Hinweisschild Rettungsstelle in einem Krankenhaus (Quelle: imago/Petra Schneider)
Bild: imago /Petra Schneider

Interview | Rechtzeitig in die Rettungsstelle - Aus Angst vor Corona nicht in die Notaufnahme?

In Notaufnahmen gibt es weniger Patient*innen. Das heißt allerdings nicht, dass weniger Menschen Hilfe benötigen. Denn einige haben Angst, sich dort anzustecken. Wann muss man in die Notaufnahme und wie sicher ist die Behandlung dort? In welchen Fällen sollten Hausärzt*innen aufgesucht werden?

Laura Will hat für die rbb Praxis mit dem Notfallmediziner Dr. Daniel Schachinger gesprochen.

Gerade im ersten Lockdown war immer wieder davon zu lesen, dass aus Angst vor einer Infektion mit COVID-19 weniger Menschen in die Notaufnahme kommen – merken Sie diesen Effekt zurzeit?

Nach wie vor ist es so, dass die leichter erkrankten Patienten nicht so zahlreich bei uns in der Notaufnahme vertreten sind. Zudem ist unser Eindruck, dass die Menschen kränker kommen als früher.

Wodurch erklären Sie sich das Phänomen?

Das ist multifaktoriell. Es ist mit Sicherheit so, dass manche Patienten an sich eine Hemmnis und Sorge haben, sich anzustecken, weil ja bestimmte Wartebereiche sowohl in Hausarztpraxen als auch in Kliniken vielleicht eine gewisse räumliche Enge haben. Der andere Grund ist, dass sich auch die Haltung gegenüber Erkrankungen verschoben hat. Corona dominiert zurzeit alles und ist sozusagen die Referenz für die Erkrankungsschwere. Viele andere Erkrankungen werden bagatellisiert. Das heißt, manche denken, dass andere Erkrankungen im Vergleich zu Corona nicht so schlimm sind und schon wieder verschwinden werden. Darunter fallen dann leider auch Symptome wie ein Brustschmerz, der Ausdruck eines Herzinfarktes sein kann.

Welche Folgen hat das?

Für uns als Notfallmediziner bedeutet es, dass die Erkrankungen behandlungsintensiver sind. Für die Patienten hat es zur Folge, dass schon gesundheitliche Schäden eingetreten sein könnten, die vermeidbar gewesen wären. Wir haben jetzt zum Beispiel vermehrt Herzinfarkte, die Tage zurückliegen. Da sehen wir am EKG einen bestimmten Ablauf, woran deutlich wird, dass der Herzinfarkt schon 3 bis 5 Tage her ist. Das gab es früher selten. Diese Patienten halten erst mal einen dramatischen Brustschmerz aus, bis sie irgendwann doch ihren Hausarzt anrufen, der sie dann sofort in die Notaufnahme schickt.

Wie könnte man aus Ihrer Sicht die coronabedingte Hemmung gegenüber Krankenhäusern abbauen?

Ich glaube, es hat sich im Vergleich zum Vorjahr schon vieles verbessert. Die Hausärzte sind da noch mal wichtiger in ihrer Steuerungsfunktion und als Beratende geworden. Der Kontakt zum Patienten ist wieder etwas reger geworden. Aber vielen Menschen müsste insgesamt wieder bewusster werden, wie sie mit ihrem Körper umgehen. Es gibt ja manchmal eine gewisse Sorglosigkeit mit dem eigenen Körper. Jeder Mensch sollte wirklich schauen, wie geht es mir, sind meine Beschwerden etwas, was mich kaum beeinflusst. Oder ist es etwas, was wirklich vom Schmerz her schwer ist, sodass ich mich gar nicht mehr auf etwas anderes konzentrieren kann. Die Selbstbeobachtung sollte wieder dahingehen, dass ich mich selbst besser einschätzen lerne, ohne übersensibel mit mir umzugehen.

Beim Stichwort übersensibel: Es gibt ja auch immer wieder Menschen, die die Notaufnahme mit Kleinigkeiten blockieren – ist dieses Phänomen in Pandemiezeiten zurückgegangen?

Das ist der schmale Grat, den wir immer haben: Auf der einen Seite zu viel aushalten und auf der anderen Seite zu sensibel in sich reinzuhorchen, um nachts eine Notaufnahme für eine Abklärung aufzusuchen. Wir möchten die Menschen ermutigen, fair mit ihrem Körper umzugehen. Das bedeutet: Kurz in sich reinhören und sich fragen, ob man die Beschwerden für sich einordnen kann. Wenn nicht, gibt es genug Möglichkeiten, sich zu erkundigen. Es gibt den ärztlichen Bereitschaftsdienst der KV, den man anrufen kann und die Feuerwehr für dramatische Situationen. Wir bekommen auch täglich Anrufe, bei denen Menschen eine Beratung wollen und diesem Wunsch kommen wir dann auch nach.

Welche Patienten müssen zur ärztlichen Behandlung in die Notaufnahme?

Grundsätzlich kann ich als Arzt sagen, dass jeder kommen darf, der ein gesundheitliches Problem nicht alleine lösen kann. Wenn zum Beispiel jemand ein Schmerzmittel nimmt und es wird nicht besser, dann ist es etwas, was ein Arzt sich anschauen muss. Natürlich muss ich nicht kommen, wenn ich 25 Jahre alt bin und mal Nasenbluten habe. Umgekehrt ist es aber so, dass jemand, der Nasenbluten hat und dazu einen hohen Blutdruck und Blutverdünner nimmt, seine Blutung nicht alleine zum Stillstand kriegen wird und natürlich kommen sollte. Es gibt zahlreiche Beispiele, wo Menschen auch individuell abwägen müssen. Generell gilt, dass jeder der eine schwerere Verletzung oder eine relevante Blutung hat, sich im Krankenhaus vorstellen soll. Das heißt nicht, dass man dann immer auch stationär bleiben muss. Viele werden in der Notaufnahme anbehandelt und können dann ambulant weiterbehandelt werden. Ich möchte aber Patienten ermutigen, dass sie bei Symptomen wie schwerer Luftnot, Brustschmerzen oder neurologischen Problemen so schnell wie möglich in die Notaufnahme kommen.

Welche Vorkehrungen treffen Sie, um das Infektionsrisiko in der Notaufnahme so gering wie möglich zu halten?

Es fängt damit an, dass man in unsere Notaufnahme nicht einfach hineinspazieren darf. Jeder Patient wird am Anfang nach bestimmten Infektionsrisiken befragt, das wissen auch die Rettungsdienste. Jeder Patient wird erst einmal isoliert, bis wir sicher sein können, dass keine COVID-19-Infektion vorliegt. Wir machen nicht nur Antigen-Schnelltests, sondern haben PCR-Tests, deren Ergebnis uns in einer Stunde vorliegt. Zusammen mit bestimmten hygienischen Maßnahmen ist das der maximale Schutz, den wir bieten können. Zudem darf nur noch ein Angehöriger im Wartebereich dabei sein oder wird per Handy dazu gerufen. Dadurch haben wir möglichst wenig Kontaktpersonen in der Notaufnahme.

Was haben Sie als Notarzt durch die Pandemie gelernt?

Wir haben durch Corona sehr viel gelernt und leider auch, dass nicht nur die COVID-19-Infektion an sich eine schwere Erkrankung ist, sondern auch das Post-COVID-Syndrom sowie die Begleiterscheinungen, wie beispielsweise eine überschießende Immunantwort. Auch junge, nicht vorerkrankte Menschen haben danach das Risiko, bei einer COVID-19-Infektion Thrombosen oder versteckte Lungenembolien zu entwickeln.

Vielen Dank für das Gespräch, Dr. Schachinger.
Das Interview führte Laura Will.

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