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Mehr Impfdurchbrüche wegen Delta-Variante - Dritte Corona-Impfung: Wer sie braucht und wer nicht

Wer sich impfen lässt, wähnt sich in Sicherheit. Doch mittlerweile sind in Deutschland mehr als 24.000 Menschen an Corona erkrankt, obwohl sie geimpft waren. Zwar landen sie meistens nicht im Krankenhaus. Bestimmte Personengruppen sollten sich aber vorsichtshalber ein drittes Mal impfen lassen, empfehlen Mediziner.

Tim Schaub ist einer von 24.098 Menschen in Deutschland, die mittlerweile einen Impfdurchbruch hatten. Der 29-Jährige hatte Corona – obwohl er geimpft war. Im Mai schon hatte er sich bei einer Schwerpunkt-Impfung in Neukölln angestellt und Johnson & Johnson bekommen. Vor ein paar Wochen bekam er dann plötzlich Erkältungssymptome: "Ich hatte eine laufende Nase, Schnupfen, Husten, Halsschmerzen, Fieber", erinnert er sich. Er konnte nicht durchschlafen. Der Geschmackssinn war weg, der Test positiv: Also doch: Corona.
 
Das Lahmacun schmeckt für ihn jetzt immer noch seltsam, "als wär’s nicht richtig gesalzen", sagt er. Ansonsten geht es ihm aber wieder gut.

Medizinerin: Dritte Impfung zeigt gute Antwort auf alle Varianten

Dass die Zahlen steigen, hängt auch mit der Delta-Variante zusammen, erklärt Virologin Christine Dahlke vom Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg. "Delta hat die Fähigkeit, sehr schnell in die Zellen reinzukommen und sich sehr schnell zu vermehren. Dadurch muss das Immunsystem eigentlich auch sehr schnell reagieren, und manchmal ist es zu langsam, so dass das Virus sich vermehren kann und es zu einer Infektion kommen kann – trotz Impfung", so Dahlke.
 
Die Angst vor Impfdurchbrüchen hat nun zu einer Diskussion darüber geführt, ob und für wen eine dritte Corona-Impfung sinnvoll wäre. Die Ständige Impfkommission hat hierzu bislang noch keine Empfehlung abgegeben. Klar ist aber bereits, dass eine dritte Impfung gut wirkt.
 
"Es gibt viele Studien aus verschiedenen Ländern, die die dritte Impfung getestet haben. Da ist es auch nochmal interessant zu beobachten, dass die Antikörper sehr viel höher gehen. Und diese Antikörper sind auch gegen alle Varianten hochaktiv. Eine dritte Impfung zeigt wirklich eine gute Antwort auf alle Varianten", so Dahlke.

Impfstoff global ungerecht verteilt

Dennoch würde sie eine dritte Impfung jungen und gesunden Menschen derzeit nicht empfehlen. Denn sie sind ihrer Meinung nach nicht gefährdet, schwer an Corona zu erkranken, wenn sie vollständig geimpft sind. Das zeigen auch aktuelle Zahlen des Robert-Koch-Instituts. Demnach schützt die Impfung – auch ohne Auffrischung – bereits zu mehr als 90 Prozent vor einer Einweisung ins Krankenhaus. Vor einem Tod durch Corona schützt sie Menschen zwischen 18-59 Jahren sogar zu 100 Prozent, Menschen ab 60 Jahre zu 91 Prozent.
 
„Wenn wir ganz viel Impfstoff hätten, dann könnte man sagen, wir geben uns allen einfach eine dritte Impfung. Aber solange wir nicht diese globale Verteilung haben, desto schwieriger wird es, die Pandemie zu beenden. Und deswegen muss man wirklich abwägen: Für wen ist es sinnvoll?“, argumentiert Virologin Dahlke.

Dritte Impfung für über 80-Jährige

Sinnvoll ist es aus ihrer Sicht, Immunsupprimierte und Menschen über 80 Jahre ein drittes Mal zu impfen. So wird es in den meisten Bundesländern bereits gehandhabt – auch in Berlin und Brandenburg.
 
Allgemeinarzt Thomas Georgi ist in seiner Praxis in Berlin-Pankow schon dabei, einige seiner Patienten zum dritten Mal zu impfen. Studien zeigten, dass gerade bei älteren Patienten das Immunsystem nicht mehr so reagibel sei und die Immunantwort nach sechs Monaten deutlich abfalle, so Georgi. "Deswegen ist es angezeigt, dass wir gerade ältere Patienten, die darüber hinaus noch in Pflegeeinrichtungen gehen oder noch andere chronische Erkrankungen haben, besonders schützen mit einer dritten Impfung", empfiehlt der Allgemeinmediziner.

Beitrag von Anja Herr

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