollen nicht, dass die Patienten irgendwann bei einer Ernährung aus Reiswaffel und Wasser ankommen. Wir setzen auf Training. Und das heißt, ich muss immer so weit gehen, dass ich ein bisschen Muskelkater habe", sagt Prof. Matthes.

Von leichtem Gemüse bis zum Rohkostsalat

Bei Menschen mit Reizdarm bedeutet das: Anfangen mit leichtem Gemüse und hochwertigem nativen Öl. "Man steigert die Ernährung dann Woche für Woche immer bis zu dem Punkt, wo die Patientinnen und Patienten ein bisschen Blähungen bekommen oder ein bisschen Schmerzen spüren", erläutert Prof. Matthes. Rohkostsalate seien sozusagen die Endstrecke dieses Trainings.

"Viele denken, sie müssen damit anfangen, weil Salate gesund sind. Es ist aber so, dass die Salate am Anfang sehr schlecht vertragen werden, viele bekommen dann Krämpfe und Bauchschmerzen", sagt der Arzt.

Pro Probiotika?

"Wenn ein Mensch Antibiotika genommen hat oder einen Magen-Darm-Infekt hatte, sind Probiotika am Anfang hilfreich, um die Darmflora wieder aufzubauen. Dieser Effekt nimmt aber nach sechs bis acht Wochen ab. Langfristig kann man die Darmflora nur aufbauen und erhalten, indem man die Ernährung entsprechend umstellt", so Prof. Matthes.

Wenn man viel unterschiedliches Gemüse isst, erhöhen sich die sogenannten Ruminococcus Bakterien im Darm: "Das sind die besten Freunde von den Bifida- und Laktobakterien. Die bilden dann gemeinsam eine große Gruppe gegenüber den Entero- und Bacteroidesbakterien, wodurch sich die Darmflora verbessert."

Bitte mehr bitter

Bei den stimulierenden Substanzen spielen pflanzliche Bitterstoffe eine große Rolle. Prof. Matthes: "Wir haben etwa 120 gastrointestinale Hormone, die den Darm und die Verdauung regulieren und die durch die Bitterstoffe sehr gut angeregt werden. Außerdem verbessern Bitterstoffe das Sättigungsgefühl."

Das Problem: In vielen kultivierten Salat- und Gemüsesorten, wie Chicoree, Artischocken  oder Rucola ist der Gehalt an Bitterstoffen durch Züchtung reduziert worden. Wildpflanzen oder ältere Sorten haben oft noch mehr Bitterstoffe.

Pflanzliche Bittermittel, die im Klinikum Havelhöhe bei Reizdarm eingesetzt werden, sind beispielsweise Gentiana und Absinthum. Als krampflösende Mittel können Kamille und Pfefferminzöl eingesetzt werden.

Die Rolle der Psyche

Nicht jeder, der unter einem Reizdarmsyndrom leidet, hat auch psychische Leiden. Psychische Komorbiditäten treten jedoch häufig auf: Die Symptome eines Reizdarmsyndroms können Folgen einer Angststörung oder Depression sein – können aber auch unabhängig voneinander bestehen. Weiterhin kann eine schwere Reizdarmsymptomatik die empfundene Lebensqualität von Menschen so herabsenken, dass sie in Folge eine Depression entwickeln.

Gastroenterologie und Psychosomatik

Ein fachübergreifendes Behandlungskonzept von Gastroenterologie und Psychosomatik ist gerade bei Reizdarm sinnvoll und stellt heute den modernen Standard dar. "Wir haben festgestellt, dass die medikamentöse Therapie bei der Reizdarm-Symptomatik gar keine so große Rolle spielt", so Prof. Matthes. Viel entscheidender seien Änderungen im Verhalten der Patientinnen und Patienten.

Lebensstiländerungen statt Medikamente

Neben einer Ernährungsumstellung sind wichtige Bausteine dabei u.a. die Kunst- und Bewegungstherapie, wie auch Yoga, äußere Anwendungen, wie rhythmische Massagen, sowie Achtsamkeitstraining und Entspannungsverfahren oder auch Darm-Hypnose.

Was hilft, ist individuell verschieden

Das Klinikum Havelhöhe hat im Rahmen einer Studie über acht Wochen ein Trainingsprogramm mit zwei Gruppen von Reizdarm-Patientinnen und Patienten gemacht. "Bei der einen Gruppe mit schwerem Reizdarm hatte sich der Zustand ihres Darms nach dem Programm normalisiert – auch ein Jahr später noch", sagt Gastroentereologe.

Bei der anderen Gruppe jedoch, war nur eine 25-prozentige Verbesserung ihrer Reizdarmsymptomatik eingetreten. Das war die Gruppe, die zudem als Begleiterkrankung Depression und Angststörungen hatte.

Entspann dich! Jetzt!

Eine Erklärung: "Je höher das Angstlevel, desto schwerer fällt es Betroffenen, sich auf eine Entspannungsübung überhaupt einzulassen und loszulassen. Entsprechend gering ist der Entspannungseffekt", so der Gastroentereologe.

Vor dem Hintergrund der Studienergebnisse sind Prof. Matthes und sein Team daher dazu übergegangen, zunächst eine bestehende Angst-  oder Depressionssymptomatik zu therapieren, um anschließend in einem eigenen Modul das Reizdarmsyndrom zu behandeln.

Beitrag von Ariane Böhm

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